Wenn Herr Keuner ein Gesicht bekommt

Die Geschichten vom Herrn Keuner gehören zu Bertolt Brechts bekanntester Prosa. Nun hat sich der Zeichner Ulf K. des Stoffes angenommen und die Parabelsammlung als Comic adaptiert.

Unter dem Titel Geschichten vom Herrn Keuner verbirgt sich eine Sammlung zahlreicher Parabeln, in denen der eigenschaftslose Herr Keuner mal humoristisch, mal kritisch, aber immer nachdenklich stimmend seine Weisheiten vermittelt. Der Comic-Zeichner Ulf K. hat sich an die kleinen Erzählungen herangewagt und die Geschichten vom Herrn Keuner in Form kurzer Comics neu interpretiert.

Ein Mann, der Herrn K. lange nicht gesehen hatte, begrüßte ihn mit den Worten: „Sie haben sich gar nicht verändert.“ „Oh!“ sagte Herr K. und erbleichte.

Wenn Herr Keuner von seinem Lieblingstier erzählt, wird er selbst mal zum Elefanten. © Suhrkamp Verlag Berlin 2013
Wenn Herr Keuner von seinem Lieblingstier erzählt, wird er selbst mal zum Elefanten.
© Suhrkamp Verlag Berlin 2013

Es sind Geschichten wie diese, die Brechts Parabelsammlung so faszinierend machen. Dabei wird oft auf politische Themen, wie etwa Nationalsozialismus oder Kapitalismus gegen Sozialismus, angespielt. Die trotzdem stets vorhandene Leichtigkeit wird von Ulf K. durch simple, fast karikaturistische Zeichnungen eingefangen. Dabei hält er sich fast immer an den von den Parabeln vorgegeben Rahmen.

Besonders in Erinnerung bleiben jedoch vor allem die Adaptionen, in denen Ulf K. seinen kreativen Spielraum ausreizt. Wenn Herr Keuner sich beispielsweise einer Haifisch-Analogie bemüht, um seiner Nichte Konzepte wie Demokratie oder Religion näher zu bringen, verwandelt sich Herr Keuner letztendlich selbst in einen Hai. In einer anderen Geschichte erklärt der weise Protagonist seinem Zuhörer, warum der Elefant sein Lieblingstier ist. In jedem Panel wird Herr Keuner daraufhin als eben jener Dickhäuter dargestellt. Umsetzungen wie diese schöpfen das erzählerische Potential des Mediums Comic hervorragend aus.

Die Parabeln eignen sich auf Grund ihrer Kürze und ihrer Bildlichkeit natürlich hervorragend zur Umsetzung in Form eines Comics. Doch wie soll Herr Keuner visualisiert werden, der als „Mann ohne Eigenschaften“ auftritt und nicht umsonst eine Ähnlichkeit zum Wort „Keiner“ aufweist? Ulf K. löst das Problem, indem er auf die autobiografischen Züge der Figur anspielt und sie mit einer unverkennbaren Ähnlichkeit zu Brecht zeichnet.

Ulf K. hat es sich zusätzlich erlaubt, eigene Parabeln zu kreieren und diese jenen von Brecht beizugeben. Tatsächlich reihen sie sich sogar sehr gut in das Register der ursprünglichen Geschichten ein. Leider werden allerdings nur knapp 30 der über 100 Geschichten umfassenden Sammlung aufgegriffen. Für einen ersten – und vor allem unterhaltsamen – Zugang zu Brechts Parabeln eignet sich Ulf K.s Comic jedoch allemal.

herrn_keuner_coverTitel: Geschichten vom Herrn Keuner
Autor: Ulf K., Bertolt Brecht
Verlag: Suhrkamp
Preis: 18,99€

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Über Dennis Wegner 35 Artikel
Dennis studiert Deutsch, Englisch und Russisch an der Uni Kiel. Seit 2011 ist er Teil der Redaktion. Bis zum Wintersemester 2013/14 war er für das Layout der Print-Ausgabe verantwortlich. Von Anfang 2012 bis Mai 2015 war er Chefredakteur für den Online-Bereich.

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