Wie ein Mosaik in unseren Köpfen

Plattensau: Leoniden – Complex Happenings Reduced To A Simple Design

Albumcover der Leoniden-Complex Happenings Reduced To A Simple Design // Bild: Charis Ann Gibson

Fünf Kieler Jungs haben es geschafft. In der jetzigen Konstellation produziert die Truppe seit 2015 Musik, hat bereits ihr eigenes Label gegründet und schafft bei Konzerten eine ganz besondere Verbindung zu ihrem Publikum. Seit Ende August dieses Jahres ist das dritte Album Complex Happenings Reduced To A Simple Design der Leoniden auf dem Markt und die Platte kann was! Denn nicht umsonst ist sie auf Platz 1 der Deutschen Albumcharts gelandet. Sie sprengen mit diesem Album erneut die Genre-Grenzen. Die Leoniden haben sich hier mehr als ausgetobt mit coolen Features rund um Drangsal, Ilgen-Nur und Pabst. Es erinnert an den 90er Jahre Alternative-Rock und vereint sich mit den 2000er Jahren Richtung sonisch-drückenden Posthardcore bis hin zu den Techno-Parts, die uns an die 2010er denken lassen. Eine Zeitreise durch die Musik quasi. Die Skits verleihen dem Album dann noch mal eine ganz eigene Dynamik, an die die Hörer:innen sich zwar erst gewöhnen müssen, es auf der anderen Seite dann aber auch nicht missen wollen. Ein mutiges Album, das mit jedem der 21 Songs im Gedächtnis bleibt.  

Sänger Jakob hat exklusiv mit dem ALBRECHT gesprochen und einige spannende Facts zum neuen Album verraten.   

DER ALBRECHT: Wie lange habt ihr an der Platte gearbeitet? 

Jakob: Bewusst den ersten Ton für dieses Album haben wir vor circa zweieinhalb Jahren geschrieben. Richtig angefangen haben wir aber erst im Dezember 2019. Wir sind damals nach Berlin zu Markus Ganter gefahren, einer der beiden Produzenten des Albums, und haben den ersten Song L.O.V.E. aufgenommen, um zu testen, ob und wie wir uns verstehen und ob wir zusammenarbeiten möchten. 

Und wie kam es zu diesem ungewöhnlichen Albumtitel?  

Ursprünglich hatten wir einen noch viel längeren Titel: Complex Happenings Reduced To A Simple Design Which Enables The Individual To Make It´s Own Bad Decisions. Dann haben wir aber selber gemerkt, dass dieser Titel einfach zu heavy ist und dachten, dass dieser halbe Satz eigentlich viel mehr von dem zusammenfasst, was wir sagen wollen. Durch unsere Kieler Freund:innen von No Talent, die das Artwork des Albumcovers gemacht haben und diese symbolische „brennende Welt” wuchs dann alles richtig zusammen. So wurde klar, dass Complex Happenings Reduced To A Simple Design der Catchphrase des Albums wird, weil wir mit dem, was wir tun, eigentlich in jedem Song immer genau das machen.

Wenn wir einen Song L.O.V.E. nennen, ist das schon ganz schön größenwahnsinnig, dass man das Thema Liebe in drei Minuten abhandeln möchte und dies aber eigentlich nicht kann. Aber eine Seite davon und eine herauskristallisierte subjektive Wahrheit von uns, die können wir dadurch vermitteln und am Ende haben wir eine dreiminütige Audio-Datei, die das Simple Design von dem wirklich sehr komplizierten Happening ist.  

21 Songs sind ungewöhnlich für ein Album. Wie kam es zu einem so langen Album? 

Das Album war Ende 2020 schon fertig mit ungefähr 13 Songs. Wir waren damit auch zufrieden, konnten dann coronabedingt keine Konzerte spielen, was wir aber unbedingt machen wollten, wenn das Album rauskommt. Dann haben wir einfach weitergeschrieben. Das hat uns einen Freiraum gegeben, den wir so vorher noch nicht hatten, denn wir konnten noch verrückter experimentieren, als wir es eh schon gerne tun. So haben es auch Sachen auf das Album geschafft, die wir uns vielleicht bei den Alben davor nicht getraut und keinen extra Platz eingeräumt hätten.  

Welche Songs wären das zum Beispiel?  

Lustigerweise hört man das den Songs nicht an. Von den Skits Complex Happenings… Part 1-5 hatten wir nur zwei unter den 13 Songs und Broken Pieces ist eine Hommage an den frühen 2000er „math-frickel-weirdo-rock“, die es sonst auch nicht gegeben hätte. Dissapointing Life, Paranoid und das Intro wären auch auf dem kürzeren Album gewesen. Wir haben uns ein wenig mutiger verhalten als bei den beiden Alben davor. Aber die Features wären zum Beispiel nicht bei dem Album mit den 13 Songs dabei gewesen.  

Wie kam es zu den Features? 

Wenn die Platte nur so wie die anderen beiden knapp über 35 Minuten gehen würde, wüssten wir gar nicht genau, ob wir Platz eingeräumt hätten für Features. Das war bisher eigentlich eher nicht unser Anspruch. Wir sind mit den drei Künstler:innen supergut befreundet und haben Songs geschrieben, wo wir gedacht haben: „Ilgen-Nur?! Das wäre es einfach!” Anschließend haben wir Ilgen-Nur angerufen und haben sie gefragt, ob sie nicht bei einem Song, der wie von einem Twilight-Soundtrack klingt, mitwirken möchte und sie war direkt begeistert! Sie hat an dem Tag noch über ihr Kopfhörer-Mikrofon den Demo-Track eingesungen und anschließend haben wir uns im Studio getroffen.  

Das heißt, die Songs waren schon vorher fertig und ihr habt dann erst anschließend nach den Features gefragt? 

Genau. Mit Erik von Pabst haben wir noch ein bisschen am Song rumkomponiert quasi. Also zumindest das Gitarrensolo hat sich so ergeben. Aber es war alles Karaoke mäßig und vorgefertigt. Max von Drangsal hat seinen Text selber geschrieben und mit ihm waren wir dann noch zusammen im Studio. 

Welche Botschaft möchtet ihr mit dem Album vermitteln? 

Es wäre nicht richtig, wenn ich jetzt so tun würde, als wäre es eine Geschichte, die chronologisch erzählt wird und mit einer Moral, die am Ende übrigbleibt. Aber wir haben bei diesem Album schon Themen wie Nachhaltigkeit, Menschenwürde und auch Mental Health Awareness weiter nach vorne gestellt als vorher und wir haben viel mehr darüber gesprochen, weil uns das wichtig war. Ansonsten ist es wie immer ein Mosaik aus all dem, was durch unsere Köpfe fliegt. Nur häufig eben auch dann die schweren Themen wie Weltschmerz zum Beispiel.  

Gibt es einen Song, der dir persönlich besonders wichtig ist? 

Ich denke, auf der Hand liegt Blue Hour. Diesen Song habe ich meiner Zeit mit Panikattacken und einer leichten Depression gewidmet. Der ist somit für mich persönlich sehr wichtig gewesen. Auch die Songs Blue Hour und New 68 haben bei mir im Kopf viel bewegt. 

Gibt es einen Song auf dem Album, bei dem es der gesamten Band so ging? Wo ihr länger als sonst dran gefeilt habt? 

Ja, das sind auf jeden Fall auch genau diese beiden Songs, bei denen wir ganz besonders vorsichtig mit der Pinzette herangegangen sind. Aber am längsten hat L.O.V.E. gedauert. Da haben wir glaube ich ein halbes Jahr dran geschrieben, bis das Lied fertig war. Dieser Song sollte nämlich die Mitte des Albums markieren. Er sollte zeigen, in welche Richtung das Album genremäßig geht. Das fiel uns schwer, weil wir dann natürlich noch nicht genau wussten, wo die Reise hingeht. Der Prozess hat 75 Mixe gedauert, bis alle Parteien zufrieden waren. 

Wie ist das Gefühl nach der ganzen Zeit, in der ihr nicht live spielen konntet, wieder auf der Bühne zu stehen? Was hat sich dahingehend für euch verändert? 

Das ist natürlich in erster Linie eine rhetorische Frage. Natürlich mega geil! Einmal, was über allem steht, ist, dass man sich rational noch gut dran erinnern kann, warum man Konzerte liebt und warum sie so toll sind. Aber emotional ist man noch nicht ready für das Gefühl, was kommt, wenn man auf die Bühne geht. Und dann kommt noch dazu, dass wir dachten, dass diese corona-konforme Picknick-Konzepte total schräg werden. Die waren dann aber auch letztlich mega schön, weil alle wussten, dass dies das Beste ist, was gerade möglich ist. Dennoch gehen wir so oder so völlig strahlend von der Bühne. 

Wie geht es weiter für euch, was Liveauftritte angeht? Was ist noch für dieses Jahr geplant?  

Wir sind ja jetzt bereits am Ende des Sommers. Wir spielen noch auf zwei Festivals und haben schon fast 30 Auftritte gespielt dieses Jahr. Es war ein ereignisreicher und total schöner Sommer für uns. Wir konnten ganz viele neue Songs spielen, die wir sonst erst im März nächstes Jahr auf der Tour gespielt hätten. Umso schöner ist, dass dieser Sommer einer ist, der mich auch akzeptieren lässt, dass man jetzt noch mal wieder ein bisschen geduldig sein muss. Es steht noch in den Sternen, wie es nun weitergeht. Am Ende des Jahres machen wir aber noch eine kleine Jahresabschluss-Tour. // 

Autor*in

ist seit November 2020 Teil der ALBRECHT-Redaktion. Im Frühjahr 2021 übernahm sie zusätzlich den Posten der Ressortleitung für Kultur. Charis ist 26 Jahre und eine echte Kieler Sprotte. Sie ist gelernte sozialpädagogische Assistentin, hat bereits fünf Jahre in einer Kita gearbeitet und hat sich dann für ein Studium entschieden. Seit WiSe 2020/21 studiert sie nun Deutsch und Soziologie.

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ist seit November 2020 Teil der ALBRECHT-Redaktion. Im Frühjahr 2021 übernahm sie zusätzlich den Posten der Ressortleitung für Kultur. Charis ist 26 Jahre und eine echte Kieler Sprotte. Sie ist gelernte sozialpädagogische Assistentin, hat bereits fünf Jahre in einer Kita gearbeitet und hat sich dann für ein Studium entschieden. Seit WiSe 2020/21 studiert sie nun Deutsch und Soziologie.

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