Politik ist Elitensache

Kommentar von Nele Dauelsberg 

Bild: Hoch3media // Unsplash

Prof. Dr. Karl Lauterbach, Peter Altmaier und Dr. Franziska Brantner – diese drei Bundestagsabgeordneten haben eines gemeinsam: Sie gehören zu den 80 Prozent der Parlamentarier*innen mit einem Hochschulabschluss. Obwohl auf dem Bundestag in Berlin „Dem deutschen Volke“ steht, scheinen die Politiker*innen keine Abbildung dieses ,Volks’ zu sein, denn nur 13 Prozent der deutschen Bevölkerung besitzen einen Hochschulabschluss.   

Laut einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung aus dem Jahr 2020 sind 25,5 Prozent der deutschen Bevölkerung mit niedrigem Bildungsabschluss unzufrieden mit der Demokratie. Dem gegenüber stehen Menschen, die Zugang zu höherer Bildung hatten oder haben, denn mit nur 6,8 Prozent Unmut unter ihnen ist der Unterschied erheblich.  


Viele Parteimitglieder mit Hochschulabschluss  

Trotz hoher Unzufriedenheit bleibt die Beteiligung der Menschen mit niedrigerem Bildungsabschluss in der Politik nur gering. Die offiziellen Zahlen der sozialen Zusammensetzung von den eingetragenen Parteimitgliedern fast aller im Bundestag vertretenen Parteien zeigen, dass von ihnen im Durchschnitt etwa 19 Prozent die Hauptschule oder keine Schule, 20 Prozent die Realschule und 15 Prozent das Gymnasium als höchsten Bildungsabschluss besitzen. Dem gegenüber gibt es ganze 46 Prozent, die die Hochschule absolviert haben. Dieser Anteil an Hochschulabsolvent*innen ist mehr als dreimal so groß, als innerhalb der Gesamtbevölkerung mit 13 Prozent.  

Die AfD gab keine Angaben in Bezug auf die Bildung ihrer Mitglieder bekannt. Nach den Landtagswahlen 2017 ist jedoch davon auszugehen, dass sich hier ein entgegengesetzter Trend gegenüber dem Rest des Bundestages entwickelt hat. Dies ergibt eine offizielle Umfrage von infratest dimap desselben Jahres. Demnach scheint die Partei besonders Menschen mit niedriger Bildung anzusprechen.    


Gymnasien mit effektiverer politischer Bildung   

Der Grundstein der politischen Bildung wird in der Schule gelegt: Hier lernen die Schüler*innen etwas über Demokratie, die Bundesrepublik und Konfliktlösungen.  

Schwerpunkte wie die differenzierte Meinungsbildung sowie das kritische Hinterfragen von Standpunkten und Systemen werden besonders stark in der gymnasialen Schulbildung gesetzt. Der Lehrplan für das Fach Wirtschaft/Politik für die Sekundarstufe I und II vom Land Schleswig-Holstein beispielsweise gilt wie jeder Lehrplan als verpflichtende Arbeitsgrundlage für alle Schulen. Er unterscheidet zwischen den einzelnen Schulformen. Die Arbeitsweise der Gymnasialschüler*innen wird als „umfassend“, „differenziert“, „weiterdenkend“ und „selbständig“ beschrieben. Diese Schlüsselbegriffe werden in allen vorgeschriebenen Themenbereichen im Fach Wirtschaft/Politik verwendet. Dieses Curriculum kann exemplarisch für die politische Bildung an Gymnasien in ganz Deutschland gesehen werden. In den anderen Schulformen werden ähnliche Themen behandelt. Dies geschieht jedoch auf einfacherem Niveau und mit stärkeren Hilfeleistungen. So haben die Schüler*innen die Aufgabe, aus vorgegebenen Meinungen zu wählen und diese angeleitet durch vorgegebene Punktezu kritisieren. Hinzu kommt die Sozialkompetenz, die in Form von Themenmodulen einen großen Teil des Politikunterrichts der Schulen einnimmt.  Sozialer Umgang, Zivilcourage und Konfliktlösung in der Gesellschaft sind dabei wesentlicher Bestandteil.  

Für Gymnasiast*innen entsteht sowohl ein qualitativer als auch quantitativer Vorteil gegenüber Schüler*innen niedrigerer Bildungsniveaus. Durch die unterschiedliche Herangehensweise im Lehrunterricht ist es Gymnasialschüler*innen möglich, einen eigenen politischen Standpunkt zu entwickeln, der nötig ist, um eine aktive Rolle in der Politik einnehmen zu können. Schüler*innen von Haupt- und Realschulen lernen zwar verschiedene politische Sichtweisen kennen, die Entwicklung einer eigenen ist im Unterricht jedoch nicht essentiell. Nicht-Gymnasiast*innen sind stärker darauf angewiesen, sich privat zu informieren und weiterzubilden, um eine eigene differenzierte Meinung entwickeln und sich so aktiv in der Politik beteiligen zu können. Der quantitative Vorteil liegt in der zwei bis vier Jahre längeren Schulzeit, die es Gymnasiast*innen ermöglicht, nicht nur grundlegende, sondern auch tiefergreifende Themen zu behandeln.  


Vereinfachung von Politikunterricht ist problematisch  

Schüler*innen, die nicht das Gymnasium besuchen, finden ihren Politikunterricht häufig zu kompliziert. Das ergab eine Umfrage des Otto-Suhr-Instituts für Politikwissenschaft der Freien Universität Berlin aus dem Jahr 2019. Deshalb greifen viele Lehrer*innen auf für diese Schüler*innen realitätsnahe Beispiele aus der Politik zurück. So soll es ihnen leichter gemacht werden, komplexere Sachverhalte nachzuvollziehen. Solche Beispiele können Klassenräte oder Diskussionsrunden sein. In diesen Räten und Runden lernen sie, ihren eigenen Standpunkt zu vertreten. Problematisch ist, dass es sich hierbei um eine gesellschaftliche Situation handelt, die die Konfliktlösung und -prävention zum Ziel hat. Somit werden keine politischen Fähigkeiten geschult, sondern ausschließlich die Sozialkompetenzen. Diese Fertigkeiten sind ein wichtiger Bestandteil des allgemeinen Schulunterrichts, sie sind jedoch durch ihren starken Anteil im Politikunterricht an Nicht-Gymnasien nicht eindeutig von politischen Fähigkeiten zu unterscheiden.  

Dieses Problem lässt sich mit der ,Parallelisierungsfalle’ erklären. Demnach ist es nicht möglich, umfassende Teile des politischen Systems auf kleinere Bereiche, wie den Alltag von Schüler*innen, zu übertragen. Während es im Alltag notwendig ist, Konflikte zu lösen oder durch Kompromisse zu vermeiden, damit ein harmonisches Miteinander entsteht, sind Meinungsverschiedenheiten in der  Politik unerlässlich. Die Opposition soll die Regierung auf mögliche Fehler hinweisen und sie durch den Konflikt auf neue Ideen bringen. So soll eine möglichst reflektierte Handlungsweise der Regierung sichergestellt werden.   


Politisches Engagement wird an Hochschulen gefördert  

Im Anschluss an den Gymnasialunterricht bieten Universitäten und Fachhochschulen durch Gruppen und Organisationen mehrere Plattformen, bei denen die politische Meinung entwickelt, weitergebildet und vertreten werden kann. Die zahlreichen Partizipationsmöglichkeiten während des Studiums können auch ein Grund für das hohe Maß an Politiker*innen mit Hochschulabschluss sein.   

Die gymnasiale Schulbildung soll auf die Hochschule vorbereiten. Deshalb heißt der Abschluss nicht nur Abitur, sondern auch allgemeine bzw. fachliche Hochschulreife. Durch diese Vorbereitung – besonders im politischen Sinne – wird schon in frühen Jahren eine Elite gebildet. Gymnasiast*innen werden beim Entwickeln ihres Standpunkts gefördert, den sie später an der Universität vertreten können.  

Demgegenüber stehen die Schüler*innen anderer Schulformen: Sie haben es schwer, diese vielfältigen Möglichkeiten wahrzunehmen, weil sie nicht auf direktem Weg eine Hochschule besuchen können. Wenn sie nicht studieren, werden sie weniger auf eine meinungsvorgebende Rolle in der Politik, sondern auf eine stille Anteilnahme vorbereitet.   

Die Ungleichheit trägt einen Teil zum geringeren Engagement der mittleren und niedrigeren Bildungsschicht bei. Durch weniger Möglichkeiten der Eigeninitiative und differenzierter Meinungsbildung entstehen weniger Berührungspunkte zu politischen Themen.   


Schulbildung als Veränderungsmöglichkeit gegen Elitenpolitik  

Es ist problematisch, dass Menschen mit niedrigerem Bildungsabschluss kaum gefördert werden, ihren politischen Standpunkt in aktuellen öffentlichen Diskussionen und kontroversen Themen einzubringen. Dadurch ist es möglich, dass wichtige Ideen nicht gehört werden oder gar entstehen, weil eine frühe Unterstützung fehlte.  

Obwohl Politiker*innen wie Martin Schulz zeigen, dass es möglich ist, auch ohne Hochschulabschluss oder Abitur in die Politik zu gehen, ist es wichtig, mehr Menschen aus allen Bildungsschichten zu einer aktiven Teilnahme zu verhelfen. So wäre es möglich, ein repräsentatives Meinungsbild der deutschen Bildungsschichten im Bundestag zu entwickeln. Das könnte zu weniger Unzufriedenheit in der Demokratie führen, weil so jeder Mensch, unabhängig vom Bildungsabschluss, stellvertretende Politiker*innen haben könnte, die ihnen auf Augenhöhe begegnen.  

Natürlich gibt es neben der Schulbildung noch weitere Bereiche, die zur politischen Willensbildung beitragen. Diese sind jedoch oftmals schwer beeinflussbar, wie zum Beispiel der soziale Hintergrund. Die Schulbildung bietet jedoch einen Punkt, an dem gut angeknüpft werden kann, um Menschen aller Bildungsformen zu integrieren.   

Autor*in

Nele studiert seit Wintersemester 2019/20 Politikwissenschaften und Deutsch an der CAU. Im Mai 2020 hat sie als Redakteurin beim ALBRECHT angefangen.

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Über Nele Dauelsberg 2 Artikel
Nele studiert seit Wintersemester 2019/20 Politikwissenschaften und Deutsch an der CAU. Im Mai 2020 hat sie als Redakteurin beim ALBRECHT angefangen.

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