Wird es eng in der Leibnizstraße?

Der Umbau am unteren Campus verringert die Anzahl der Bibliotheksarbeitsplätze deutlich

von Nadine Pelkmann

In  Zukunft  werden  die  Fakultätenblöcke  in  der  Leibnizstraße  mehr  miteinander  verbunden  sein,  doch  nicht  alle  sind  davon  begeistert.  AGN Leusmann

12. Juni 2018

Auf dem Campus wird gebaut, das ist kaum zu übersehen. Das Juridicum ist erst der Anfang. Bis etwa 2028 sollen auch die Fakultätenblöcke – Heimat der Rechtswissenschaftlichen, der Theologischen und der Philosophischen Fakultät – umgebaut und modernisiert werden. In dieses Projekt sind viele Interessengruppen involviert: Bauleitung, Studierende, verschiedene Fakultäten, mehrere Fachbibliotheken und deren Verwaltung. Aus studentischer Sicht scheint besonders ein Thema zentral zu sein: die Anzahl der in Zukunft zur Verfügung stehenden Arbeitsplätze für Studierende. Doch ob die anstehenden Veränderungen gerade in dieser Hinsicht positiv sein werden, war während der Recherche für diesen Artikel nicht immer klar. Von dem Eindruck, dass wir bald nur noch gestapelt in der Bibliothek arbeiten können, über fehlende studentische Beteiligung bis hin zu verheißungsvollen neuen Bibliothekskonzepten war alles dabei. Dieser Artikel nimmt euch mit auf unseren Erkenntnispfad zum Thema Arbeitsplatzmangel in der zukünftigen Leibnizstraße – ja, nein, vielleicht?
Und so fing alles an: Philipp und Sebastian von der Fachschaft Jura kamen auf den ALBRECHT zu, um uns darauf aufmerksam zu machen, dass durch die Umbaumaßnahmen an der Leibnizstraße die Bibliotheksarbeitsplätze deutlich reduziert werden sollen. Sie legten uns einen Projektbericht des HIS-Instituts für Hochschulentwicklung vor, an dem sich die konkreten Planungen für das Juridicum orientieren. Ziel ist es, die Anzahl der Bibliotheken sowie ihrer Standorte zu reduzieren und den diagnostizierten Flächenüberschuss in den Bibliotheken abzubauen. Zum Zeitpunkt der Untersuchung im Jahr 2012 gab es 58 Bibliotheken, von denen 49 in das Projekt einbezogen wurden. Diese sind an 36 Standorten untergebracht und bieten insgesamt 3 066 Nutzerarbeitsplätze.
Dem Bericht zufolge kann der Flächenbedarf der Bibliotheken durch die Umsetzung der Vorschläge um etwa ein Viertel reduziert werden. Die Flächeneinsparungen sollen dabei vor allem durch die Zusammenlegung der Fachbibliotheken der drei Fakultäten zu einer Verbundbibliothek, die Nutzung der Buchlagerkapazitäten der Zentralbibliothek und einen Abbau überschüssiger Nutzerarbeitsplätze erreicht werden.

So soll das Juridicum aussehen wenn es fertig ist. AGN Leusmann

So soll das Juridicum aussehen wenn es fertig ist.
AGN Leusmann

Aktuell stehen den Rechtswissenschaftlern 763 Arbeitsplätze zu Verfügung. Im Juridicum wird es nach aktuellen Planungen insgesamt nur noch 485 Arbeitsplätze geben, von denen nur 278 explizit für die Jura-Studierenden eingeplant sind. Die restlichen Plätze entfallen auf Studierende der Philosophischen und der Theologischen Fakultät.
Diese Entwicklung sieht die Fachschaft kritisch, da die Zulassungszahlen für Jura von Semester zu Semester steigen. Außerdem bemängelt sie, dass in der Bedarfsanalyse des Berichts die durchschnittlichen Nutzerzahlen zu Grunde gelegt wurden, ohne den Bedarf in der Prüfungsphase zu berücksichtigen. Wenn also mehrere Jahrgänge gleichzeitig Hausarbeiten schreiben müssen und ein Großteil der benötigten Bücher nicht ausleihbar ist, kommen alle Studierenden zur gleichen Zeit in die Bibliothek und Arbeitsplätze werden zur Mangelware.
Grundsätzlich sieht die Fachschaft auch das Konzept der Verbundbibliothek kritisch. Die Verbundbibliothek, die sich zukünftig über eine Brücke vom Juridicum bis in die umgebauten Fakultätenblöcke erstrecken wird, würde außerdem mehr Fläche bieten, um einzelne Bücher vor Kommiliton*innen zu verstecken – eine leider weit verbreitete Unart unter Jura-Studierenden in ganz Deutschland. Da sich das Juridicum bereits in einem sehr fortgeschrittenen Baustadium befindet, kann die vorgesehene Arbeitsplatzanzahl kaum noch verändert werden. Deshalb setzt sich die Fachschaft dafür ein, dass die aktuelle Arbeitsplatzanzahl zum Beispiel durch eine Ausweitung in die LS 4 annähernd erhalten wird und statt einer Verbundbibliothek weiterhin eine rechtswissenschaftliche Fachbibliothek bestehen bleibt. Außerdem betonen sie, dass Jura-Studierende nicht als einzige betroffen sind. Den Fachschaften und Studierenden der anderen Fakultäten steht der Umbau und damit auch die Diskussion um Arbeitsplätze noch bevor.

„Menschen setzen sich heute für Dinge ein, von denen später andere profitieren – so funktioniert Gesellschaft“

Auch Clara Döge und Johnny Schwausch vom AStA-Ressort Infrastruktur sehen in der sinkenden Anzahl an Bibliotheksarbeitsplätzen ein Problem. In ihren Augen ist jedoch noch nicht alles verloren. Sie sehen Möglichkeiten, im Rahmen der bestehenden Umbaupläne weitere Arbeitsplätze zu schaffen, beispielsweise durch die Öffnung von Seminarräumen zum Bibliotheksbereich und die Umgestaltung des Studiums: Die Hausarbeitenphasen könnten entzerrt und mit anderen Studiengängen abgestimmt werden, sodass die Studierenden nicht mehr alle zur gleichen Zeit in die Bibliotheken strömen. Allerdings sei die studentische Beteiligung bei der Planung für die Gestaltung der Leibnizstraße nicht ausreichend. Von den betroffenen Fachschaften (Jura-Fachschaft ausgenommen) beziehungsweise der Fachschaftsvertreterkonferenz (FVK) komme beispielsweise wenig Input, sodass bei Planungstreffen Lehrende und Vertreter*innen der Fachbibliotheken oft in der Überzahl seien. Auf unsere Anfrage zu dem Thema hat sich die FVK bis Redaktionsschluss nicht zurückgemeldet, was den Eindruck der Gleichgültigkeit zu diesem Thema verstärkt. Clara und Johnny erläutern, dass es gerade bei langfristigen Projekten, wie dem Bauvorhaben an der Leibnizstraße, oftmals schwierig sei, studentische Beteiligung konstant zu halten, denn das Studium bringe eine gewisse Schnelllebigkeit mit sich. Wie die Leibnizstraße 2028 aussehen werde, sei für die wenigsten Studierenden heute von Belang, denn sie werden die Uni in zehn Jahren längst verlassen haben. Doch ohne den Einsatz heutiger Studierender für die kommenden Generationen geht es nicht. „Menschen setzen sich heute für Dinge ein, von denen später andere profitieren – so funktioniert Gesellschaft“, betont Clara.

„Heutzutage können wir keine Bibliothek mehr bauen, deren Flächen die Hälfte des Jahres ungenutzt bleiben – das ist mit neusten Nachhaltigkeitsstandards einfach nicht vereinbar.“

Wie wichtig dieser Aufruf zur stärkeren Beteiligung der Studierenden bei der Umgestaltung der Leibnizstraße ist, wird deutlich, als wir mit dem Projektleiter Tim Lüdrichsen und Dr. Anja Franke-Schwenk, die ebenfalls an der Projektplanung beteiligt ist, sprechen. Beide bestätigen, dass die Zahlen des Berichts auf einer nicht mehr aktuellen Grundlage bestehen und auf intransparente Weise zusammengekommen sind. Es sei der Projektleitung durchaus bewusst, dass die Planungsphase ein dynamischer Prozess ist und sich Faktoren (wie beispielsweise die Zahl der Jura-Erstsemester) ändern können. „Dieser Bericht ist nicht unsere Bibel“, unterstreicht Franke-Schwenk. Die Zahlen des Berichts gelten mittlerweile also nicht mehr als in Stein gemeißelt. Die Uni hat sich in langwierigen Verhandlungen mit dem Land Schleswig-Holstein erfolgreich für einige Anpassungen eingesetzt. Die Zahlen der Arbeitsplätze für Studierende nach der Neugestaltung der Fakultätenblöcke sind also noch verhandelbar, wenn auch nur in Maßen.
Als Reaktion auf die Sorge der Jurist*innen wurde deshalb in der Jura-Fachbibliothek eine aktuelle Bedarfsanalyse während der Peakphase, das heißt in der vergangenen Prüfungsphase der Jurist*innen, durchgeführt. Dabei wurde ein Höchstwert von 195 Bibliotheksnutzer*innen festgehalten. Dieser liegt folglich deutlich unter den geplanten 485 Arbeitsplätzen im Juridicum beziehungsweise den 370 Arbeitsplätzen, die explizit für die Rechtswissenschaften vorgesehen sind. Lüdrichsen ist deshalb der Meinung, dass die geplanten Plätze ausreichen und durch die Öffnung von Seminarräumen flexibel noch weitere Arbeitsplätze nach Bedarf entstehen könnten. Er betont: „Heutzutage können wir keine Bibliothek mehr bauen, deren Flächen die Hälfte des Jahres ungenutzt bleiben – das ist mit neusten Nachhaltigkeitsstandards einfach nicht vereinbar.“
Das Konzept der Verbundbibliothek sehen Franke-Schwenk und Lüdrichsen ausgesprochen positiv. Die Ressourcen sowohl an Arbeitsplätzen als auch an Büchern können in einer gemeinsamen Bibliothek gebündelt werden. Die Infrastruktur werde sich so für die Studierenden verbessern, denn es wird längere Öffnungszeiten, bessere Luft- und Lichtverhältnisse und einen Zugang zu mehr Büchern an einem Ort geben. Zwar müssen die Fachbibliotheken dafür jeweils 30 Prozent ihrer Bestände in das Magazin in der Zentralbibliothek auslagern, doch diese Bücher werden über eine Bestellung für die Nutzer*innen weiterhin erhältlich sein. Vor allem angesichts kleiner Fachbibliotheken mit wenigen Arbeitsplätzen und abenteuerlichen Öffnungszeiten wäre die Verbundbibliothek der Projektleitung zufolge eine echte Verbesserung. Dieser Einschätzung widerspricht nicht nur die Jura-Fachschaft. Frei nach dem Motto: „Meine Bibliothek, meine Bücher, mein Königreich“, sperren sich auch einige Institute und Verantwortliche der Fachbibliotheken gegen das neue Konzept. Franke-Schwenk merkt an, dass alle Interessengruppen schon vor zwei bis drei Jahren aufgefordert wurden, sich in die Planungen einzubringen, doch erst jetzt, da der Bau vor der Tür steht, Interesse zeigten.

„Das Juridicum und die Fakultätenblöcke sollen – durch die Brücke verbunden – zu einem großen, flexiblen Komplex werden, der die verschiedenen Bedürfnisse von Studierenden und Mitarbeiter*innen erfüllt und Interdisziplinarität lebt“

Lüdrichsen betont außerdem, dass die Planungen für den Umbau der Fakultätenblöcke noch nicht konkret sind. So steht zum Beispiel die Auswahl eines Architekturbüros noch bevor und auch auf die Ausgestaltung der neuen Verbundbibliothek kann noch Einfluss genommen werden. Dazu besteht in regelmäßigen Workshops zum Bauvorhaben an der Leibnizstraße für Studierende und Mitarbeiter*innen die Möglichkeit. Lüdrichsen und Franke-Schwenk sehen diese Workshops als Gelegenheit, Input von den unterschiedlichen Interessengruppen an der Universität zu erhalten und in der gemeinsamen Diskussion unterschiedliche Ideen zu durchdenken oder auch zu verwerfen. „Das Juridicum und die Fakultätenblöcke sollen – durch die Brücke verbunden – zu einem großen, flexiblen Komplex werden, der die verschiedenen Bedürfnisse von Studierenden und Mitarbeiter*innen erfüllt und Interdisziplinarität lebt“, beschreibt Lüdrichsen seine Vision für die neue Leibnizstraße.
Unterm Strich ist in Sachen Arbeitsplätze und Gestaltung der Leibnizstraße also noch einiges möglich. Die Jura-Fachschaft macht es vor und setzt sich für ihre aktuellen und zukünftigen Studierenden ein; auch die anderen Fachschaften, Institute und Fachbibliotheken sind gefordert, in den Dialog mit den Planenden zu treten. Dabei werden sicherlich alle Flexibilität und Bereitschaft zeigen müssen, Veränderungen anzunehmen und über den eigenen Horizont hinaus zu blicken. Eins ist klar: Wenn böse Überraschungen und Fehlplanungen vermieden werden sollen, ist das Engagement aller Interessengruppen gefragt.

Über Nadine Pelkmann

Über Hochschulpolitik und Campuskultur schreibt Nadine am liebsten und seit dem Wintersemester 17/18 auch für den Albrecht. Für den Master Praktische Philosophie der Wirtschaft und Umwelt ist sie nach Kiel gekommen und genießt seit dem die Nähe zum Meer.

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