Zeiten ändern sich: Beton als Denkmal

Sicher nur wenige, die den Campus der CAU zum ersten Mal betreten, würden vermuten, dass sie sich inmitten von Kulturdenkmälern befinden. Seit November 2008 stehen jedoch mehrere Bauwerke, wie unter anderem das Sportforum, das Audimax, das Studentenhaus (Mensa I), die Unikirche und das ELAC-Areal mit der Alten Mensa unter Denkmalschutz. Die Initiative des Landesamts für Denkmalpflege Schleswig-Holstein stieß damals eine öffentliche Debatte an. Der kulturelle Wert der CAU-Architektur war nicht leicht vermittelbar und Präsidium, Dozenten, Studenten sowie Politiker fürchteten zudem, dass bauliche Beschränkungen dem notwendigen Aus- und Umbau der stetig wachsenden Universität entgegenstehen könnten. Klaus Gereon Beuckers, Professor der Kunstgeschichte an der CAU, nahm zu dieser Zeit an den offiziellen Gesprächsrunden zum Umgang mit dem Denkmalstatus teil. Für den ALBRECHT erläutert er bei einem Campusrundgang die architektonische Bedeutung der Kieler Universitätsbauten.

Blick in den Innenhof des Studentenhauses (Mensa I) um 1970. Foto: Klaus Gereon Beuckers (Hg.): Architektur für Forschung und Lehre.
Blick in den Innenhof des Studentenhauses (Mensa I) um 1970. Foto: Klaus Gereon Beuckers (Hg.): Architektur für Forschung und Lehre.

Die denkmalgeschützten Gebäude können in drei verschiedene Standorte und Bauphasen unterteilt werden, erklärt Beuckers. Es gibt das ELAC-Areal der 1930/40er-Jahre, den Campus der 1960er-Jahre sowie das Sportforum aus den 1970er-Jahren. Ersteres umfasst die Bauten nördlich der Olshausenstraße, die unter anderem die Hörsäle der Alten Mensa der Medizin und der Musikwissenschaft beherbergen. Seinen Namen erhielt das Gelände als Firmenstandort der Electroacustic KG, die in der NS-Zeit als Spezialist für Signaltechnik eng mit der Militär- und Rüstungsindustrie zusammenarbeitete. Es verwundert kaum, dass die britische Übergangsverwaltung das großräumige ELAC-Areal als günstigen Ort zur Universitätsneugründung 1945 betrachtete, nachdem 80 Prozent der innerstädtischen Hochschulbauten im Bombenkrieg zerstört worden waren. Der funktionale Wandel von Waffen zu Bildung stand sinnbildlich für die politische Motivation der Zeit. Das ELAC-Areal hatte trotz enger Zeilenbebauung den Vorteil vieler Frei- und Grünflächen. Sie bedeuteten zusammen mit den anspruchsvollen Industrie- und Verwaltungsbauten eine neue Lebensqualität für die Arbeitnehmer der 1930er-Jahre. In der Nachkriegszeit nahm sich die CAU bewusst dieses Standorts an, der Offenheit, Vielfalt und Gespräch in das Zentrum akademischen Lebens rücken sollte und von den Studierenden als eine der besten Universitätsanlagen Deutschlands gerühmt wurde. Später wurden die Grünanlagen leider vielerorts gegen Parkplätze getauscht, stellt Beuckers mit etwas traurigem Lächeln fest. Um den ständig wachsenden Studierendenzahlen gerecht zu werden, entstand in den 1960er-Jahren das so genannte Neue Forum mit dem Unihochhaus, der Bibliothek am Westring, der Studiobühne, Ladenzeile und Universitätskirche, dem Studentenhaus sowie dem Audimax. Kunsthistoriker Beuckers spricht von einer „offenen Solitärbebauung im Gegensatz zum geschlossen Blockcharakter des ELAC-Geländes“. In der Tat zeichnet sich der heutige Kerncampus durch großzügige Freiräume zwischen sehr individuell gestalteten Einzelbauten aus. Auffällig ist das Spiel mit geometrischen Formen wie dem Sechseck der Studiobühne, dem Rechteck des Unihochhauses oder dem Dreieck am Audimax und der fast extravaganten, architektonisch einmaligen Unikirche. Das geübte Auge entdeckt schnell, wie sich die geometrischen Grundmotive in vielfältigen Details wiederfinden lassen. So stehen zum Beispiel sechseckige Blumenkästen vor der Studiobühne, die Fassade des Audimax ist in Dreiecksflächen unterteilt und auch die Unikirche setzt diese Form von der äußeren Kachelstruktur bis hin zum Altarschmuck sehr großzügig ein. Besondere Aufmerksamkeit verdient das Studentenhaus, das heute die Mensa I beherbergt. Ursprünglich besaß der Innenraum keine Überdachung und vermittelte durch ein Wasserbecken, Treppen sowie geräumige Sitz- und Liegeflächen mit viel Grün eine völlig andere Atmosphäre. Die Anlage erinnert architektonisch an einen Klosterbau mit Kreuzgang, kleinen seitlichen Zellen und Innenhof. In den 1960er-Jahren war dies ein innovatives Konzept für Studentenhäuser, die bewusst nicht der Lehre, sondern der studentischen Kulturund Freizeitgestaltung dienen sollten. Zusammen mit dem Theater, der Ladenzeile und der Kirche stand der Bau für die Idee, Leben und Lernen auf dem Campus zu verknüpfen. Es sollte Raum für Individualität und Gespräch geschaffen werden; zwei wichtige Grundpfeiler der damals heranwachsenden demokratischen Gesellschaft.

Anders als die gefürchtete klotzige Betonbauweise der 1960er-Jahre ist die Architektur des 1975 fertiggestellten Sportzentrums locker, transparent und variantenreich. Die segelförmigen Dächer werden nur von einer Glasfassade getragen, sodass der Eindruck einer schwebenden Decke entsteht. Ein sehr raffiniertes Spiel mit statischen Prinzipien, bemerkt Beuckers, die ja gewöhnlich Leichtes über Schwerem empfehlen. Originell ist ebenfalls der Ansatz, alle Sporthallen in einen einzigen großen Innenraum einzubetten, sodass Besucher viel Platz haben und verschiedene Sportereignisse gleichzeitig verfolgen können.

Architektur richtet sich in der Nachkriegszeit oft nach funktionalen Aspekten, die heute nicht immer nachvollziehbar sind. Der nicht denkmalgeschützte Komplex der Leibnizstraße 4-10 beispielsweise wurde zu Zeiten des Kalten Krieges so konzipiert, dass er im Ernstfall zu einem Krankenhaus hätte umfunktioniert werden können. Im Gespräch mit einem Architekturexperten zeigt sich also einiges, das in der Kontroverse um den CAU-Denkmalschutz gern vergessen wird. So auch, dass dieser lange kein Abrissverbot bedeute, denn in Wirklichkeit ließen die Bestimmungen viel Raum für Kompromisse, wenn es um den Ausbau der Universität geht, betont Beuckers gegen Ende unseres Rundgangs.

Denkmalschutz ist etwas, das oft mit imposanten Prachtbauten, idyllischen Parkanlagen oder altehrwürdigen Gemäuern vergangener Jahrhunderte assoziiert wird. Mit nostalgischem Blick werden diese gemeinhin als authentische Zeugnisse früheren Epochen oder bedeutender historischer Ereignisse bestaunt, sofern ihre Grundsteinlegung nur lang genug zurückliegt. Gerade die CAU-Architektur der Nachkriegsjahrzehnte hat es mit ihrer schlichten und funktionalen Bauweise nicht leicht ihren kulturgeschichtlichen Wert zu vermitteln und als schützenswert empfunden zu werden. Bei näherem Hinsehen jedoch zeigt sich eindrucksvoll, welche gesellschaftlichen Ideen und architektonischen Wagnisse der Zeit hinter ihr stehen. Davon nichts zu bewahren, wäre unverzeihlich. Geschichte wiederholt sich nicht.

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Über Felix Schreyer 11 Artikel
Felix studierte Physik des Erdsystems und Philosophie an der CAU. Von April 2013 bis Juli 2014 war er Leiter des Hochschulressorts. Besonders gern widmete er sich wissenschaftlichen oder kulturellen Themen.

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