ZOOMANIA – Filmkritik

©2015 Disney. All Rights Reserved

Die Werbekampagnen von Baymax und Alles steht Kopf haben es letztes Jahr vorgemacht, Disneys neustes Projekt zieht bereits Anfang 2016 nach: Statt einen umfangreichen und heutzutage viel vorweg nehmenden Trailer zu schalten, setzten die Filmproduzenten dem Publikum in der Kinowerbung eine einzelne Szene ihres neusten Werks Zoomania vor. Und genauso wie Baymax und Hiro in der Polizeistation San Fransokyos oder der Kampf der Emotionen am Familientisch in Alles Steht Kopf, zündet Polizeihase Judy Hopps und Betrügerfuchs Nick in dem Verwaltungsgebäude, was ausschließlich von Faultieren besetzt ist sowohl im Kinosaal, als auch im Internet, wie eine Bombe. Dass eine solche Werbestrategie sowohl in Werbung, als auch später in der vollkommen ungespoilten Kinoerfahrung des fertigen Films seine Früchte trägt, ist anscheinend im Animationsgenre zum neuen Standard geworden – zum Wohle der Filmkultur überträgt sich dieser Trend vielleicht auch einmal in die Kampagnen von Realspielfilmen, welche in Zeiten des Internets durch unzählige Youtube-Trailer und ständig verfügbaren TV-Spots immer mehr durch ihre Werbung vorweg genommen werden.

Mehr Inhalt als gedacht

Was birgt nun der fertige Film abseits dieser sehr gelungenen Einzelszene? Ebenso wie in den vorher genannten Animationsprojekten ist der Hauptfilm (glücklicherweise) nicht ganz so Punchline-lastig wie der unter diesem Absatz verlinkte Flash-Clip. Zoomania liegt eine durchaus gradlinige Story zugrunde: Obwohl eigentlich nur gefährliche Raubtiere für den Job vorgesehen sind, möchte die Häsin Judy unbedingt Polizistin werden. Nachdem sie sich erfolgreich durch das harte Ausbildungstraining gekämpft hat, wird sie von ihrem ländlichen Zuhause (ihre beiden Eltern sind Karottenfarmer) in die große Metropole Zootopia versetzt. Dort trifft die Nachwuchspolizistin auf den betrügerischen Fuchs Nick, mit welchem sie trotz ihrer gegensätzlichen Tierarten versucht den mysteriösen Fall eines verschwundenen Otters zu lösen:

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Von diesem Storygerüst gehen auch die wenigen großen Kritikpunkte des Films aus: Ähnlich wie Pixars Alles Steht Kopf ist die Rahmengeschichte um die beiden Ermittler, die sich zu aller erst so gar nicht verstehen und dann früher oder später (selbstverständlich) auf einen Nenner kommen, nichts Neues. Hinzu kommt, dass die Gesichtsanimationen von Jason Bateman als Fuchs und Ginnifer Goodwin als Hase zwar oscarverdächtig sind, das grandiose Spiel aber nicht über die gegen Ende etwas zu plötzlichen Gemütswechsel und aufgesetzten Charakterentwicklungen ihrer Figuren hinwegtäuschen kann.

Authenzität und englische Originalstimmen

Was Zoomania aber trotzdem zu dem Forerunner für den diesjährigen besten Animationsfilm macht ist der erneut unbegrenzte Ideenreichtum des Disney Animationsstudios: Die Filmemacher schaffen es mit einem simplen Konzept eine fantasievolle und scheinbar „echte“ Welt zu schaffen. Sämtliche Charaktere verhalten sich realistischer und menschlicher als reale Schauspieler in den meisten Spielfilmen. Das liegt zum einen an dem urkomischen Tier-klischeebehafteten Umgang der sehr verschiedenen Filmfiguren – ein Fuchs macht sich in einer Szene beispielsweise genauso über das weiche Fell eines Schafes lustig, als ob in unser menschlichen Welt jemand einen solchen Pelz hätte – zum anderen aber auch an der grandiosen Leistung des englischen Voice-Casts. Idris Elba als störrischer Polizeichef, J.K. Simmons als Bürgermeisterlöwe (Inklusive Anspielung an seine damalige Rolle als Spidermans Pressechef JJ. Jameson) und Jason Bateman in seiner Paraderolle als arrogantes Arschloch allen voran, ist es immer wieder beeindruckend wie viel authentisches Stimmschauspiel einen Animationsfilm ausmachen kann.

BÜRGERMEISTER LIONHEART - im Originalton gesprochen von Oscarpreisträger J.K. Simmons ©2015 Disney. All Rights Reserved
BÜRGERMEISTER LIONHEART – im Originalton gesprochen von Oscarpreisträger J.K. Simmons ©2015 Disney. All Rights Reserved

Probleme der deutschen Synchronisation

Es bleibt abzuwarten, wie gut es dem deutschen Stimmcast gelingt die punktgenauen Performances einzufangen. Die Neubesetzung von Rüdiger Hoffmann als Flash, erweist sich jedoch jetzt schon als Fiasko: Die Autokennzeichen-Szene im Verwaltungsamt wurde bereits vor einem halben Jahr durchaus passend synchronisiert und diente seitdem als Aushängeschild für das gesamte Filmprojekt (s.o.). Einzig und allein wegen seiner Werbewirkung ließ man den Comedian nun die Szene neu einsprechen, wobei das Ergebnis einerseits der alten Synchro mehr als unterlegen ist und es andererseits einfach unelegant ist, die berühmteste Filmfigur von Zoomania umzubesetzen.

Dass ansonsten einzig und allein absolute Nebencharaktere wie Judys Mitbewohner-Böcke von prominenten Nicht-Schauspielern wie zum Beispiel Karikaturist Ralph Ruthe gesprochen werden, ist ein kleiner Lichtblick und lässt auf eine professionelle Umsetzung abseits von Werbeträgern in Hauptrollen hoffen. Ein inhaltliches Problem der deutschen Übersetzung werden außerdem die vielen englischen Wortwitze Zoomanias sein. Wie will man beispielsweise den sprichwörtlichen aber in einer bestimmten Polizeirevierszene buchstäblichen „elephant in the room“ übersetzen?

ZOOTOPIA – CHIEF BOGO, head of the Zootopia Police Department. A tough cape buffalo with 2,000 lbs of attitude, Bogo is reluctant to add Judy Hopps, Zootopia’s first bunny cop, to his squad of hardened rhinos, elephants and hippos. ©2015 Disney. All Rights Reserved.
CHIEF BOGO (Idris Elba), Chef des Zootopia Police Departments – Der dominante Kaffernbüffel weigert sich Zootopias erste Polizeihäsin in seinen knallharten Krawalltrupp bestehend aus Nashörnern, Elefanten und Nilpferden aufzunehmen. ©2015 Disney. All Rights Reserved.

Kritik am Ende

Kritische Stimmen werden von Shakiras zwar passendem aber dennoch merklich wirtschaftlich in den Vordergrund gerückten Titelsong Bauchschmerzen bekommen. Die durchaus gut konzipierte Gazellen-Star-Figur leidet unter dem Marketing-technischen Bruch der vierten Wand. In Hotel Transsilvanien 2-Manier verkommt der Film gegen Ende fast zu einem Musik- und Werbevideo für Shakiras neuen Popsong. Last but not least wirken die in diesem Fall sogar doppelt vorhersehbaren Storywendungen gerade für ältere und erfahrene Kinogänger sehr obligatorisch. Bei den reichen Figurenideen des Films hätte man sich für den Bösewicht auch ruhig etwas besseres einfallen lassen können. Abseits dieser geschmacklichen Kritikpunkte auf sehr hohem Niveau wird der Film die durch den Flash-Clip ins Kino gelockten Zuschauer aber auf eine, durch eine gute Werbestrategie, unverdorbene Reise mitnehmen und begeistern. Disney beweist ein halbes Jahr nach dem fantastischen Alles Steht Kopf, dass das Filmstudio nicht verlernt hat Kinomagie zu erzeugen.

Shakiras GAZELLE performt Zoomanias Titelsong "Try Everything"
Shakiras GAZELLE performt Zoomanias Titelsong „Try Everything“ und rückt dabei vielleicht etwas zu sehr in den Vordergrund des Films. ©2015 Disney. All Rights Reserved

Zoomania Filmposter

FAZIT

Zoomania ist ein Buddy Movie um einen spannenden Kriminalfall durch den wir zusammen mit unseren Protagonisten in die unglaublich fantasievolle und interessante Tierwelt Zootopias eindringen. Obwohl dem ein oder anderen alten Animationsfilmhasen bei manchen Storyentwicklungen (gegen Ende) das gähnen kommen könnte, werden sich nur die wenigsten Zuschauer dem Ideenreichtum und Charme von Disneys neuem Hit entziehen können. Die englischen Stimmen und Wortwitze machen das vielseitige Abenteuer endgültig zu dem vielleicht besten Animationsfilm des Jahres. Die deutsche Synchro-Version wird junge Zuschauer und Gelegenheitsfilmgucker aber sicher auch nicht enttäuschen.


WERTUNG; 8,5 Kinokatzenpunkte


René Baltrusch
Über René Baltrusch 16 Artikel
René war vom Wintersemester 2014 bis Februar 2017 Teil der Redaktion sowie von April 2015 bis Februar 2017 Chefredakteur für den Online-Bereich. Als Spezialist zum Thema Film rief er Ende 2015 die Kultur-Sparte 'KinoKatze' ins Leben.

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