Zum Fremdsein gehören mindestens zwei

Der Vorraum des Schauspielhauses ist in blaues Licht gehüllt. Am Konzertflügel in der Ecke sitzt eine Pianistin. In die Stille hinein spielt sie leise Töne. Aus dem Off hört man eine Männerstimme, die Der Wanderer von Georg Philipp Schmidt von Lübeck singt. Eine Frauenstimme spricht gleichzeitig den Text dazu.

Es ist der Beginn der Lesung Wenn kein Abend dich kennt. Geschichten über das Fremdsein, die von den Schauspielern Ellen Dorn, Dirk Schäfer und der Pianistin Bettina Rohrbeck im Foyer des Schauspielhauses ausgerichtet wird. Sie arbeiten heute ohne Gage und wollen nach der Veranstaltung Spenden für die Zentrale Bildungs- und Beratungsstelle für Migrantinnen und Migranten e.V. sammeln. Explizit ist das Geld für die Aktion Fahrkarten SOS bestimmt und soll auf den Land lebenden Geflüchteten die Fahrkarten in die Stadt finanzieren, damit sie an Sprachkursen, Projekten oder Veranstaltungen teilnehmen können. Das vom Theater Kiel ausgerichtete Projekt begegnungen* hat es sich innerhalb dieses Rahmens als Ziel gesetzt, alte und neue Kielerinnen und Kieler zusammenzubringen. Kulturinteressierte kaufen für einen rabattierten Gruppentarif eine Karte für sich selbst sowie eine Unterstützerkarte für einen Geflüchteten. Somit können ausgewählte Veranstaltungen im Theater besucht werden, die mit einer moderierten Einführung in das Stück beginnen und mit dem gemeinsamem Ausklang in der Kantine enden.

Viele der Texte, die Dirk Schäfer und Ellen Dorn bei der heutigen Lesung präsentieren, entnehmen sie dem vom NDR gewählten Buch des Monats Unbehauste, in dem sich junge Autoren mit Flucht und Fremde auseinandersetzen. Ein buntes Repertoire an alten und neuen Gedichten und Geschichten legt den Fokus auf Menschen, deren Gemeinsamkeit das Gefühl des Fremdseins ist. Das Publikum wird mitgenommen in das Leben von Uwe, einem LKW-Fahrer, der einsam ein Hotel für die Nacht nimmt und nicht bei seinem Sohn sein kann. Weiter erzählen sie von Ellen, die in diesem Hotel arbeitet und nicht weiß, ob und wie sie ihre Schwangerschaft ihrem Partner beibringen soll, und von Adil, einem unendlich hungrigen Flüchtlingsjungen, der fast bei der Schwarzarbeit auf einer Baustelle erwischt wird. Eine weitere Geschichte handelt von einer Frau, die als Kind aus der DDR flüchtete, ihre anfängliche Skepsis überwindet und selbst zwei junge Flüchtlinge bei sich aufnimmt. Die Künstler thematisieren viele Vorurteile gegenüber Flüchtlingen, können diese jedoch oft mittels der vorgelesenen Geschichten entkräften. Trotzdem spiegeln sie die harte Realität, mit der wir im letzten Jahr konfrontiert wurden, sehr stark wider.

Im Laufe des Abends wird deutlich, wie Flucht aus verschiedenen Perspektiven wahrgenommen werden kann. Jede Erzählung kommt dem Publikum ein wenig bekannt vor. Viele der geschilderten Situationen hat der ein oder andere im Saal sogar selbst schon erlebt. Dort ist es während der Lesung totenstill. Gebannt richten sich die Augen der Zuhörer auf die kleine, sporadisch errichtete Bühne.

Die Künstler erzählen auch von einer anderen Fremdheit. Von der Fremdheit in sich selbst, dem Gefühl, Gewohntes nicht mehr zu erkennen. Der Abend stimmt jedoch nicht nur nachdenklich, es gibt auch einiges zu lachen. Ein Text aus der Perspektive einer Migrantin, die schon lange in Deutschland lebt und selbst ein bisschen „deutsch“ geworden ist, thematisiert beispielsweise Unterschiede zwischen der arabischen und deutschen Gastfreundschaft. Flexibilität versus Pünktlichkeit sowie feste Zusagen versus viele Überraschungsgäste sind zwei der angeführten Vergleiche. Die Stille im Saal weicht herzlichem Lachen.

Ein Gedankenexperiment von Dorn und Schäfer lässt das Publikum ebenfalls schmunzeln. Sie stellen sich einen angeblich schon lange vorhersehbar gewesenen Flüchtlingsstrom aus Amerika vor. Grund dafür sei, dass die Menschen in Amerika sehr gesund lebten, weshalb die Lobbyisten der Lebensmittelindustrie ein gesetzliches Sportverbot durchsetzten. Alle Sportler, die nun durch das neue Gesetz politisch verfolgt würden, flüchteten nach Europa und brächten die deutsche Kultur in Gefahr. Auf die Lesung folgt tosender Applaus. Es war für alle ein gelungener Abend.

Artikel teilen auf

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*