Zwischen Hausaufgaben und Amoklauf

Über die ethische Verwerflichkeit von Amoklaufübungen an US-amerikanischen Highschools

Bild: Maxim Hopman // Unsplash
Bild: Maxim Hopman // Unsplash

Denk an deine Schulzeit zurück. Es ist ein ganz normaler Tag. Du hast Englisch, Mathe und später noch ein bisschen Geschichte. Gerade als du deine Bücher für die nächste Stunde auspacken willst, ertönen die Sirenen. Erst kommt die Schockstarre und dann geht alles so schnell, dass es an dir vorbeizieht. „Das ist kein Test. Das ist ein Amoklauf.“ Du kannst deinen Ohren nicht trauen, doch es ist wahr. Auch den anderen steht die Panik ins Gesicht geschrieben. Durch eure Schule läuft ein irrer Mörder – denkst du zumindest. 

Was für die meisten eine Horrorvorstellung ist, ist für die anderen klarer Bestandteil der Schulzeit. Diese Amoklauf-Übungen, oder auch Shooter Drills, gibt es seit dem Columbine Amoklauf 1999, bei dem 13 Personen starben. Doch erst seit einem weiterem Amoklauf 2012 mit 26 Toten in der Sandy Hook School in Connecticut gehört es zum Lehrplan vieler Schulen der USA. In einigen Regionen regelmäßig – bei anderen nur sporadisch – werden Übungen wie diese für den Ernstfall durchgeführt.

Die Idee, dass jemand die eigene Schule attackiert, ist dort seit Kindesalter fast schon Alltag, denn die ersten Drills finden in der Elementary School (vergleichbar mit der Grundschule) statt. So führen etwa 95 Prozent der US-amerikanischen Schulen Shooter Drills regelmäßig durch. Jedoch ist in den meisten Fällen klar, dass es sich dabei um einen Test handelt. Besonders in jüngeren Jahrgängen ist das die Praxis, damit keine Traumata entstehen.

Dann gibt es allerdings noch die Ausnahmen, die besonders in den Highschools der Südstaaten praktiziert werden. Die sogenannten ‚Realistic Shooter Drills‘ werden nicht als Übung gekennzeichnet. Die Schüler:innen und Mitarbeitenden bekommen keinen Hinweis, dass es sich nicht um einen wirklichen Amoklauf handelt. Vielmehr noch: So laufen zudem Polizist:innen durch das Gebäude und schießen mit Platzpatronen, um echte Schüsse vorzutäuschen. Erst nach der Übung wird alles aufgelöst. Diese Maßnahme soll dafür dienen, die „Störfaktoren” in einer realistischen Situation festzustellen. Dabei wird erkannt, welche Schüler:innen sich nicht an die Vorschriften halten oder ob es möglicherweise logistische oder ähnliche Probleme gibt.

Die Meinung der Forschenden, Politiker:innen, Eltern und Kinder geht hier weit auseinander. Während die einen diese Methoden mit der Begründung „Safety first” akzeptieren, sehen die anderen das Problem ganz klar bei den Traumata der Kinder, ausgelöst durch die Übung. So entschied sich der Staat Florida dazu, solchen Drills als jährliche Routine einzuführen, woraufhin es von anderen Staaten Kritik hagelte. 


Die Feuerprobe für den Amoklauf 

Eines der Hauptargumente für viele Befürworter:innen ist, dass es im Ernstfall Leben retten könnte. Die Kinder und Jugendlichen haben die Situation geprobt, sind mit ihr vertraut und handeln weniger irrational. Das ist auch die Begründung, die die Drill-Trainerin und Professorin für kriminelle Gerechtigkeit Jaclyn Schildkraut verwendet. Genau wie beim Feueralarm sei es wichtig, für den Ernstfall eine Routine zu entwickeln, die bei den Übungen trainiert wird. So entstehe eine Art ‚Muskelerinnerung‘, auf die immer wieder zurückgegriffen werden kann. Zwar ist die Wahrscheinlichkeit eines Amoklaufs viel geringer als bei einem Feueralarm, jedoch gibt es dabei durchschnittlich mehr Todesopfer als bei einem Brandfall. Durch Präventionsübungen und die Shooter Drills könnten die Schüler:innen besser lernen, wie sie in solchen Situationen agieren, was ihnen im Ernstfall wertvolle Sekunden verschaffen könnte. Wissenschaftliche Belege gibt es hier jedoch nicht, denn zum einen ist es ein stark untererfoschtes Feld und zum anderen gibt es diese Regelmäßigkeit der Drills erst seit wenigen Jahren. 

„Kinder machen sich in die Hose und bekommen Panik. Danach heißt es nur nach dem Motto: ‚Sorry war ein Witz‘.“ 

Von Lehrerin Eskelsen Gracía und Präsidentin der National Education Assoziation der Vereinigten Staaten 

Ein Amoklauf ist eine Tragödie. Es sterben Menschen, die willkürlicher Gewalt ausgesetzt waren. Das lässt sich nicht bezweifeln oder klein reden. Trotzdem gibt es viele Gründe, die zeigen, dass Shooter Drills nicht sinnvoll sind. Vielmehr noch: Dass sie ethisch verwerflich sind. 

Menschen bilden sich ihre Meinungen, Gedanken und ihre Wirklichkeit besonders um die Erfahrungen, die sie im Kindes- und Jugendalter machen. „Durch die Drills wird Gewalt und Amoklauf normalisiert”, so die Kritikerin der Übungen und Professorin für Kriminologie und kriminelle Gerechtigkeit, Julian Peterson. Sie forscht seit mehreren Jahren an den Shooter Drills und versucht, den schlechten Einfluss auf die Jugend zu belegen und bessere Alternativen zu entwickeln. Sie kritisiert, dass es nicht sicher ist, ob die Übungen effektiv sind und dass das Risiko auf Traumata der vielen verängstigten Kinder und Jugendlichen zu groß sei. Denn etwa 55 Prozent der US-amerikanischen Schüler:innen haben Angst vor einem Amoklauf in der Schule. Das sei eine erschreckend hohe Zahl, zumal es wahrscheinlicher ist in der eigenen Küche zu sterben, als bei einem Shooting. Auch die Aussagen der Kinder bestärken sie in ihrem Standpunkt: „Auch, wenn ich weiß, dass es eine Übung ist, habe ich jedes Mal Angst, dass es doch echt ist,” so ein Mädchen aus der vierten Klasse der Van Duyn Elementary School in Syracuse, New York.  

Weiterhin kritisiert Peterson, dass 91 Prozent der Amokläufer:innen aus der Schule kommen. Als „Insider” kennen sie das Vorgehen und könnten somit die Schwachstellen schneller identifizieren. 

Um diese Drills in Zukunft vermeiden zu können, entwickelt die Kriminologin Profile von vergangenen Amokläufer:innen. Dabei fällt auf, dass die meisten suizidal sind oder/und unter Depressionen leiden und ihre Waffen von Familienmitgliedern bekommen. „Wenn wir an solchen Stellen ansetzen, lässt sich ein Amoklauf viel leichter vermeiden. Außerdem gibt es dann weniger traumatisierte Kinder,” argumentiert Peterson. 


Tote gegen Trauma tauschen? 

Ist es letztendlich die Frage, ob sich zwischen Toten durch Amokläufer:innen oder durch die Übungen traumatisierte Kinder entschieden werden muss? Nein. Natürlich sollte Vorsicht wichtiger als Nachsicht sein, gerade, wenn es um Menschenleben geht. Dennoch ist es wichtig, alternative Ansätze zu den Drills zu verfolgen. Auch, wenn die Folgen der Übungen nicht geklärt sind, ist die Angst der Schüler:innen real. 

Abschließend muss natürlich gesagt werden, dass Aufklärungsarbeit wichtig ist. Wenn niemand weiß, wie sich während eines Amoklaufes zu verhalten ist, ist es riskant und kann andere Menschen in Lebensgefahr bringen. Aber eine regelmäßige Übung mit traumatisierten Kindern sollte dabei nicht der richtige Weg sein. Schließlich muss die Schule ein Ort der Sicherheit werden. Letztendlich wirken die Drills auch nur wie eine Opfer-Prävention, obwohl der Ansatz bei den Täter:innen liegen sollte. Schließlich schränken sich viele Menschen regelmäßig emotional, aber auch im eigentlichen Sinne ein, um sich vor möglichen Täter:innen zu schützen. Und die Effektivität ist nicht bewiesen.  

Autor*in

Nele studiert seit Wintersemester 2019/20 Politikwissenschaften und Deutsch an der CAU. Im Mai 2020 hat sie als Redakteurin beim ALBRECHT angefangen.

Über Nele Dauelsberg 5 Artikel
Nele studiert seit Wintersemester 2019/20 Politikwissenschaften und Deutsch an der CAU. Im Mai 2020 hat sie als Redakteurin beim ALBRECHT angefangen.

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