Zwischen Musik und Moral

Rammstein: Aufarbeitung der NS-Verbrechen in der Kunst

WIKIMEDIA COMMONS

Eine Welle der Entrüstung fegte über das Land, als der neue Teaser zum Comebacksong Deutschland von Rammstein veröffentlicht wurde. Darin zu sehen: Die Mitglieder verkleidet als Gefangene eines KZs. Rammstein melden sich gewohnt schockierend zurück und spalten die Gemüter.

Der Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland Josef Schuster wirft der Band vor, „unmoralisch und verwerflich“ zu handeln, da sie den Holocaust zu Marketingzwecken missbräuchten. Der jüdische Historiker Michael Wolffsohn geht sogar so weit und bezeichnet diesen Teaser als „Leichenschändung“. Das Comeback der Band entfachte eine nationale Debatte über die Aufarbeitung der NS-Verbrechen in der Kunst.

Die Band Rammstein lebt vom Schockfaktor. Sie gelten mit als erfolgreichste Band Deutschlands und zeichnen sich durch harte, monotone Klänge mit deutschen Texten und Kontroversen aus. So haben die sechs Mitglieder beispielsweise einen Porno für ihren Song Pussy als Musikvideo gedreht oder singen in dem Lied Mein Teil über den Mann, der Penisse aß, um seine Gelüste zu tilgen. Oftmals jedoch bedienen sich Rammstein an lyrischen Mitteln, die Texte wie Rosenrot (angelehnt an Goethes Heidenröslein) frei interpretierbar machen. Schlagzeuger Christoph Schneider erklärt, dass bei Rammstein „immer Raum für Interpretationen bleibt“. Bei ihrem neusten Song Deutschland hat die Band aber den Tenor des Songs klar vorgegeben und zeigt eine deutliche Distanzierung von Rechtsextremismus oder gar Nationalstolz. Rammstein wurden in der Vergangenheit oft beschuldigt, rechts zu sein. So verteidigt sich Gitarrist Richard Kruspe im Interview mit der WELT-Online: „Rammstein sind zu schlau, um rechts zu sein“. Auch wenn die Mitglieder es oft bestreiten, haben Songs wie Mein Land ihrem Image nicht gerade einen Gefallen getan. Nun haben sich Rammstein auch am Holocaust bedient, welcher in einer Reihe von geschichtlichen Ereignissen in ihrem pompös und aufwendig produzierten Musikvideo zu sehen ist. In dem Song Deutschland beschäftigt sich die Band mit der Schwierigkeit einer deutschen Kollektividentität aufgrund eben dieser schrecklichen Ereignisse. „Meine Liebe kann ich dir nicht geben“ singt Frontmann Till Lindemann im KZ-Kostüm mit Tränen in den Augen. Eine schwarze Frau verkörpert im Video Germania, die Personifikation des deutschen Volkes. Auch die Opferrollen wurden im Video getauscht, als plötzlich die KZ-Häftlinge auf die Nazis schießen. Haben die Kritiker doch zu voreilig geurteilt?

Trotz der klaren Aussagen und der deutlichen Distanzierung im gesamten Musikvideo gibt es Gegenstimmen. In den sozialen Medien äußern viele ihre Besorgnis darüber, dass Textzeilen wie „Deutschland über allen“ von Rechten missbraucht werden könnten. Es sei nicht ganz vermeidbar, dass einzelne Passagen aus dem Kontext gezogen oder gar komplett neu interpretiert werden. Obwohl die Band selbst nicht rechts ist, wird „Rammstein in der rechten Szene sehr geschätzt“, so Regisseur Dietmar Post, der eine Doku über rechte Musik produziert hat. Sind Rammstein überhaupt geeignet, um die NS-Verbrechen künstlerisch zu verarbeiten?

Die Kunstfreiheit wird in Deutschland als hohes Gut und Teil einer gesunden Demokratie besonders gut geschützt. Künstler können frei Kunst produzieren und müssten sich um den Rest eigentlich nicht kümmern. Spätestens nach der Böhmermann-Affäre, in der Satiriker Jan Böhmermann wegen seines Schmähgedichtes über den türkischen Präsidenten Erdogan von diesem angeklagt wurde, war klar: Satire (stellvertretend für Kunst) darf alles. Nun wieder nicht? Es steht zur Debatte, ob der Künstler für das verantwortlich ist, was damit gemacht und wie es interpretiert wird. Rammstein sind schließlich nicht die Ersten, die die NS-Diktatur oder gar den Holocaust künstlerisch verarbeiten. Ob sie dafür geeignet sind oder nicht, entscheidet wohl jeder für sich.

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Über Ayse Seydi 2 Artikel
Ayse studiert Anglistik und Philosophie an der CAU. Sie ist seit dem Oktober 2018 beim Albrecht, leitet die Distribution und schreibt vorwiegend für das Kulturressort.

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