Der riesige Erfolg von Lebenssimulationen und ihre Nebenwirkungen 

Es ist der 20. März 2020. Nintendo veröffentlicht das von Fans langersehnte Spiel Animal Crossing: New Horizons. Es scheint fast so, als hätte der japanische Videospiel-Riese schon vor dem Rest der Welt von der Tragweite der Corona-Pandemie erfahren, denn perfekter hätte das Timing nicht sein können. Das Game verbreitet sich schnell, weit über die Grenzen der eingefleischten Fans hinaus. Es bietet hunderttausenden Menschen eine Möglichkeit, der realen Welt voller Unsicherheit und Angst zu entfliehen. Viele Videospiele folgen diesem Beispiel. 

Flucht in andere Welten 

Was haben Die Sims, Stardew Valley und das erst kürzlich erschienene Disney Dreamlight Valley gemeinsam? Es sind alles Lebenssimulationen. Spiele, in denen das echte Leben nachgeahmt wird. Gut, manchmal bist du eine Magierin in einem Dorf voller Disney-Charaktere, aber die grundlegenden Mechaniken sind zumindest lebensähnlich: Angeln, Gartenarbeit, Ackerbau, Möbelherstellung. Warum nutzen so viele Menschen diese Spiele, um dem Alltag zu entfliehen, anstatt im echten Leben angeln zu gehen oder Gartenarbeit zu machen? Hierbei handelt es sich um ein Phänomen, das sich Eskapismus nennt. Vom englischen Wort ‚escape’ abgeleitet, steht es für die regelrechte Flucht in eine andere Realität. Es reicht für viele Menschen nicht, im echten Leben Gartenarbeit zu machen oder angeln zu gehen, weil sie sich dann immer noch in der gleichen Lebenswelt befinden, aus der ihre Sorgen und Ängste stammen. Werden diese Aktivitäten hingegen in Videospielen ausgeführt, befinden Spieler:innen sich in einer ganz anderen Realität. Die Entwickler:innen legen meist viel Wert darauf, dass ihre Games zwar Lebenssimulationen sind, aber gleichzeitig nicht das echte Leben mit allen seinen negativen Seiten abbilden. So sind deine Nachbar:innen in Dreamlight Valley keine meckernden Rentner:innen, sondern Mickey Mouse oder Anna und Elsa.  

Rückkehr in die eigene Welt 

Diese Art von Spielen kann zwar sehr hilfreich zum Abschalten sein, ist aber mit Vorsicht zu genießen. Bei Games, welche die Flucht aus der eigenen Lebenswelt ermöglichen, liegt ein hohes Suchtrisiko vor. Es kann passieren, dass Spieler:innen sich so sehr in der anderen, angenehmeren Lebenswelt verlieren, dass es ihnen schwerfällt, in ihre eigene Realität zurückzukehren und sich ihren Problemen zu stellen.   

Trotzdem sind solche Spiele nicht per se zu verteufeln. Der Kommunikationswissenschaftler Dr. Daniel Possler schreibt in einem Beitrag zu diesem Thema: „Wer nur von Sucht spricht, blendet die Chancen aus“. Und weiter: „Gerade in der Corona-Pandemie kann Gaming zu gesteigerter Erholung, erhöhter Befriedigung von Grundbedürfnissen, vermehrter sinnstiftender Reflexion und inspirierender Ehrfurcht führen.“ Taucht also auf jeden Fall weiterhin ab in eure fernen Welten – seid euch aber immer bewusst, dass ihr irgendwann auch wieder zurückkehren müsst. 

Autor*in
stellvertretende Chefredakteurin

Mira ist 21 Jahre alt und studiert seit dem WiSe 2020/21 Soziologie und Deutsch an der CAU. Sie ist seit November 2020 Teil der ALBRECHT-Redaktion und leitete ab Februar 2021 für ein Jahr das Ressort Hochschule. Seit Februar 2022 ist sie die stellvertretende Chefredakteurin.

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