Studi-Klischees aufgedeckt: Psychologiestudierende 

„Das heißt, du hast einen an der Waffel?!“ ist eine der ersten Reaktionen, wenn ich erzähle, dass ich Psychologie studiere. Die anderen Plätze der Top drei belegen: „Boah krass, bei dem NC? Wie war dein Abischnitt?“ und „Nee, also Therapeut:in werden kann ich mir so gar nicht vorstellen.“ Doch sind wir wirklich alle hyperfleißige Menschen mit einem Knacks, deren Lebensinhalt es ist, andere Menschen zu therapieren? Laut Statista führten 2020 bei den Studierenden mit psychischen Beeinträchtigungen die Geisteswissenschaftler:innen mit einem Anteil von 19 Prozent, doch hat in den letzten Jahren leider niemand eine Studie zur Prävalenz bei Psychologiestudierenden durchgeführt. 

Einser NC und dann nur Freud und Gestaltungstherapie? 

Ein Teil von mir wünscht sich in manchen Vorlesungen, dass wir unsere Gefühle malen würden, anstatt zum zwanzigsten Mal mögliche Versuchspläne für hypothetische Studien durchzugehen oder den Aufbau des Innenohrs zu wiederholen. Ja, im Psychologiestudium geht es mehr um das Ohr, die Haut und die Muskeln als um Freud. Selbstverständlich lernen wir auch etwas über psychische Krankheiten, genauso schwirrt aber auch eine Menge Statistik in unserem Studienverlaufsplan umher.

Das ganze Wissen kommt zusätzlich noch in 540 Stunden Praktikum zum Einsatz. Doch dafür braucht es nicht unbedingt eine Eins vorm Komma beim Abiturschnitt. Manche deutschen Unis bieten für Psychologie eine Art Pendant zum Medizinertest an, mittels welchem auch Menschen ohne Einserschnitt eine Chance auf einen Platz bekommen. 

Karriereweg Psychotherapeut:in

Für einen Einstieg in die Psychotherapie ist nach dem Master noch eine Weiterbildung nötig, seit kurzem gibt es sogar einen eigenen ‘Psychotherapiemaster’. Doch es will nicht jede:r in die Therapierichtung gehen und das Studium bietet auch genügend weitere Perspektiven, sei es die freie Marktwirtschaft, der öffentliche Dienst oder die Forschung. Klar, es gibt in allen Bereichen ein paar Hürden. Aber es gibt definitiv Perspektiven für viele, die nicht den Großteil ihres Jobs für und mit Menschen arbeiten möchten – ohne sich vom Psychologiestudium zu trennen. 

Der geschulte Blick in die Seele

Ein weiteres sehr beliebtes Klischee ist der ‘hypnotische Analyseblick’ von Psycholog:innen. Nun, wenn ihr Zeit für einen Fragebogen habt, dann können höhere Semester euch bei beidseitigem Interesse Feedback zu Persönlichkeitsaspekten geben, aber wir werden bestimmt nicht analysieren, ob ihr lügt, indem wir eure Blinzelfrequenz während eines Gesprächs messen. Psychologiestudierende haben vielleicht eher Wörter für bestimmte Phänomene und wir können das ein oder andere Modell in sozialen Situationen zugunsten aller anwenden, aber wir werden nicht mit unserem ‘hypnotischen Blick’ herausfinden, woran ihr gerade denkt. Oder doch? 

Zum Schluss also ein kleiner Tipp: Falls ihr bei der nächsten Feier eine:n Psychologiestudierende:n trefft und den Drang verspürt zu fragen, ob ihr gerade analysiert werden würdet, tut es nicht! Wenn die Person in eure Richtung starrt, liegt es entweder daran, dass jemand hinter euch ein T-Rex-Kostüm anhat oder dass dort die Getränke gelagert werden. 

Autor*in

Maria studiert Psychologie und ist seit Anfang 2022 Teil der ALBRECHT Redaktion. Sie gestaltet den Weißraum, unsere Kreativ-Seite im Print.

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