Plattensau: KARGO 

Ich bin treuer Kraftklub-Fan der (fast) ersten Stunde. Dementsprechend hart war es für mich, als Frontmann Felix Kummer 2019 die Band verlassen hat, um als Rapper KUMMER eigene Sache zu machen. Er war als Solo-Künstler alles andere als schlecht, aber der typische Kraftklub-Sound hat mir über die Jahre mehr und mehr gefehlt. Deshalb habe ich auch mehr als eine Freudenträne verdrückt, als die Band Anfang des Jahres verkündete, dass sie am 23. September mit dem Album KARGO zurückkommen würden. Aber wird das Album den hohen Erwartungen gerecht, die die Fans haben? 

Meister der Worte 

Die Musik von Kraftklub lebt vor allem von den cleveren Texten und Wortspielen, die teilweise erst nach wiederholtem Hören verständlich werden. Es gibt in den Songs immer etwas zu entdecken, auch Jahre nachdem sie erschienen sind. Dieses Talent haben Kraftklub in den drei Jahren Pause zum Glück nicht verloren. Auch KARGO bringt richtig gute Phrasen mit sich, die ganz große Gefühle hervorrufen können.  

Kraftklub waren schon immer eine gesellschaftskritische Band. Im neuen Song Fahr mit mir heißt es zum Beispiel: „Etwas mit Heimatministerium kann für mich keine Heimat sein“. In diesem einen Satz stecken Frust, Weltschmerz und die Sehnsucht nach mehr, wie sie viele junge Menschen in Deutschland wohl kennen. Auch in Wittenberg ist nicht Paris ist Kraftklubs typisch kritischer Blick auf die Gesellschaft zu finden: „Jetzt postest du begeistert das Grünen-Wahlergebnis aus deinem Kiez. Und ‘Nazis raus’ ruft es sich leichter, da wo es keine Nazis gibt“.  

Die Band kann sich aber nicht nur beschweren, sondern auch vom schönsten Gefühl überhaupt singen: Liebe. Allerdings, ohne zu schnulzig zu werden. In Blaues Licht wird gesungen: „Dein Blick, sonst nichts, und ich weiß, ich bin sowas von gefickt“. Kaum jemand schafft es, seiner Anti-Haltung treu zu bleiben und trotzdem das Gefühl zu feiern, frisch verliebt zu sein.  

Neben Gesellschaftskritik und Liebe spielt aber auch Humor in den Liedern eine Rolle. In Teil dieser Band gesteht Frontmann Felix in jedem Refrain, dass er eigentlich gar nicht singen könne. Diesem Geständnis folgt aber sogleich eine einzigartige Liebeserklärung an die Band. Es ist egal, dass Felix nicht singen könne und kein Instrument spiele. Solange er die Band und die Fans habe, sei alles gut: „Wenn’s das war, dann war’s das wert. Ich mach weiter bis einer merkt: Ich kann nicht singen“. 

Das waren nur ein paar Beispiele für die außergewöhnlichen Texte, die Kraftklub so raushaut. Allein für sie lohnt es sich schon, das ganze Album zu hören. 

Neue Begleiter 

An dem bereits erwähnten Lied Fahr mit mir ist nicht nur der Text besonders, sondern auch die Feature-Band: Tokio Hotel. Alle Menschen, die sich mit Kraftklub auch nur ein wenig auskennen, waren davon wohl ähnlich überrascht. Eine ziemlich linke Rap-Rock-Band und die Typen, die früher aus den Happy Meal-Radios tönten und jetzt bei Heidi Klum wohnen – wie passt das zusammen? Erstaunlicherweise wirklich gut. Der typische Kraftklub-Sound in den Strophen und Bill Kaulitz‘ prägnante Stimme in den Refrains geben dem Song eine frische Klangfarbe, die viel Spaß bringt. Lasst euch also von „feat. Tokio Hotel“ nicht abschrecken und hört mal rein! 

Song-Empfehlung? Das ganze Album! 

Das sehnsüchtige Warten auf das neue Album hat sich auf jeden Fall gelohnt, denn meine persönlichen Erwartungen hat es sogar noch übertroffen. Erst wollte ich euch Leser:innen einzelne Songs von KARGO besonders ans Herz legen, aber das ist unmöglich. Es ist ein Erlebnis, das ganze Album zu hören – auch noch beim fünften Mal. Ich bin mir ziemlich sicher, dass zwischen tollen Texten, geilen Beat-Drops und Melodien, die einfach Laune machen, so ziemlich jede:r etwas für sich finden kann. Spielt eurem Schatz Blaues Licht vor, diskutiert mit euren Freund:innen über Wittenberg ist nicht Paris oder geht ab zu Teil dieser Band
 

Autor*in

Mira ist 21 Jahre alt und studiert seit dem WiSe 2020/21 Soziologie und Deutsch an der CAU. Sie ist seit November 2020 Teil der ALBRECHT-Redaktion und leitete ab Februar 2021 für ein Jahr das Ressort Hochschule. Seit Februar 2022 ist sie die stellvertretende Chefredakteurin.

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