Die erste große Premiere des Jahres am Theater Kiel. Der Vorhang hebt sich. Die Szene: Ein Dorf inmitten von Weinbergen. Links und rechts ein Häuschen, dahinter prangt ein alter, hochgewachsener Baum. Der junge Herzog Albrecht (Vitalii Netrunenko) betritt die Szenerie – er hat sich in das Bauernmädchen Giselle (Keito Yamamoto) verliebt und möchte sie von seiner Person überzeugen. Sie frönen gemeinsam Giselles unbändiger Tanzleidenschaft, bewegen sich anmutig über den Dorfplatz und ziehen sowohl Giselles Mutter als auch den Hofstaat völlig in ihren Bann.  

Das Philharmonische Orchester, unter dem Dirigat von Chenglin Li, trägt seinen Teil an zu der Verknüpfung des Tanzes (Inszenierung: Olena Filipieva) und der musikalischen Grundlage Adolphe Adams fulminant bei. So sind die Hauptcharaktere allesamt mit persönlichen Themen ausgestattet, die sich in solistischen Tanzeinlagen stets wiederfinden. Insgesamt macht gerade die einfache und reduzierte Handlung Giselle zu einem durchaus einsteiger*innenfreundlichen Ballett. Wer mit Giselle in Kiel zum ersten Mal eine Ballettvorführung besucht, wird überwältigt sein, welch außergewöhnliche Leistungen die Tänzer*innen auf der Bühne zeigen. Da wäre etwa das Bauernpaar (Leisa Martínez Santana und Didar Sarsembayev), welches den Hauptfiguren im ersten Akt glatt den Rang ablaufen könnte. Mit Präzision und Ausdrucksstärke umwirbt sich das Paar zur Mitte des Aktes in mehreren gemeinsamen und solistischen Tänzen. Dabei sitzt jeder Schritt, was das Publikum durch lautstarken Zwischenapplaus gebührend zu quittieren weiß.  

Wie eingebrannt bleibt auch das Ende des ersten Aktes im Gedächtnis. Giselle erfährt durch den Wildhüter Hilarion, der zu alledem auch in sie verliebt ist, dass sie einer Lebenslüge ihres Liebhabers Herzog Albrecht aufgesessen ist. Schwer gekränkt tanzt sie sich um den Verstand und wird allmählich wahnsinnig. Doch zeigt Keito Yamamoto diese Wendung nicht nur eindringlich in ihren Bewegungen, vielmehr sieht man es ihr ins Gesicht geschrieben. Schauspielerisch, eindrucksvoll und voller Emotionen – man kann nicht anders, als mit dem armen Bauernmädchen gemeinsam zu leiden. Doch schließlich ist sie erlöst: Sie findet inmitten der besorgten Dorfgemeinschaft den Tod. 

Während das Bühnenbild und auch die Lichtgestaltung im ersten Akt sehr klassisch gehalten sind, ziehen Eva Adler und Matthias Hillebrandt im zweiten Akt viele technische Spielereien aus den Ärmeln, die dem gestalteten Ensemble einen gewissen Zauber verleihen. So erlebt das Publikum, wie Giselle nach ihrem Tod in das Reich der Toten hinabfährt und ebenso wie von Geisterhand aus ihrem Grab aufersteht, als sie von Myrtha (Gulzira Zhantemir), der Königin der Wilis, in deren Zirkel aufgenommen wird. Die Wilis sind ein Bund düsterer, weiblicher Naturgeister. Die Kostüme nach dem Entwurf von Angelo Alberto sind weitestgehend schwarz gehalten, die Wilis sind schwarz verschleiert. Einzig Herzog Albrecht überrascht mit glitzernden Details unter seinem sonst schwarzen Frack. Nach ihrem Tod liegt über Giselle ein schrecklicher Fluch: Wer ihr Grab besucht, wird den gleichen Tod erleiden, wie das Mädchen. Die Wilis umwerben gemeinsam verschiedene Männer in der Welt der Lebenden und nachdem sie Hilarion in den Tod getrieben haben, gibt sich Giselle als Geist schließlich auch ihrem Albrecht zu erkennen. Doch die Liebenden können nur diesen einen Moment genießen. Das Mädchen wird nicht zurückkehren. Auch in Giselle findet sich als eines der berühmtesten Ballette der französischen Romantik ein typischer Schluss. Durch den gemeinsamen Tanz rettet Giselle ihren Geliebten und hilft ihm, dem Fluch, der über ihrem Grab liegt, zu entkommen. Herzog Albrecht übersteht den letzten Tanz mit seiner geliebten Giselle unversehrt und bleibt am Leben. 

Nach einem ereignisreichen Premierenabend ist das Publikum außer sich. Neben minutenlangen Standing Ovations wird sogar kräftig mit den Schuhen getrampelt. Das Theater Kiel bringt mit Giselle einen Ballettklassiker im modernen Gewand auf die große Bühne am Kleinen Kiel. Brava tutti! 

Weitere Termine: 01.02., 15.02., 01.03. (u.a.) jeweils um 19:00 Uhr im Opernhaus Kiel. 

Autor*in
Chefredakteur

Finn ist seit Februar 2024 Chefredakteur des ALBRECHTs. Zuvor hat er ein Jahr lang das Kulturressort geleitet. Er studiert seit dem Wintersemester 20/21 Englisch und Geographie auf Lehramt und ist seit dem WiSe 22/23 Teil der Redaktion.

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