Dänemark. Schon als ich ein Kind war, galt dieses Land für meine Familie und mich als liebstes Reiseziel. In der Nordsee baden, Kerzen ziehen und Wikingermuseen besuchen. Für mich war die dänische Kultur simpel. Genauso wie die deutsche – nur ein bisschen nördlicher eben. Doch dass es mit der Kultur und Identität eben nicht so leicht ist, sollte mir letzten Sommer beim Nordschleswiger klar werden. 

Eine Reise beginnt

Es ist Donnerstag, der 1. Juli, und ich stehe mit drei Taschen zum ersten Mal in meinem Leben in einem dänischen Zug. Ein Pflichtpraktikum brachte mich hier an diesen Bahnhof und sollte mich noch weiter bis in die kleine Stadt Apenrade (Aabenraa) ziehen. Doch jetzt, wo ich hier stehe, fühlt sich die kommende Zeit nicht mehr so harmlos an. Ich bin aufgeregt. Gespannt auf die nächsten drei Monate als Redakteurin bei der Minderheitenzeitung Der Nordschleswiger atme ich zum ersten Mal in diesem Jahr dänische Luft. Menschen laufen an die Gleise, um ihren Anschluss zu erreichen. Eltern passen auf, dass ihre Kinder nicht zu weit an den Rand laufen. Und Jugendliche daddeln beim Warten auf ihren Smartphones. Was also unterscheidet diese Menschen von denen, die etwas weiter südlich der Grenze leben? Warum können wir klar bestimmen, dass Dän:innen Dän:innen sind und Deutsche Deutsche?

Zu Beginn meiner Reise machte ich mir kaum Gedanken über solche Fragen. Ich wollte ankommen, mein Zimmer beziehen und mir den Ort angucken, in den es mich verschlagen hat. Ich wollte lernen, richtig zu schreiben und unter meinen neuen Kolleg:innen eine echte Journalistin sein. Klar, sie sprachen alle Deutsch, während sich die meisten Bewohner:innen meines neuen Wohnortes auf Dänisch unterhielten – doch so ist das halt im Süden des Landes, dachte ich mir.  

Zwischen zwei Welten

Bei der Arbeit sprach ich meine Muttersprache und im Supermarkt eben nicht. Dort musste mein Jahr Uni-Dänisch ausreichen. Die Menschen waren alle trotz meines geringen Wortschatzes sehr freundlich und hilfsbereit. So sind die Dän:innen halt, dachte ich.  

Doch im Zuge meiner Arbeit passierte es immer häufiger, dass ich mich zwangsläufig intensiver mit diesem Gedanken auseinandersetzen musste. Wie sind die Dän:innen wirklich? Ich fragte mich häufiger, warum wir Menschen einer bestimmten Gruppe zuordnen können, nur weil sie zufälligerweise auf einem gleichen Stückchen Erde geboren sind. Und was ist, wenn Minderheiten sich selbst nicht als Teil dieser Gruppe sehen?

Ich fuhr für Interviews und Artikel zu Menschen – von Vorschulkind bis Rentner:in, um mit ihnen zu reden. Ich fragte sie über ihre Ansichten und Meinungen, doch vor allem, warum sie Teil der Minderheit sind. Was bedeutet es ihnen? 

Ein Leben unter gleichgesinnten

Schnell erfuhr ich, dass all diese Menschen – all diese Individuen – Teil von etwas ganz Besonderem sind: einer Gemeinschaft. Minderheit assoziierte ich bis dahin immer mit einer Gruppe, die irgendwie anders ist, meistens ausgeschlossen, diskriminiert, benachteiligt. Doch in meinen drei Monaten im Süden Dänemarks lernte ich, dass es viel mehr sein kann. Ich lernte Menschen kennen, die sich bewusst von der Masse abgrenzten und ihre eigene Kultur lebten. Klar, an der deutschen angelehnt und von der dänischen beeinflusst, aber trotzdem weder Deutsch noch Dänisch. Sondern irgendwas dazwischen. Sie schufen neue Wörter, neue Traditionen und eine neue, eigene Identität. Sie zeigten mir, dass es Menschen gibt, die sich nicht mit dem Land identifizieren müssen, in dem sie leben. Sie zeigten mir, dass Kultur und die Menschen um jeden von uns einen großen Einfluss auf unsere Person haben. Und sie zeigten mir, dass Ländergrenzen nur Gebiete einzelnen Nationen zuordnen – nicht aber die Menschen, die in ihnen leben.

In meiner Zeit bei der Minderheit hörte ich mir viele Geschichten an. Ich sprach mit Inga, die schon seit ihrer Kindheit in Grenzregionen lebt und vor einem Jahrzehnt mit ihrem Mann aus Deutschland in das Königreich auswanderte und dort durch einen Zufall auf die Minderheit traf. Ich sprach mit Luca, der schon mit sieben Jahren zwei Sprachen fließend beherrschte. Seine Großeltern kommen aus Deutschland. Nun soll er in einer deutschen Schule die Kultur und Sprache seiner Familie besser verstehen lernen. Und ich sprach mit Thore, der seine halbe Freizeit nutzt, um Kindern aus der Minderheit Faustball beizubringen. Ein Sport, der wenig verbreitet und auch nicht überall bekannt ist. Und ähnlich wie bei der deutschen Minderheit schafft er es, Gemeinschaften zu bauen, Menschen zu verbinden und Grenzen aufzulockern.

Autor*in

Nele studiert seit Wintersemester 2019/20 Politikwissenschaften und Deutsch an der CAU. Im Mai 2020 hat sie als Redakteurin und im Lektorat-Team beim ALBRECHT angefangen. Sie war bis zum SoSe 23 zwei Jahre lang Gesellschaft-Ressort-Leitung.

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