Es heißt, jeder Mensch trifft pro Tag ungefähr 20 000 Entscheidungen. Die meisten dieser Entscheidungen werden unbewusst getroffen und beziehen sich auf ganz alltägliche Dinge. Doch es gibt auch die Arten von Entscheidungen, die unser Leben in eine völlig neue Richtung lenken können. Und vor allem ist mit jeder Entscheidung für eine Sache auch verbunden, dass wir uns gegen eine oder gleich eine Reihe von weiteren Optionen entscheiden – und genau das vielleicht später bereuen. 

Habt ihr euch auch schon einmal die Frage gestellt, was wäre, wenn ihr eine bestimmte Entscheidung mit einem anderen Ergebnis gefällt hättet? Wenn ihr einen anderen Studiengang gewählt oder auch gar nicht studiert hättet, in eine andere Stadt gezogen wärt, mehr Zeit mit einer bestimmten Person verbracht oder im Gegenteil, den Kontakt zu ihr abgebrochen hättet? 

Jede dieser Entscheidungen hätte euer Leben in gewisser Weise – mit mehr oder weniger drastischen Folgen – verändert. Lasst ihr euch auf dieses Gedankenspiel ein, so seid ihr schnell damit konfrontiert, dass es für jeden Menschen eine unendlich große Zahl an möglichen Lebensverläufen gibt. Wie hätten sich diese anderen Leben entwickelt? Wärt ihr glücklichere Menschen? Und gibt es unter diesen denkbaren Verläufen überhaupt das perfekte Leben voller Glück und ohne jedes Bereuen? 

Verzweiflung und schmerzliche Reue 

In den Strudel genau dieser Überlegungen gerät Nora Seed, Protagonistin des Romans Die Mitternachtsbibliothek von Matt Haig. Nora, eine Frau in ihren Dreißigern und mit einer Anstellung in einem Musikgeschäft, kommt nach einer Reihe ganz verschiedener Schicksalsschläge zu der erschütternden Erkenntnis, dass ihr Leben weniger einem harmonischen Musikstück als vielmehr einer „sinnlosen Kakofonie“ gleicht. Sie leidet an Depressionen, hat das Gefühl, von niemandem gebraucht zu werden und glaubt, alle Chancen im Leben vertan zu haben. Der Mensch, der sie einmal werden wollte, erscheint für sie unerreichbar. Voller Verzweiflung und Reue beschließt Nora, ihrem Leben mit Tabletten ein Ende zu setzen. 

Unendliche Möglichkeiten 

Doch statt des Todes erwartet sie die sogenannte Mitternachtsbibliothek – eine Präsenz zwischen Leben und Tod, in der die Uhr stets Mitternacht zeigt. Sie hält in Form von Büchern in verschiedenen Grüntönen jedes Leben bereit, das Nora hätte leben können, wenn sie andere Entscheidungen getroffen hätte. Eine Frau in Gestalt ihrer ehemaligen und sehr liebgewonnenen Schulbibliothekarin Mrs. Elm leitet Nora durch die zahllosen und nicht enden wollenden Gänge der Bibliothek. Sie ist es auch, die Nora mit dem Buch des Bereuens vertraut macht. Nora wird wortwörtlich vor Augen geführt, was sie in ihrem Leben am meisten bereut und sie erhält die Chance, in ihre anderen möglichen Leben einzutauchen. 

Ein ganz besonderer Roman 

Wie es weitergeht, sei an dieser Stelle noch nicht verraten. Nur so viel: Je mehr Leben Nora besucht, desto mehr verändert sich auch ihre Einstellung zum Leben und dazu, worauf es wirklich ankommt. 

Der Roman, der so düster beginnt und zunächst mehr als bedrückend erscheint, wird euch schnell in seinen Bann ziehen und zum Nachdenken darüber anregen, welche Entscheidungen euch in der Zukunft wichtig sind. Es ist eine Geschichte, die berührt und trotz oder vielleicht gerade wegen des hoffnungslosen Einstiegs, viel Mut machen und einen optimistischen Blick in die Zukunft ermöglichen kann. Matt Haig beschreibt keinen bahnbrechend neuen Weg zum persönlichen Glück, aber darauf kommt es auch gar nicht an. Das Besondere ist, dass er es geschafft hat, mit seinen Beschreibungen das auszudrücken und greifbar zu machen, was für viele von uns wahrscheinlich eher unterbewusste Empfindungen oder Handlungsgrundsätze sind. Gerade das sorgt dafür, dass der Roman so authentisch und einfach lesenswert ist. 

Autor*in

Judit ist 22 Jahre alt und seit März 2021 Teil der Redaktion.

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