Kieler Aktivist*innen erzählen von der Räumung Lützeraths

Anfang des Jahres gingen die Bilder aus Lützerath um die Welt. Über zwei Jahrzehnte haben sich Menschen aus ganz Deutschland, Europa und darüber hinaus gegen Politik und zuletzt auch gegen die Polizei gestellt. In den Medien teilten sich die Meinungen, die Protestierenden wurden entweder unterstützt oder scharf kritisiert, Polizei und Demonstrierende beschuldigten sich gegenseitig der Gewaltanwendung.

Wie es in den letzten Tagen vor dem Abriss Lützeraths war, können nur diejenigen genau sagen, die vor Ort waren. Deswegen haben wir mit einigen Studierenden gesprochen, die nicht nur für die Großdemonstration im Januar nach Lützerath gefahren sind, sondern teilweise schon seit Jahren in dem Dorf für dessen Erhalt gekämpft haben. Wir haben sie gefragt, wie sie all das erlebt haben – und vor allem, welche Erfahrungen sie mit Polizeigewalt gemacht haben.   

Triggerwarnung: Polizeigewalt 

Bild: TKKG

Ein zweites Zuhause     

Seit 2006 fanden in dem nordrhein-westfälischen Weiler Proteste statt: Gegen die Enteignung der Dorfbewohner*innen, gegen die Zerstörung von Siedlungen und vor allem gegen den von RWE geplanten Kohleabbau. Dieser Abbau ist der Grund für die Anreise unterschiedlicher Klimaprotestgruppen, da durch die Verbrennung der in Lützerath abgebauten Kohle das 1,5-Grad-Ziel nicht eingehalten werden könne.

Der Tagebau in Lützerath / Bild: TKKG

Seitdem RWE das Gebiet erworben hatte, ist einige Zeit vergangen. Anwohnende wurden umgesiedelt, während sich immer mehr Demonstrierende feste Standorte geschaffen haben, um dauerhaft den Abbau zu verzögern – in der Hoffnung, dass die Regierung ihre Meinung nach fast 20 Jahren doch noch ändert und der Abbau verhindert werden würde. Stattdessen wurde im Oktober 2022 endgültig beschlossen, dass RWE die Kohle abbauen darf. Zwei der Demonstrierenden vor Ort sind Sonja und Rick von der TurboKlimaKampfGruppe. Sie kommen aus Kiel, heißen aber eigentlich anders. Genau wie die anderen, die mit uns gesprochen haben, möchten sie anonym bleiben.  

Sonja und Rick fuhren in den letzten eineinhalb Jahre vor der Räumung des Öfteren nach Lützerath, Sonja nennt das Dorf sogar ihr zweites Zuhause. „Ich war teilweise mehr dort, als in Kiel. Letzten Winter habe ich im ‚Haus der Unbekannten‘ gewohnt, dann teilweise in Baumhäusern, in Hütten, das war immer unterschiedlich“, erzählt sie. Ihr Protest war ihr sogar so wichtig, dass sie ihr Studium dafür teilweise auf Eis legte. „Ich habe ein Studium zu Nachhaltigkeit gemacht und dort wurde immer erzählt: ‚Wir brauchen einen System Change’, aber alles nur in der Theorie. In Lützi konnte man das jedoch praktisch umsetzen. Letztes Semester war es sehr schwierig, Studium und Protest unter einen Hut zu bekommen.“  

Rick war drei Mal innerhalb der letzten zwei Jahre für jeweils eine Woche in Lützerath. „Ich hatte das Gefühl, dass es eine große Motivation gab, Lützi zu verteidigen. Es wurden Barrikaden errichtet, Gräben ausgehoben, Traversen gespannt, Räume verbarrikadiert“, erzählt er. „Aber ich habe auch erlebt, dass vielen klar war, dass es wahrscheinlich nicht für die Rettung des Ortes ausreicht.“   

In einem Baumhaus wie diesem hat Sonja unter anderem gewohnt, als sie nach Lützerath gekommen ist / Bild: TKKG
Die Aktivist*innen haben sich in den Baumhäusern so eingerichtet, dass sie über einen langen Zeitraum hinweg in Lützerath ihre Stellung halten können / Bild: TKKG

Nicht nur das Klima schützen  

Für Student Florian gab es außer dem Klimaschutz noch einen weiteren Grund, an der Demonstration teilzunehmen. Ihm ging es auch um den Schutz eines ganzen Dorfes. „Ich komme selber aus einem Dorf und nehme es persönlich, wenn eines zerstört wird“, sagt er. Deswegen hat er sich entschieden, seinen Rucksack zu packen und mitten in der Nacht nach Lützerath zu fahren. Er gehörte keiner Gruppe an und ist am Wochenende vor der letzten Großdemonstration alleine in den Zug gestiegen. In den Tagen, die er dort verbrachte, hatte er sein Quartier in einer Scheune des Heukamp-Bauernhofs bezogen, dem Hof des letzten Dorfbewohners. Mit ihm verbarrikadierten sich dort auch Dutzende anderer Aktivist*innen.   

Es gab auch ausgelassene Stimmung während der Demonstration / Bild: TKKG

Florian beschreibt uns auch die besondere Stimmung, die vor Ort herrschte: Auf der einen Seite habe das Dorf einem Festival, gar einem Volksfest geglichen, organisiert durch Aktivist*innen. Er berichtet von Blaskapellen und Reden, Straßen voller Menschen, die teilweise nur an diesem Tag vorbeigekommen sind. Auf der anderen haben sich Menschen für die Demonstration vorbereitet: Außer den Sitzblockaden haben sie sich verschiedene Methoden überlegt, mit denen sie die Polizei von der Räumung des Dorfes abhalten könnten, zum Beispiel durch das Aufstellen von sogenannten Tripods. Dabei handelt es sich um turmartige, tetraedrische Gebilde aus drei Stangen, an denen Plakate aufgehängt werden können und sich Menschen oft reinhängen. „Es gab auch noch ein Gülle- oder Wasserfass, das zur Hälfte mit Steinen befüllt war“, erklärt Florian. Auch in dieses Fass haben sich Demonstrierende gesetzt. 

Die Räumung  

Am Dienstag, den 10. Januar habe die Polizei mit der endgültigen Räumung angefangen, Florian war auch dabei. Er erzählt, wie früh morgens Bulldozer und Mannschaftswagen der Polizei angefahren kamen, um die Barrikaden zu räumen. Die Aktivist*innen haben jedoch ihren Sitz nicht verlassen. Laut Florian soll die Polizei bei der Auflösung der Sitzblockaden ‚brutal’ vorgegangen sein: „Menschen mit langen Haaren wurden daran herausgezogen. Sie wurden verprügelt und haben Pfefferspray abbekommen. Mich hatte es am Mittwoch erwischt, als sie in das Dorf vorgerückt sind.“  

Am Mittwoch befand sich Florian an vorderster Front, wie er sagt, in einer Menschenkette direkt vor dem Tagebau. „Die Polizei hat dann angefangen, zu drücken und hat uns mit ihren Handschuhen Mund und Nase zugedrückt. Wenn das nicht funktioniert hat, haben sie sich durchgeprügelt. Mir selbst wurde die Brille krummgeschlagen.“

Demonstrierende bilden Menschenketten vor dem Tagebau / Bild: Lio

Manche Menschen wurden von Polizist*innen weggetragen, nachdem die Ketten durchbrochen wurden und außerhalb des Dorfes abgesetzt, Florian jedoch floh abends wieder in die Scheune, in der er die letzten Nächte übernachtet hatte. Die Lage bei den Aktivist*innen in dieser Scheune habe sich wieder etwas entspannt, als klar war, dass an diesem Abend keine weiteren Räumungen stattfinden würden. „Einige haben noch Fenster verbarrikadiert, andere haben ein improvisiertes Theaterstück gespielt und hatten einen Riesenspaß.“   

Am nächsten Morgen wurde aber auch die Scheune geräumt. Florian erzählt, wie Polizist*innen versucht hätten, das Hoftor mit einem Rammbock zu öffnen. Durch das laute Geräusch der Schläge hätten die Demonstrierenden genug Zeit gehabt, um sich auf das kommende Aufeinandertreffen vorzubereiten. Florian klebte seine Hand mit Sekundenkleber am Heuboden der Scheune fest.

Riskante Manöver

„Die haben mit riskanten Manövern versucht, hineinzukommen. Sie waren dabei, die stählerne Falltür aufzuflexen, sodass die Funken geflogen sind. Das ist auf einem Heuboden brandgefährlich und das haben wir ihnen auch mehrmals zugerufen. Später sind sie über die Hebebühne durch die Fenster in die Scheune gekommen.“ Auch an den Fenstern sollen sich Menschen festgeklebt haben und die Polizei habe Kettensägen benutzt, um durch die vernagelten Fenster zu kommen. Wieder haben erst die Rufe der Aktivist*innen dafür gesorgt, dass die Polizist*innen mit dieser Taktik aufhörten.  

Schließlich sei die Polizei in die Scheune gelangt und habe die Aktivist*innen hinausgetragen. „Bei mir haben sie ersteinmal angezweifelt, dass ich überhaupt festklebe. Um zu sehen, ob ich lüge, sind sie mit Schuhen auf meine Hand gestiegen. Um zu sehen, ob ich wegziehe“, schildert Florian die Situation. „Bei dem Ablösen sind sie erst vorsichtig vorgegangen und beim Wegtragen wurde ich mit der Hebebühne aus dem Fenster gehoben. Ich habe mich geweigert, mitzuhelfen, sodass die Polizei die schmerzhaftere Variante gewählt hat. Dabei haben sie meinen Unterkiefer als Tragegriff benutzt – bis sie gesehen haben, dass draußen eine Presse-Kamera war. Daraufhin haben sie den Schmerzgriff beendet.“ Danach wurde Florian mit Hilfe von Schlagstöcken weggetragen und außerhalb des Dorfes abgesetzt.

„Insgesamt wurden viele Sachen gefährlich gehandhabt. Zum Beispiel, dass Bäume gefällt wurden, obwohl in den nebenstehenden Bäumen noch Personen waren. Das ist eigentlich verboten, weil ein Baum auch in den Nachbarbäumen verhakt sein kann. So, wie die Räumung abgelaufen ist – von Brandgefahr bis zu fahrlässigen Baumfällungen – kann man froh sein, dass da niemand zu Tode gekommen ist.“  

Der Boden ist Lava 

Obwohl die Polizei schon seit Tagen den Weiler räumte, kamen am Samstag, den 14. Januar tausende Menschen zu einer Großdemonstration zusammen. Auch Greta Thunberg war vor Ort und hielt eine Rede. Florian war an diesem Tag wieder dabei und hat sich erneut einer Menschenkette angeschlossen. „Die Polizei stand uns gegenüber und hat nichts gemacht, bis einer auf einmal ‚jetzt‘ gerufen hat und die sind losgestürmt. Ich habe mich weggeduckt, habe aber trotzdem viele Faustschläge auf den Kopf und in den Magen bekommen, sodass mir davon flau wurde. Wir sind nach hinten gerückt und haben uns neu formiert, aber die Polizei hat uns immer wieder angegriffen. Als ich irgendwann genug hatte, bin ich woanders hingegangen, zu einer kirchlichen Gruppe, aber da wurden wir auch angegriffen.“  

Bild: Stefan Müller / PIC ONE

„Man hat gemerkt, dass RWE und die Polizei im Hinterkopf hatten, dass der Samstag ein entscheidender Tag werden wird. Sie haben schnell und unachtsam geräumt“, erinnert sich Sonja. Sie hat ähnliche Situationen wie Florian erlebt und war besorgt wegen des Vorgehens der Polizei: „Der Boden war Lava, aber wir haben viel aufeinander aufgepasst. Wir haben nachts die Baumhäuser besucht und Tee getrunken oder zusammen gekocht. Das sind die Momente, die sehr schön waren, da die eigentliche Räumung ein relativ kurzer Moment war. Aber eben sehr gefährlich und man hatte Angst um sich und die anderen. Gerade bei den Baumhäusern oder Traversen wurden die Seile zwischen den Bäumen gekappt, obwohl auf den Seilen Menschen standen.   

„Mir sind auch Bilder im Kopf geblieben, als einige vom SEK mit der Teleskopsäge Seile durchgeschnitten haben. Da sind teilweise Menschen, die oben gesichert sind und unten auf dem Seil stehen. Das wird unter den Füßen durchgeschnitten und man fällt in den Gurt. Je nachdem, wie der eingestellt ist, ist es schwierig, wieder wegzukommen. Die Polizei hat das Wissen, wie gefährlich es ist, länger im Gurt zu hängen. Sie haben auch danach nicht geholfen und die Betroffenen hängen lassen.“ Obwohl die Polizei morgens versucht haben soll, durch schnelle Aktionen die vermeintlich unbesetzten Seile durchzuschneiden,  sollen trotzdem schon Menschen in den Seilen gehangen haben. 

Über den Baumhäusern sind Seile zu erkennen, solche sollen von der Polizei durchgeschnitten worden sein, obwohl noch Menschen in den Seilen eingehakt gewesen seien / Bild: TKKG

Auch Rick hat einige Momente erlebt, in denen Menschen verletzt wurden, er nennt Schläge und den Einsatz von Schlagstöcken ‚das Übliche’, das er schon von Demonstrationen gewohnt sei. Daher erzählt er uns von keiner spezifischen Situation, spricht mit uns aber über die Notwendigkeit von Gewaltanwendungen durch die Polizei und wie wir als Gesellschaft dazu stehen. Er selbst steht dieser Gewalt sehr kritisch gegenüber: „Wir haben ein staatliches Gewaltmonopol und deswegen akzeptieren wir, dass die Polizei gewalttätig ist. Die Frage nach der Verhältnismäßigkeit ist eine schwierige Diskussion. Eigentlich soll die Polizei das Minimum an Gewalt einsetzen. Wenn sie mehr einsetzt, ist das andere Problem, dass Polizist*innen in der Regel nicht verfolgt werden.“   

Sonja ergänzt: „Es ist traurig, dass das mittlerweile so normalisiert ist. Ich finde es krass, dass bei solchen Einsätzen gezielt auf die Köpfe der Menschen eingeschlagen worden ist. Ich hatte Freunde, die vor und auch nach der Großdemonstration gebrochene Nasen hatten. An den Haaren wurde auch gezogen.“   

Sie erzählt, dass auch die Pressefreiheit immer mehr eingeschränkt worden sei, je weiter die Räumung vorangeschritt. Zum Beispiel sei eine Halle gestürmt worden, ohne dass Journalist*innen hineinsehen durften. Das habe bei vielen den Anschein erweckt, dass niemand mitbekommen solle, was in der Halle passierte. Teilweise sollen Pressevertreter*innen auch weggeschickt worden sein.   

„Zum Ende der Räumung wurden alle Seile gekappt aber die Menschen wurden in 15 bis 20 Metern Höhe in den Baumkronen vergessen. Ich weiß nicht, wie zwei von ihnen es geschafft haben, wieder runterzukommen. Das ist für Laien vielleicht nicht die klassische Gewalt“, sagt Sonja, „aber das sind gefährliche Situationen. Menschen wurden teilweise mit Schmerzgriffen geräumt oder Köpfe wurden gequetscht. Das sind Situationen wo es ausgenutzt wird, dass keine Presse vor Ort ist.“

Rick führt fort: „Polizeigewalt wird auf jeden Fall mehr zum Thema. Auf Twitter gibt es immer öfter Berichte über Polizeigewalt, auch wenn man Gesellschaftsdiskurse nicht an Twitter festmachen sollte. Gesellschaftlich wird die Polizei immer noch als Freund und Helfer und gleichzeitig ganz anders in aktivistischen Kreisen wahrgenommen. Oder von Menschen, die von Sexismus und Rassismus betroffen sind.“  

Würdet ihr es wieder tun?  

Trotz dieser negativen Erfahrungen sind sich alle einig: Sie würden wieder auf die Straße gehen, um sich für das Klima und ihre Werte einzusetzen. „Das wird nicht der letzte Kampf sein, der verloren wird, aber trotzdem haben wir perspektivisch keine andere Chance, als zu gewinnen“, meint Rick. „Dieser Kampf wird letztendlich gewonnen, auf die eine oder andere Weise. Das ist meine Motivation, weiterzumachen.“ Und Gelegenheiten dafür wird es noch einige geben, zum Beispiel am 7. Mai: Da wird eine weitere Großdemonstration von der Initiative Alle Dörfer bleiben in Nochten (Lausitz, Sachsen) stattfinden, weil dort – wie in Lützerath – der Kohleabbau durch die LEAG verhindert werden soll. 

Autor*in

Eileen studiert Soziologie/Philosophie und ist seit Januar 2022 die Chefredakteurin. Sie leitete von Februar 2019 bis Anfang 2020 das Ressort für Gesellschaft. Danach war sie stellvertretende Chefredakteurin. Außerdem werden viele der Illustrationen im Albrecht von ihr gezeichnet.

Autor*in
Stellv. Chefredakteur und Layouter

Joschka studiert seit dem Wintersemester 20/21 Soziologie und Politikwissenschaft und ist seit Ende 2022 Teil des Albrechtsteams. Dazu leitet er seit dem März 2023 das Layoutteam und ist seit Februar 2024 stellvertretende Chefredaktion.

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