12 Fragen an: Svenja Bierwirth

Svenja Bierwirth kandidiert bei der Kommunalwahl am 6. Mai für die Partei DIE LINKE im Wahlkreis Schilksee/Pries direkt und auf Listenplatz 2. Sie ist 22 Jahre alt und studiert Geographie sowie  Politikwissenschaft im Nebenfach.

 Wie sieht ein guter Tag für Sie aus? 

Gut ist ein Tag, wenn ich mich an seinem Ende nicht schlimmer fühle als an seinem Anfang. Das kann natürlich alles heißen. Wenn sich aber die schlechten Tage häufen, ich schon morgens deprimiert bin von dem, was auf der Welt passiert, ist ein guter Tag schon jeder, der nicht mit völliger Resignation endet. Denn dann würde ich vielleicht nicht mehr kämpfen und auch gar nichts mehr verändern können. Und das wäre das Schlimmste.

Wer ist Ihr Vorbild? 

Da mir auch nach fünf Minuten nachdenken niemand einfällt, habe ich wohl keins. Natürlich gibt es Menschen, die mich prägen oder die ich um manche Fähigkeit beneide. Es wäre mir aber zu viel Druck, mich ständig an einem Vorbild zu orientieren. In den meisten Momenten habe ich akzeptiert, dass ich niemals jemand anders sein werde. Ich lebe immer meine Situation, nicht die einer anderen Person. Aus dieser Akzeptanz heraus kann ich versuchen, sie zu verbessern und an mir selbst zu arbeiten, ohne dabei irgendein Vorbild zu einer Idealversion aufzubauen, der ich ohnehin niemals entsprechen werde.

Was regt Sie so richtig auf? 

Das Wort „Integration“, in fast jedem gesellschaftlichen Kontext. Will man wirklich alle Menschen assimilieren, nahtlos in irgendeinen Mainstream eingliedern? Unsere Vielfalt ist eine Chance, die wir als solche erkennen und nutzen sollten.

Was hat Sie motiviert, in die Lokalpolitik zu gehen? 

Die Olympia-Kampagne der Stadt Kiel. Für die Spiele sollten damals knapp 40 Millionen Euro ausgegeben werden, während ich täglich in ein Uni-Gebäude spazierte, das bei stärkerem Wind wegen Unfallgefahr geschlossen werden musste. Das hat mich geärgert und mein Interesse geweckt, obwohl ich weiß, dass die Hochschulgebäude keine kommunale Angelegenheit sind. Dass die Prioritäten der Stadt Kiel häufig nicht bei schlechter situierten Menschen liegen, hat sich aber leider oft bestätigt.

Wie vereinbaren Sie Ihr kommunalpolitisches Engagement mit Ihren anderen (beruflichen) Verpflichtungen? 

Es ist schon sehr stressig und schwierig. Eine große Hilfe sind mir meine inner- wie außerparteilichen Freunde, die mit viel Verständnis und Solidarität hinter mir stehen, ebenso wie meine Chefin an der Universität und meine Kolleg*innen in verschiedenen Ehrenämtern. Ich freue mich, dass mein Engagement so wertgeschätzt wird, dass ich bei meiner Terminplanung viel Rücksicht und Unterstützung erfahre. Diese Situation ist aber ein Glücksfall und in einem regulären Beschäftigungsverhältnis – gerade auch nach meiner Zeit als Studentin – wird das wahrscheinlich nicht mehr so einfach sein.

Woher kommen Ihre politischen Haltungen? 

Ich bin in einem sehr konservativen Landkreis in Nordthüringen aufgewachsen, in dem zusätzlich Figuren wie Thorsten Heise und Björn Höcke leben und das politische Umfeld prägen. Ein Großteil der Dorfjugend war entsprechend politisch orientiert – überwiegend konservativ, viel zu häufig aber auch weit rechts davon. „Jude“ war ein beliebtes Schimpfwort bei einigen Jungen in meiner Klasse. Beim Fasching, dem alljährlichen Großevent, waren vor allem sexistische Pointen die Highlights. Ich habe darin nie Belustigung finden können und war insgesamt sehr zurückgezogen. In meiner besten Freundin und meinem ersten Freund habe ich dann Menschen gefunden, die daran ebenso wenig Gefallen fanden wie ich. Wir haben viel Punk gehört und uns gegenseitig darin bestärkt, dass es nicht falsch ist, den vorherrschenden Positionen etwas entgegensetzen zu wollen.

Was ist das beste Buch, das Sie je gelesen haben? 

Die Tagebücher von Franz Kafka, überhaupt sein gesamtes Lebenswerk.

Woran denken Sie, wenn Sie nicht einschlafen können? 

An Misserfolge, peinliche Situationen, Momente und Gespräche, die ich nie (mehr) erleben werde… Die klassischen Dinge, für die sich – laut einschlägigen Meme-Seiten und Internet-Foren – viele Gehirne um drei Uhr nachts interessieren.

Auf welche Erfolge aus Ihrer kommunalpolitischen Laufbahn sind Sie besonders stolz? 

Bisher war ich noch nie als kommunale Abgeordnete aktiv, bin aber seit knapp anderthalb Jahren Sprecherin des Kieler Parteivorstands. Obwohl ich insofern noch keine Rolle in irgendeiner Fraktion gespielt habe, bin ich auf viele Dinge stolz, die wir als Kreisverband vor Ort erreichen konnten. Besonders darauf, dass wir uns immer wieder erfolgreich für Bürger*innenentscheide engagieren. Es muss dabei nicht jede*r unsere Meinung teilen, aber ich finde es wichtig, dass die Einwohner*innen dieser Stadt wissen, dass ihre Stimme zählt und Entscheidungen, die ihr direktes Lebensumfeld betreffen, nicht über ihren Kopf hinweg von einer vermeintlich höheren Instanz getroffen werden.

Was ist – Ihrer Meinung nach – die beste Lösung für die Probleme in unserer Gesellschaft? 

Unsere Gesellschaft ist nicht homogen, sondern hochkomplex. Entsprechend vielfältig sind Ursachen von und Reaktionen auf Probleme. Es gibt bei Weitem zu viele Perspektiven und Blickwinkel, als dass ich die beste Lösung nennen könnte; das wäre mindestens vereinfachend, wenn nicht sogar pauschalisierend. Was eine Person guten Gewissens als Lösung glaubt, schafft für die andere ein neues Problem. Insofern stellt vielleicht eine offene und friedliche Kommunikation einen ersten Schritt dar. Dass es ein allumfassendes Wundermittel für die Probleme dieser Welt gibt, bezweifele ich aber.

Was nimmt – Ihrer Meinung nach – zu viel Raum in der politischen Debatte ein? 

Identitätspolitische Scheindebatten und personelle Machtkämpfe. Aus ständigen Inszenierungen haben die Menschen nichts gewonnen. Dass auch der*die zwölfte Politiker*in breit erklärt, welche Religion zu Deutschland gehört und welche nicht, ändert nichts daran, dass an Europas Grenzen täglich Menschen sterben. Die dritte Entschuldigung auf Twitter für eine kontroverse Aussage über Armut lässt ein Hartz IV-System nicht verschwinden. Die Energie, die in solche oberflächlichen Symboliken und mediale Auseinandersetzungen fließt, sollte lieber für die tatsächliche Arbeit an den konkreten inhaltlichen Problemen aufgewendet werden.

Wovor fürchten Sie sich am meisten? 

Im politischen Kontext definitiv vor der Neuen Rechten. Wenn die politischen Positionen generell den so oft zitierten „Rechtsruck“ erfahren, ist das zutiefst bedauerlich, aber damit kann ich mich auseinandersetzen. Dass jedoch Rassismus, Nationalismus und Sexismus immer unbekümmerter in der Öffentlichkeit passieren, in Form vermeintlich demokratischer Parteien in die Parlamente einziehen und im Namen einer altbekannten Ideologie Menschen gewaltbereit gegeneinander aufhetzen, macht mir Angst. Mein Geschichtslehrer sagte einmal, dass wir uns nicht für klüger halten sollten als die Menschen es früher waren. Damals habe ich diese Aussage ganz arrogant belächelt. Heute fürchte ich mich davor, dass er Recht hatte.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen wurden per E-Mail an die Gesprächspartner*innen beziehungsweise an die zuständigen  Pressesprecher*innen  geschickt und schriftlich beantwortet.


Bildquelle: Luis Karcher

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Eric Grabis
Über Eric Grabis 11 Artikel
Eric ist 20 Jahre alt und seit Februar 2018 beim Albrecht. Er studiert Deutsch und Englisch.

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