Arctic Monkeys – Tranqulity Base Hotel & Casino

Das sechste Album der Arctic Monkeys in der Plattenkritik

von Maline Kotetzki

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31. Mai 2018

Arctic Monkeys
Titel: Tranquility Base Hotel & Casino 
Label: Domino Records 
VÖ: 11. Mai 2018

Rund fünf Jahre mussten die Fans der britischen Band Arctic Monkeys auf ein neues Album warten. Nach dem großen Erfolg von AM, mit dem die Musiker um Leadsänger Alex Turner endgültig über die Grenzen der Indie-Szene hinaus bekannt wurden, stand die Band unter Zugzwang. Nicht nur die Fans, sondern auch die Kritiker hatten durch den Erfolg des vorangehenden Albums eine hohe Erwartungshaltung, als Turner 2016 verkündete, dass bald neue Songs erscheinen würden. 

Die Arctic Monkeys haben sich Zeit gelassen. Zeit, die sie dafür genutzt haben, sich komplett neu zu erfinden. Wer sich nur dem nach AM aufgekommenen Hype – verstärkt auf Tumblr in Form von Versatzstücken der Songs zelebriert – angeschlossen hat, den wird das sechste Album Tranquility Base Hotel & Casino auf ganzer Länge enttäuschen. Keine rauchigen Rocksongs, keine Lederjacken, keine schlechten Entscheidungen nach Partys. Stattdessen: Ein futuristisches Setting auf dem Mond, welches in Retroklänge mit Anleihen aus den 70er Jahren gebettet ist. Die Band nimmt mit dem Titel Bezug auf die Mondlandung von Neil Armstrong und Buzz Aldrin, die an einer speziell ausgesuchten Stelle den Mond betraten. Armstrong benannte diesen Ort „Tranquility Base“ und die Arctic Monkeys versetzten sich mit ihrer Musik genau dorthin. In dem fiktiven Hotel & Casino unterhalten sie die Gäste mit ihren Klängen. Aber was ist mit ihrer ganz realen, auf der Erde gebliebenen Zuhörerschaft?

Zwischen Enttäuschung und Euphorie 

Wirft man einen Blick ins Internet, so sind die Meinungen gespalten. Da ist vom schlechtesten Album aller Zeiten die Rede, das des Hörens nicht einmal wert sei. Andere wiederum sehen den größten Coup der Band. Eines ist bei den diversen Kommentaren jedoch klar: Dies ist ein Album, zu dem man eine Haltung entwickeln kann, wie auch immer diese ausfällt. Wahrscheinlich gewollt polarisieren die Jungs aus Sheffield, auf Kommerz und besonders hohe Verkaufszahlen haben sie anscheinend nicht gesetzt. Festivalhymnen zum Mitsingen und -grölen werden vor allem diejenigen, die nur auf den AM-Zug aufgesprungen sind, schmerzlich vermissen. Die Arctic Monkeys nehmen in Kauf, Fans zu verlieren. Und auch das scheint ein willentlicher Akt, genau eingeplant und antizipiert. In Zeiten der ständigen Verfügbarkeit von Musik via Spotify und Co. hat die Band bewusst darauf verzichtet, vorab Singles zu veröffentlichen. Tranquility Base Hotel & Casino soll als Gesamtwerk wahrgenommen werden und auf dieses müssen sich die Rezipienten einlassen. Zunächst wirkt es, als könnten die Songs bei ganz alltäglichen Dingen wie Kochen, Lernen oder Aufräumen im Hintergrund laufen. Sie gehen geradezu nahtlos ineinander über und beim ersten Hören erscheint das Album wie ein einziges, 40-minütiges Lied. Erst bei genauerem und vor allem häufigeren Hinhören fallen die Perlen unter den Titeln wirklich auf, allen voran Four out of Five und The Ultracheese. Auf bloßen Konsum ist dieses Album nicht ausgelegt.

Reise in Turners Gedankenwelt

Auch wenn sich die Arctic Monkeys bisher immer wieder durch ihre Fähigkeit, sich musikalisch neu zu präsentieren, ausgezeichnet haben: Tranquility Base Hotel & Casino ist so weit weg von ihrem bisherigen Stil, dass man genauso gut einer anderen Band lauschen könnte. Ausschweifende Gitarrenklänge sucht man vergeblich. Die Musiker, die sich in der Vergangenheit und insbesondere auf ihrem letzten Album auf Gitarrenriffs verlassen haben, holen nun andere Instrumente in den Vordergrund. Besonders das Piano steht im Fokus, begleitet von Keyboards und nur punktuell eingesetzten Drums sowie dem Bass. Star des Albums ist Leadsänger Alex Turner, der die Zuhörer in seinen ganz persönlichen Bewusstseinsstrom mitnimmt. Die eröffnenden Zeilen des Albums „I just wanted to be one of the Strokes / now look at the mess you made me make“ nehmen mit in die Gedanken Turners, der hier und da auch mal gesellschaftskritische Zeilen wie beispielsweise in Batphone einwirft („I launch my fragrance called Integrity / I sell the fact that I can’t be bought”). Dies geschieht ohne mahnenden Zeigefinger, vielmehr geht es darum, Themen wie Konsum, die Medien und Gentrifizierung anzusprechen und geradezu staunend zu betrachten.

Will man zynisch sein, so könnte man sagen, Tranquility Base Hotel & Casino sei Turners Egotrip, bei dem er auch mal eine Spur mit den Instrumenten disharmoniert (American Sports). Der 32-Jährige lässt auf diesem Album die Grenzen zwischen den Arctic Monkeys, seinem zweiten Projekt The Last Shadow Puppets und einer veritablen Soloshow verschwimmen und genau das ist das sperrige Charakteristikum des neuen Albums. Übergeht man die anfängliche Irritation und lässt sich auf das Album sowie Turners Gedankenkarussell ein, dann eröffnet sich eine Welt des Hörens, in der sich eine Band mal wieder neu erfindet und die genau weiß, dass sie so auf dem Radar der Zuhörer und Kritiker bleibt.

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Über Maline Kotetzki

Maline Kotetzki

Maline ist 25 und studiert Deutsch und Politikwissenschaft im Master an der CAU. Sie ist seit Mai 2015 Mitglied beim Albrecht.

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