BIRDMAN – Ein surreales Meisterwerk?

Avengers 2, Batman vs Superman, Iron Man vs Captain America: Der Trend von Superheldenblockbustern will nicht abklingen und steigert sich langsam ins Unermessliche. Innerhalb der nächsten drei Jahre werden uns Marvel und DC 20 (!) weitere Comic-Verfilmungen liefern. Während Genre-Fans sich freuen können in der richtigen Zeit geboren zu sein, kommt bei kritischeren Stimmen immer mehr der Vorwurf eines ausartenden Kommerzkinos auf. Alejandro González Iñárritus‘ Film Birdman or (the Unexpected Virtue of Ignorance) ist eine dieser kritischen Stimmen. Als wäre eine brutal harte Kritik am Mainstream-Action-Kino nicht genug, nimmt der Film auch gleich noch die ganze Filmindustrie samt Presse und Internet-Medien auseinander. Dass man bei einem solch ambitionierten Anspruch gleichzeitig einen der kreativsten Filme des Jahres abliefert, macht Birdman zu einem kleinen Meisterwerk.

Handlung:

Riggan Thomson (Michael Keaton) will es noch einmal versuchen: Nach seinem großen Durchbruch im dreiteiligen Superhelden-Epos Birdman war es lange still um den in die Jahre gekommen Star. Abseits von großen Action-Blockbustern soll es aber jetzt noch einmal auf dem Broadway klappen. Doch kurz vor der kritischen Phase seines selbst inszenierten Stücks, in dem er auch noch die Hauptrolle spielt, stürzt einem Darsteller eine Bühnenleuchte auf den Schädel. Nicht nur, dass sich Riggan mit dem nun eingesprungenen Ersatzdarsteller (Edward Norton) einen unberechenbaren Soziopathen ins Boot geholt hat  nein  die Stimme seines alter Ego Birdman versucht ihn ebenso davon überzeugen, doch noch einmal auf die große Leinwand zurückzukehren und nagt so zunehmend an seinem Verstand.

Leser, die sich mit Schauspielernamen auskennen, sollten bei dieser Inhaltsangabe bereits ins Stutzen gekommen sein: Der gesamte Cast um Michael Keaton, Emma Stone und Edward Norton liefert nicht nur eine ausgezeichnete schauspielerische Leistung, sondern verleiht Birdman zusätzlich eine einzigartige Metaebene: Wer spielt den egozentrischen Choleriker-Schauspieler? Der in der Öffentlichkeit immer wieder für Wutausbrüche am Set bekannte Edward Norton. Wer spielt die weibliche Nebenrolle in einem Film über einen Superhelden? Peter Parkers Freundin aus den letzten beiden Spiderman-Filmen. Die Grenze zwischen Fiktion und Realität verschwimmt spätestens dann, wenn einem Michael Keatons Vergangenheit als Batman-Darsteller bewusst wird: Nach sieben Jahren Leinwandabstinenz kämpft Keaton, genauso wie seine Filmrolle, darum, aus dem Schatten seines Superhelden-Daseins herauszutreten. Und ausgerechnet mit dieser bitterbösen Hollywood-Satire könnte er sein Ziel erreichen und sich Ende Februar mit einem Oscar zurück in die Herzen der Traumfabrik katapultieren.

Mit einer so an die Realität angelehnten Rolle das große Schauspiel-Comeback zu wagen, braucht schon eine gewaltige Portion an Mut. Noch viel mehr Mut verlangt es allerdings, eine so ambitionierte Produktion überhaupt erst freizugeben: Einzelaufnahmen, mit einer Länge von minimal sieben bis maximal 15 Minuten forderten neben genau durchchoreographierten Bewegungsabläufen auch vollen Einsatz von den technischen Mitwirkenden (vor allem der Belichtung!). Alles am Ende zu einem einzigen, zwei Stunden langen, Take zusammenzuschweißen, setzt dem Produktionsaufwand aber schließlich die Krone auf. Dass man dieses Mammutprojekt dann auch noch auf ein so bissiges Drehbuch stützt, sollte schon allein wegen des Risikos zu Scheitern dem Oscar für den besten Film würdig sein.

Verblüffenderweise macht die durchgängige Kamera den Film nicht zwangsläufig realistischer: Zwar wirkt das Geschehen in seiner Kontinuität, sowohl von wiederkehrenden Figuren, als auch von der räumlichen Greifbarkeit der gesamten Umgebung, unglaublich authentisch, doch hat die gottartig umherschwebende Kamera, die selbst bei Zeitsprüngen und Traumsequenzen nahtlos weiterfilmt, auch etwas Surreales.

Das ist auch der Grund, warum der Film bei manchen Zuschauern wahrscheinlich keinen Anklang finden könnte: Beim Einlösen des Kinotickets sollte man sich schon im Klaren darüber sein, dass es sich bei Birdman um einen Kunstfilm handelt. Zum einen werden keine klaren Lösungsansätze geliefert (was nun wirklich Realität und was nur ein Traum war, muss man am Ende selbst enscheiden). Zum anderen sollte man sich auf sehr viel rohe Schauspielszenen einstellen, von deren Authenzität bei der mittelmäßigen deutschen Synchronisation auch leider Einiges auf der Strecke bleibt.

Trotzdem: Es muss ja nicht gleich David Lynch sein, aber ein wenig Arthouse in Gestalt von Birdman oder (die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit) sollte man der deutschen Kinolandschaft durchaus zumuten können. Umso trauriger, dass der Film zum Bundesstart nur in einem einzigen Kieler Kino zu sehen ist!


birdman-poster
Quelle: Twentieth Century Fox

Birdman ist ein filmisches Kunstwerk: Regie, Schauspiel, Drehbuch und Kamera sind einzigartig und führen uns durch einen surreal düsteren Trip in das abgewrackte Leben von Michael Keatons bösem Zwilling. Ob man nun von seinem einzigartigen Stil verzaubert oder abgeschreckt wird: Birdman ist so innovativ, dass er grundsätzlich jedem zu empfehlen ist, der eine filmische Erfahrung sucht, die er garantiert noch nicht gemacht hat!


Wertung: 9,0 Kinokatzenpunkte

SPIELZEITEN:
Metro-Kino im Schloßhof: TÄGLICH 20:15 UHR ( Bis einschließlich 11.02. )    DIENSTAG im Original mit Untertiteln!

Titelfoto: Twentieth Century Fox

Autor*in

René war vom Wintersemester 2014 bis Februar 2017 Teil der Redaktion sowie von April 2015 bis Februar 2017 Chefredakteur für den Online-Bereich. Als Spezialist zum Thema Film rief er Ende 2015 die Kultur-Sparte 'KinoKatze' ins Leben.

René Baltrusch
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René war vom Wintersemester 2014 bis Februar 2017 Teil der Redaktion sowie von April 2015 bis Februar 2017 Chefredakteur für den Online-Bereich. Als Spezialist zum Thema Film rief er Ende 2015 die Kultur-Sparte 'KinoKatze' ins Leben.

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