Cinéma, Mon Amour – Teil 2: Das Traum-Kino

Wenn der Stadtteil Hollywood, in dem lediglich die Paramount, RKO und Columbia Studios beheimatet waren, synonym für die amerikanische Filmindustrie steht und umgangssprachlich als Traumfabrik bezeichnet wird, so werden die Filmtheater zu unseren Schlafzimmern, die an die Leinwand projizierten Trailer zu Gutenachtgeschichten und der Hauptfilm zur Traumvorstellung. Der zweite Teil der Reihe Cinéma, Mon Amour führt mich in ein Lichtspielhaus, welches diese Metapher bereits im Namen trägt, das Traum-Kino.

Dauergast im Traum-Kino, Woody Allen (letzte Reihe rechts) - Quelle: ma
Dauergast im Traum-Kino, Woody Allen (letzte Reihe rechts)

Als Teil des kulturellen Zentrums TraumGmbH (bis 2003 unter dem Namen Trauma bekannt) besteht es seit dem 28. August 1987 in der ehemaligen Gießerei im Grasweg. Der Grasweg liegt im Kieler Stadtteil Ravensberg, nahe dem Campus und einem beliebten Studierendenwohnviertel. Von außen sieht das Gebäude der alten Gießerei natürlich nicht nach einem klassischen Kino aus. Dennoch ist es nicht zu übersehen, dass an diesem Ort ein Lichtspielhaus beheimatet ist, denn bereits an der Straße wird einem das aktuelle Kinoprogramm durch Filmplakate vorgestellt, welches auf dem Innenhof und dem gesamten Gebäude fortgeführt wird. Die Lage ist prädestiniert, um zum Beispiel nach der letzten Uni-Veranstaltung die TraumGmbH aufzusuchen, eine Fassbrause oder Bier sowie Pizza zu bestellen und im Anschluss die Spätvorstellung zu besuchen. Denn in der Regel zeigt das Traum-Kino in der Spätvorstellung Filme in OV (Original Version) oder OmU (Original mit Untertitel). Dieses Angebot ist in der Kieler Kinokultur leider noch eine Seltenheit und macht das Traum-Kino besonders für Freunde des O-Ton-Kinos äußerst interessant.

Andreas Steffens Programmchef vom Traum-Kino
Programmchef (Andreas Steffen) vom Traum-Kino

Das Programm lässt sich in keine Schublade stecken. Es verbindet einen größeren Anteil an Programmkino-Elementen mit aktuellen Arthaus-Filmstarts, Kinderkino sowie mehreren Filmfestivals. Dadurch und aufgrund der längeren Spielzeiten einiger Filme, kann das Programm für den gesamten Monat vorgestellt werden. Neben dem regulären Kinoprogramm finden im Traum-Kino zahlreiche Sonderveranstaltungen statt. Diese erstrecken sich von einem besonderen Programm zum Valentinstag über die Zusammenarbeit mit jungen Filmschaffenden (Junge Filmszene Schleswig-Holstein), welche in einem eintägigen Filmfestival gipfelt, Filmpremieren und mehrtägige Filmfestivals. Besonders beliebt sind ebenso die Themenvorstellungen: Französische Kinotage sowie Skandinavische Kino-Woche. Bereits zum achten Mal fand das Fetisch Film Festival im letzten Jahr statt. Über fünf Tage im Herbst, wenn die Tage bereits merklich kürzer geworden sind, lädt das Traum-Kino zu nationalen und internationalen Kurz- sowie Langfilmen zum Thema BDSM ein. In dreiundzwanzig Kategorien stimmen beim Fetisch Film Festival am Ende die Zuschauer über die gesehenen Filme ab und keine Fachjury. Das Trans* Film Festival ist das jüngste Projekt, im April diesen Jahres wurde das Festival zum vierten Mal im Traum-Kino veranstaltet.

Andreas Steffens, der Kopf hinter dem TraumKino, liegt es am Herzen, über das Medium Kino neben Unterhaltungsfilmen auch gesellschaftlich und politisch wichtige Themen zu kommunizieren. Im Besonderen den „kleinen“ Filmen möchte Steffens eine Leinwand bieten und damit einem Publikum nahe bringen. Er ist selbst leidenschaftlicher Cineast und ein Idealist. Die Begeisterung für das bewegte Bild hat sich im NDL-Studium an der CAU noch verstärkt, sodass Steffens nach dem Magister 1988, kurz nach der Gründung des Kulturzentrums, als Programmchef im Traum-Kino sozusagen seinen Traumjob gefunden hat.

Das Traum-Kino hat bis 2012 verhältnismäßig lange ausschließlich vom analogen 35mm Film projiziert, um dann gleich auf einen digitalen 2K- Projektor zu wechseln. Der Kinosaal stellt eine charmante Symbiose aus traditionellem mit Samt bezogenen Filmtheater und den rustikalen Akzenten eines ehemaligen Industriegebäudes dar. Hinreißend ist ebenso die Verkaufstheke inklusive Miniatur-Holzregal im Durchgangsbereich zum Kinosaal. Die letzte Chance, um Getränke und Snacks zu erwerben, erinnert dabei mit seinen kleinen Schoko-Knusper-Kugel-, und Fruchtgummitütchen an die hölzernen Kaufmannsläden aus Kindertagen. Die Bestuhlung umfasst 150 Sitzplätze, die zum größten Teil ebenerdig montiert sind. Dafür hängt die im Cinemascope Format 24 Quadratmeter große Leinwand höher. Eine Besonderheit und Einzigartigkeit in der Kieler Kinokultur ist der Raucherbalkon. Der Kinosaal verfügt über einen separierten Balkon, auf dem die Möglichkeit besteht, während der Vorstellung zu rauchen.

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Der Balkon

Über einen Zeitraum von siebzehn Jahren, von 1994 bis 2011, hatte das Traum-Kino zwei Säle. Neben dem gegenwärtig genutzten Kinosaal 1 wurde der Klubbereich in Halle 2 zu einem zweiten Kinosaal umgebaut. Mobile Sitzreihen füllten die Tanzfläche aus, wo sonst Partys stattfinden, tanzte hier das projizierte Bild auf der Leinwand. Ähnlich wie vor 120 Jahren, als das Kino noch eine wandernde Jahrmarktsattraktion war.

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Filmbesprechung in Anwesenheit des Filmteams

Das Traum-Kino unter der Leitung von Andreas Steffen zeigt, wie mit sehr viel Engagement und Liebe zum Kino ein vielfältiges Programm und ein wertvoller Ort der Kieler Kinokultur entstehen kann.

Die Preisstruktur ist so simpel, wie die Timeslots der Vorstellungen kontinuierlich (Montag bis Sonntag: 17.45 Uhr; 20.00 Uhr; 22.15 Uhr). Der reguläre Eintrittspreis beträgt 6,50 Euro, Schüler und Studierende zahlen 6 Euro, der Kinotag am Dienstag kostet alle nur 4,90 Euro und das Kinderkino am Wochenende kostet 4 Euro. Infos zum Programm sind über die Homepage, facebook oder die Flyer der TraumGmbH zu erfahren

Bildquellen: Marc Asmuß

Autor*in

Marc studierte Politik, Soziologie und Medienwissenschaft in Kiel. Für den ALBRECHT schreibt er seit 2015 insbesondere für das Kulturressort und dessen Filmsparte KinoKatze.

Marc Asmuß
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Marc studierte Politik, Soziologie und Medienwissenschaft in Kiel. Für den ALBRECHT schreibt er seit 2015 insbesondere für das Kulturressort und dessen Filmsparte KinoKatze.

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