„Dann nimm doch selbst Flüchtlinge auf!“

Liebend gern: Wie die Organisation Flüchtlinge Willkommen den Spieß umdreht!

Massenunterkünfte ohne Anschluss an die Einheimischen, so sieht die Realität für den Großteil der Geflüchteten in Deutschland aus. Dabei ist gerade der Kontakt wichtig, um die Eingliederung in die neue, fremde Kultur zu erleichtern.

Flüchtlinge Willkommen möchte dieses Problem lösen. Die Initiative wurde 2014 von Golde Ebding, Jonas Kaloschke und Mareike Geiling gegründet und kümmert sich um die Vermittlung von Geflüchteten in Privatunterkünfte. Die Idee dahinter: Stigmatisierung sowie Ausgrenzung aufzuheben und den geflohenen Menschen die Möglichkeit zu geben, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. So soll ein Dialog zwischen Geflüchteten und Einheimischen entstehen, der kulturellen Austausch ermöglicht. Dadurch können am Ende beide Seiten von dem Zusammenleben profitieren; zum Beispiel indem Vorurteile abgebaut und eine andere Kultur kennengelernt werden. Die Organisation steht für einen Gewinn an Lebensqualität sowie eine neue Willkommenskultur. Dafür benötigt es vor allem Offenheit und den Willen, sich auf andere einzulassen.

Der Großteil der Geflüchteten kommt aus der Subsahara und Syrien. Die meisten sind männlich, aber auch einige Frauen sowie Kinder ab 18 Jahren wurden vermittelt. Über 1000 Menschen haben ihre Wohnungen bereits registriert. Im Vergleich dazu sieht die Vermittlungsrate gering aus. Bis heute konnten in ganz Deutschland nur rund 95 Geflüchtete in Privatunterkünften untergebracht werden, bei der Partnerorganisation in Österreich sind es 81. Diese große Differenz entsteht vor allem dadurch, dass sich zwar viele Menschen registrieren, sich dann aber nicht mehr bei der Organisation melden. Die niedrigschwellige Anmeldung mit wenigen Klicks lockt viele hilfsbereite Leute an, die jedoch später vor ihrer eigenen Courage zurückschrecken. Trotzdem dient das Pionierprojekt als Vorbild für andere Länder. Deshalb soll nun an der internationalen Verbreitung gearbeitet werden, wie auf einer Pressekonferenz im September dieses Jahres verkündet wurde.

Bei genauerer Betrachtung unterscheidet sich das Projekt nicht allzu sehr von einer ganz ‚normalen‘ WG. Denn auch dort geht es letztlich um Austausch, um Anpassung an andere Personen und deren Leben sowie um die gemeinsame Lösung von Problemen.

Grundsätzlich ist der Status der Geflüchteten irrelevant, soll heißen, es werden auch ‚Illegale‘ vermittelt. Dies spiegelt die Philosophie von Flüchtlinge Willkommen wider, denn die Organisation widersetzt sich, Menschen in Gruppen einzuteilen. Sie folgt dem Grundsatz „Kein Mensch ist illegal!“. Die Vermittlung, an der die Organisation kein Geld verdient, vollzieht sich über drei Schritte. Als erstes muss das freie Zimmer angemeldet werden. Es soll kein Gemeinschafts- oder Durchgangsraum sein, sondern gleichwertig. Außerdem muss es für mindestens drei Monate bezogen werden können. Dieser Zeitraum schafft dem Geflüchteten eine gewisse Sicherheit und er kann beginnen, sein Leben in dem neuen Land vorausschauend zu planen. Falls sich in dieser Zeit jedoch herausstellt, dass das Zusammenleben nicht so funktioniert wie erhofft, kann das Wohnverhältnis wieder beendet werden – was bisher jedoch noch nicht passiert ist. Wünsche bezüglich des neuen Mitbewohners wie Geschlecht oder Religion können geäußert werden, allerdings werden diese nicht automatisch erfüllt. Deshalb plädiert Flüchtlinge Willkommen für Toleranz und Flexibilität. Letztere ist ohnehin nötig, da es passieren kann, dass der Einzug relativ schnell erfolgen muss.

Im nächsten Schritt wird der persönliche Kontakt hergestellt. Neben der Vermittlung ist dies die wichtigste Aufgabe des Projekts und ausschlaggebend dafür, ob das Zusammenleben überhaupt zustande kommt. Zu diesem Zweck gibt es in den Städten Paten, die sich um die Kontaktaufnahme, das erste Treffen und die Zeit nach dem Einzug kümmern. Sie stehen außerdem als Ansprechpersonen für Fragen zur Verfügung. Vor Ort können auch die Flüchtlingshilfe-Organisationen zur Seite stehen und beispielsweise Sprachkurse empfehlen.

Damit die Vermieter nicht selbst die Kosten für ihren neuen Mitbewohner tragen müssen, gibt es verschiedene Finanzierungsprojekte, wie zum Beispiel ein Netz aus Spendengeldern. In einigen Fällen übernehmen die zuständigen Ämter die Miete. Dies ist abhängig vom jeweiligen Bundesland beziehungsweise den Kommunen.

Nach Ablauf des gemeinsamen Zusammenlebens ist es möglich, die WG zu verlängern. In jedem Fall aber sollte sich über die Zeit die Perspektive für den Geflüchteten gebessert haben, sodass er also beispielsweise die Sprache besser spricht, allgemein mit den Gegebenheiten in Deutschland klarkommt oder aber eine neue Wohnung oder Beschäftigung bekommen hat.

Wer gerade kein freies Zimmer zur Verfügung hat, dem steht der Weg zu anderweitigem Engagement offen. So benötigt Flüchtlinge Willkommen Leute, die als Paten fungieren. Zusätzlich sind die WGs auf direkte Unterstützung durch Spenden angewiesen. Weitere Informationen gibt es auf fluechtlinge-willkommen.de . Alle, die selbst geflüchtete Menschen aufnehmen wollen, können sich über diese Seite anmelden. Vielleicht wird Deine WG ja die erste in Kiel, die über das Projekt vermittelt wird!

Autor*in

Maline ist 25 und studiert Deutsch und Politikwissenschaft im Master an der CAU. Sie ist seit Mai 2015 Mitglied beim Albrecht.

Maline Kotetzki
Über Maline Kotetzki 24 Artikel
Maline ist 25 und studiert Deutsch und Politikwissenschaft im Master an der CAU. Sie ist seit Mai 2015 Mitglied beim Albrecht.

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