DAS BRANDNEUE TESTAMENT – Filmkritik

Nietzsche lag falsch, Gott ist nicht tot. Er ist nur ein sadistischer Tyrann und lebt mit seiner Frau und Tochter in Brüssel. Das behauptet zumindest der belgische Regisseur Jaco Van Dormael in dem Film Das brandneue Testament. Demnach lebt Gott (Benoît Poelvoorde) zusammen mit der Göttin (Yolande Moreau) und deren zehnjähriger Tochter Ea (Pili Groyne) in einer Dreizimmerwohnung in Brüssel. In seinem Arbeitszimmer steht ein kleiner alter Schreibtisch auf dem neben leeren Whiskyflaschen, hinter einer dreckigen beigen Tastatur, der Röhrenmonitor des Computers noch viel klobiger und verstaubter wirkt. Dort hat Gott die Welt erschaffen, aber weil die Natur per se langweilig war, erschuf er den Menschen. Seitdem sitzt er vor dem Computer und programmiert neue Gesetzte mit denen er die Menschen ärgert, zum Beispiel, dass das Geschirr erst kaputt geht, nachdem man es abgewaschen hat, oder sobald man sich in die Badewanne legt, das Telefon klingelt. Als Ea sieht, wie ihr Vater mit den Menschen umgeht, entschließt sie sich, es ihrem Bruder (Jesus) gleichzutun. Doch bevor sie die Welt betritt, verrät sie den Menschen via SMS, wann sie sterben werden. Auf der Erde angekommen, versucht sie sechs Apostel zu rekrutieren (plus die zwölf Apostel von Jesus, macht das achtzehn, achtzehn ist die Lieblingszahl der Mutter). Da sie kein Wasser in Wein verwandeln kann, muss Ea andere Wunder vollbringen.
Das brandneue Testament erinnert durch die subjektiven Rückblenden, Direktadressierung des impliziten Zuschauers sowie der Traum-Gedankensequenzen der Figuren an Die fabelhafte Welt der Amélie (Jean-Pierre Jeunet, F/D 2001), Cashback (Sean Ellis, UK 2006) oder Me and Earl And the Dying Girl (Alfonso Gomez-Rejon, USA 2015).
Darin liegt das Zauberhafte des Films, denn ähnlich wie Amélie Poulain, die sich ihre Kindlichkeit erhalten hat, braucht es mit Ea ein Kind, um die Welt retten zu können. So ist Eas einführender Voice-over ein Bezug auf Peter Handkes Lied vom Kindsein: „Als das Kind Kind war, wusste es nicht, dass es Kind war.“ Wir können nicht wissen, dass vielleicht genau heute der Beginn von etwas Neuem ist. Denn nur Ea kann die Menschen daran erinnern, dass das Paradies kein Ort ist, an dem wir vielleicht nach dem Tod existieren, sondern bereits dort leben. Während Ea die lebensbejahende Figur der Geschichte ist, so stellt der Vater ihren Antagonisten dar. Gott wird als Initiator für alles Schlechte und Böse auf der Welt eingeführt. Die zum Teil wundervoll schwarzhumorigen sowie einige slapstickartigen Situationen des Films fallen, getreu dem Motto „wer anderen eine Grube gräbt…“, meist zulasten Gottes. Wer dem Film etwas absprechen möchte, könnte einige dieser flachen Witze oder das Filmende benennen. Davon abgesehen, ist Das brandneue Testament ein sehr lustiger Film, mit einem unheimlich guten Soundtrack von Klassik über Klassiker zu neuer Popmusik, der einen anregt über das Leben nachzudenken.


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Quelle: NFP HOME

FAZIT

Das brandneue Testament ist eine zum Teil böse, amüsante aber auf jeden Fall lebensbejahende Geschichte aus der Perspektive einer Zehnjährigen, die der Welt die Fragen stellt, wie es nur ein Kind kann. Absolut sehenswert.


 

WERTUNG: 8,0 Kinokatzenpunkte


 

Das brandneue Testament
Jaco Van Dormael, B/F/L 2015, 113 Minuten, FSK ab 12 Jahren
Cast: Pili Groyne, Benoît Poelvoorde, Catherine Deneuve, Laura Verlinden

Kinostart: 3. Dezember 2015

Zu sehen im Traum-Kino Kiel

(Quelle Titelbild: NFP Home)

Autor*in

Marc studierte Politik, Soziologie und Medienwissenschaft in Kiel. Für den ALBRECHT schreibt er seit 2015 insbesondere für das Kulturressort und dessen Filmsparte KinoKatze.

Marc Asmuß
Über Marc Asmuß 44 Artikel
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