Janwillem Dubil

Die Comic-Kolumne im Juni

Written by Janwillem Dubil. Posted in KULTUR, Leseratte

comic kolumne juni

Published on Juni 12, 2016 with No Comments

01 BatgirlBatgirl

Titel: Batgirl – Die neuen Abenteuer Bd. 1: Willkommen in Burnside!
Autor: Cameron Stewart/Brenden Fletcher (Skript) und Babs Tarr (Zeichnungen)
Verlag: Panini. 132 Seiten, Softcover (farbig). 16,99 Euro.

Weibliche Superhelden führten, Wonder Woman einmal ausgenommen, bisher eher ein Schattendasein. Anno 2016 präsentieren sich ihre Serien nun als die innovativsten und modernsten des amerikanischen Mainstreams. In der Neuausrichtung der langlebigen Batgirl-Serie zieht Barbara Gordon einen Schlussstrich unter das Kapitel Gotham City, um auf der anderen Seite des Flusses in der Hipster-Hochburg Burnside zu promovieren. Ihre Ankunft feiert Babs, indem sie sich ordentlich einen hinter die Binde gießt und am nächsten Morgen nach der Verfolgung eines Straßendiebes erstmal ausgiebig in die nächste Mülltonne reihert. Vielversprechender kann ein Superheldencomic kaum beginnen. Wenn Batgirl danach gegen skrupellose soziale Netzwerke, Identitätsdiebstahl und künstliche Intelligenzen ins Feld zieht, stellt die Serie ihren Gegenwartsbezug allerdings reichlich aufdringlich zur Schau. Dafür sitzen Haltung und Stil wie der obligatorische Fledermausdress: Zeichnerin Babs Tarr bricht mit dem männlich tradierten, stets die primären Geschlechtsmerkmale in den Mittelpunkt rückenden Blick auf die Heldin und präsentiert diese komisch-stilisiert, ohne dabei den Fehler der Überzeichnung zu begehen. Und wenn Barbara nach einem Filmriss in ihren alkoholvernebelten Erinnerungen herumspaziert, demonstriert sie eindrucksvoll die Möglichkeit des Comics, Konventionen der Darstellung von Raum und Zeit außer Kraft zu setzen. Das visuelle Glanzlicht der Serie ist allerdings die Episode Der Kampf um die Burnside Bridge, erschienen im Batman-Sonderband Todesspiel (116 Seiten, Softcover. 12,99 Euro): Die Episode um eine Rettungsaktion verzichtet gänzlich auf Dialoge, sondern nutzt lediglich pointiert gesetzte Symbole und vor allem Barbaras ausdrucksstarke Mimik. Triumphal. (8)

02 Manifest DestinyManifest Destiny

Titel: Manifest Destiny Bd. 1: Flora & Fauna
Autor: Chris Dingess (Skript) und Matthew Roberts (Zeichnungen).
Verlag: Cross Cult. 128 Seiten (farbig), Hardcover. 20 Euro.

Als Thomas Jefferson die Forscher Lewis und Clark 1804 aussandte, die unkartographierten Gebiete der Vereinigten Staaten zu erkunden, fanden diese mehr als nur ein paar unentdeckte Indianerstämme. Drei Meter große Büffelmenschen zum Beispiel. Oder eine extraterrestrische Pflanzenart, die Lebewesen besetzt und zu ihren wild wuchernden Sklaven macht. Ganz klar, die Serie Manifest Destiny muss ‚based on a true story‘ sein – unrealistischer als, sagen wir mal, The King’s Speech ist die Nummer ja auch nicht. Dafür aber richtig gut gezeichnet: Die bisher unbekannten Herren Matthew Roberts und Owen Gieni illustrieren und kolorieren, dass es eine Freude ist. Die Ästhetik ist einnehmend, die Farben umwerfend. Hier sind zwei Streber am Werk, die sich nicht die kleinste Blöße geben wollen. Besonders beeindruckend ist, wie das visuelle Grauen durch mit Moos und Pilzen überzogene Menschen und Tiere, also Elemente, die für sich eher nicht als unheimlich wahrgenommen werden, erzeugt wird. Autor Chris Dingess (noch so ein unbeschriebenes Blatt) tut entsprechend gut daran, sich nicht allzu lange mit den Konflikten innerhalb der Expedition aufzuhalten (hat man ja alles schon mal gelesen), sondern den grotesken Horror-Historien-Trip gleich auf Tempo zu bringen. Angesichts des Inhalts kommt es natürlich einem Kalauer gleich, Manifest Destiny als „Entdeckung“ zu titulieren. Aber dadurch wird es natürlich nicht weniger zutreffend. (7)

03 Deadly ClassDeadly Class

Titel: Deadly Class – Tödliches Klassenzimmer Bd. 1: 1987 – Reagan Jugend/Bd. 2: 1988 – Kinder des schwarzen Lochs
Autor: Rick Remender (Autor) und Wes Craig (Zeichnungen)
Verlag: Panini. 160/180 Seiten (farbig), Softcover. 19,99/16,99 Euro.

„Berge explodieren, Schuld hat der Präsident“, skandierten die Fehlfarben bereits 1982 in ihrer Postpunk-Hymne „Ein Jahr (es geht voran)“. Fünf Jahre später macht auch der jugendliche Herumtreiber Marcus das amerikanische Staatsoberhaupt verantwortlich für das bizarre Ableben seiner Eltern – erschlagen von einer geisteskranken Selbstmörderin, die sich von einer Brücke auf sie stürzte. Schließlich war es Ronald Reagan, der die Mittel für psychiatrische Einrichtungen kürzte und Insassen scharenweise auf die Straße setzte. Nun träumt Marcus davon, ein Attentat auf den Politiker zu verüben – ein Wunsch, der in greifbare Nähe rückt, als er von einer Untergrund-Elite-Schule angeworben wird, die sich der Ausbildung der weltbesten Assassinen verschrieben hat. Deadly Class ist unschwer als zynische Parodie auf den Pennäler- und Internatsroman zu erkennen, verlässt sich dabei aber zu sehr auf Motive, die Comics wie Mark Millars Wanted und Secret Service schon origineller durchbuchstabiert haben. Der historische Rahmen bleibt weitestgehend ohne wirklichen Bezug zur Handlung und auch das sich anbahnende, potentiell lebensgefährliche Liebesdreieck zwischen Marcus, Yakuza-Tochter Saya und der Latina Maria bleibt unterentwickelt. Ziemlich spektakulär sind allerdings die dynamischen, an japanische Illustrationskunst erinnernden Zeichnungen, die den Figuren eine Prägnanz verleihen, die das Skript vermissen lässt. Die tough-sinnliche Saya, deren Oberkörper komplett mit traditionellen japanischen Tätowierungen bedeckt ist und die sensible Maria, die nur im mexikanischen Tag der Toten-Dress zur Tat schreitet, sind zwei der eindrücklichsten Figuren des amerikanischen Comics der Gegenwart. (6)

04 ChewChew

Titel: Chew – Bulle mit Biss! Bd. 9: Brust oder Keule
Autor: John Layman (Skript) und Rob Guillory (Zeichnungen)
Verlag: Cross Cult. 128 Seiten (farbig), Hardcover. 16,80 Euro.

Bevor Serien auf die Zielgerade einbiegen, kurbeln sie ihr Niveau traditionell gerne etwas herunter. Man muss sich auf den letzten Metern ja auch nicht mehr verausgaben, wenn man weiß, dass einem die Leserschaft nun eh nicht mehr abspringt. Und die kann dafür schon einmal mit der Abgewöhnung beginnen – so ist am Ende keiner traurig, wenn es dann endlich vorbei ist. Die grandiose Kriminalburleske Chew! geht mit dem neunten Sammelband ins letzte Viertel – ein guter Zeitpunkt eigentlich, schon mal einen Gang zurückzuschalten. Doch stattdessen lässt sie mit dreister Anstandslosigkeit einen absurden Kracher nach dem anderen vom Stapel: Sonderagent Tony Chu klärt im Eiltempo Massaker per Kuvertüre-Kanone ebenso auf, wie das Rätsel um einen in der Antarktis ermordeten Pinguin im Polizeidienst. Und als wäre das noch nicht halsbrecherisch genug inszeniert, schieben die Macher noch einen Exkurs um den cybernetischen Supergockel Poyo ein, der die Fantasy-Parallelwelt von einem bösen Zauberer befreit. Wofür Tolkien zwölfhundert Seiten brauchte – John Layman und Rob Guillory schaffen dasselbe in zwanzig. Aber der alte J.R.R. war ja auch ein Meister darin, sein Werk gegen Ende abschlaffen zu lassen. Bei Chew! darf man sich da folglich keine Hoffnung machen: Hier droht der schmerzlichste Verlust der jüngeren Comicgeschichte. (9)

Rachel 5 DE interior 07.inddRachel Rising

Titel: Rachel Rising Bd. 5: Engel der Nacht
Autor: Terry Moore
Verlag: schreiber&leser. 128 Seiten (s/w), Softcover. 14,95 Euro.

Rachel wurde ermordet und hat sich aus ihrem Grab wieder ausgebuddelt. Sie sah Freunde und Verwandte sterben und im nächsten Moment putzmunter wieder auf der Matte stehen. Sie geriet mit der Hexe Lilith aneinander, die aus Rache ihre komplette Heimatstadt auslöschen will. Gegen das WG-Leben mit Dämon Zoe sind das aber alles Bagatellen: Die steckt im Körper eines Kindes fest und ist daher nicht nur unglaublich impertinent, sondern hat auch ein echtes Problem mit der Aggressionsbewältigung. Nicht wie die Mädchengang von nebenan – eher wie Idi Amin. Engel der Nacht ist quasi eine Sitcom, die Terry Moore in Rachel Rising, seine epische Horror-Ballade über die Abgründe amerikanischer Kleinstädte eingeflochten hat: Rachel kümmert sich um den Haushalt, Zoe fängt Ratten und klebt ihnen dann mit stoischer Ruhe Böller an den Beinen fest. Als die Abgesandten des Teufels dann von Zoe erwarten, dass sie den Antichristen zur Welt bringt, proklamiert sie ihr Recht am eigenen Körper unmissverständlich: „Ich mache jeden Mann kalt der mir nahekommt. Sollte ich schwanger werden, treibe ich ab. Sollte das Baby trotzdem geboren werden, erwürge ich das kleine Biest, bevor es den Erdboden berührt.“ Wenn Satan je irgendwo auf verlorenem Posten stand, dann hier. Nein heißt nein. Auch in der Hölle. Kaum zu überbieten. (10)

06 KissKiss my Ass

Titel: Kiss my Ass! Bd. 1
Autor: Takeshi Ohmi
Verlag: Carlsen Manga. 173 Seiten (s/w), Softcover. 7,95 Euro.

Gerade als man dachte, auch die schrägsten Mangas würden einem mittlerweile nicht mal mehr ein Stirnrunzeln abringen, kommt Kiss my Ass! um die Ecke. Dessen Protagonist, der Teenager Yakushiji, leidet unter schweren Hämorrhoiden, hält dies aber aus Scham vor seiner Umwelt geheim. Als die Schmerzen wieder einmal unerträglich werden, taucht überraschend Mitschülerin Miura auf und verschafft ihm ungefragt durch das Einführen einer Anal-Salbe Linderung. Als angehende Proktologin mit gleichem Leiden erklärt sie Yakushiji zu ihrem Forschungsobjekt und ordnet sein ganzes Leben dem Kurieren der Hämorrhoiden unter. Obgleich Miuras wohlproportionierte Rückseite ausgiebig in Szene gesetzt wird, ist Kiss my Ass! keine Sexklamotte sondern im Grunde eine romantische Komödie (die enge Verbindung mit Miura torpediert Yakushijis ungelenkes Werben um die attraktive Mitschülerin Komatsu), wie sie Hollywood freilich nie drehen würde. Dennoch ist der didaktische Gestus nicht zu übersehen: Der Manga strotzt nur so vor Schaubildern und Referaten über gesunde Ernährung und die ideale Konsistenz von Ausscheidungen, das als „Proktolog“ ausgezeichnete Vorwort hat ein Facharzt und Liebhaber von dümmlichen ‚After‘-Wortspielen verfasst. Dafür findet sich am Ende der Hinweis „Die hier erwähnten Handlungsmethoden basieren auf Recherchen, müssen aber nicht korrekt sein“. Ja, was denn nun??? „Muss man gelesen haben, um es zu glauben“, sagt man in solchen Fällen gerne, damit täte man Kiss my Ass! aber unrecht. Das glaubt man nämlich selbst nach der Lektüre noch nicht. (7)

07 MagierDie Frau des Magiers

Autor: Jerome Charyn (Skript)/Francois Boucq (Zeichnungen)
Verlag: Splitter. 88 Seiten (farbig), Hardcover. 18,80 Euro.

Francois Boucq ist der große Surrealist des französischen Comics. In seinen Kurzgeschichten travestiert er alltägliche Motive bis zur Unkenntlichkeit, die längeren Erzählungen geraten in den besten Fällen zu psychedelischen, unsere Wahrnehmung von der Welt radikal in Frage stellenden Reisen ins Unbekannte. Die Frau des Magiers aus dem großen Comic-Jahr 1986 stellt so etwas wie den (zumindest europaweiten) Durchbruch Boucqs dar. Basierend auf einem Szenario des populären Kriminalschriftstellers Jerome Charyn (eine Zusammenarbeit, die zu dieser Zeit noch alles andere als üblich war) erzählte er von dem symbiotischen Verhältnis zwischen dem sardonischen Illusionisten Edmondo, dessen Assistentin und ihrer Tochter Rita. Als die Schönheit der Mutter zunehmend verwelkt, nimmt Rita ihren Platz auf der Bühne ein, taucht aber in New York unter, als sie die Grausamkeit des Magiers nicht mehr ertragen kann. Als sie dort in einen Strudel grausam-fantastischer Ereignisse gerät, muss sie erkennen, dass sie vor ihrer Vergangenheit nicht weglaufen kann. Boucq und Charyn stellen von Anfang an klar, dass sie auf die Trennung von Fantasie und Wirklichkeit keinen Wert legen und höchstens der Logik eines Traums folgen. Wenn überhaupt. So etwas kann für den Leser frustrierend sein, fungiert hier aber als solides Fundament für einen virtuosen Bildersturm, den man so schnell nicht wieder vergisst. Die Frau des Magiers ist eine Dali/Bunuel-Retrospektive in den schmutzigen Gassen des alten New Yorks, faszinierend und abstoßend zugleich. (8)

Wiederveröffentlichung des Monats:

08 HowardHoward the Duck

Titel: Marvel Classic Bd. XXIX: Howard the Duck
Autor: Steve Gerber (Skript) und Frank Brunner (Zeichnungen)
Verlag: Hachette. 128 Seiten (farbig), Hardcover. 12,95 Euro.

Hierzulande kennt man den sprechenden, stets Zigarre rauchenden Erpel lediglich aus der von der Kritik verrissenen und kommerziell gefloppten Kino-Adaption von 1986, die das deutsche Privatfernsehen bis heute gerne als Programmfüller am Sonntagmorgen oder an Feiertagen nutzt. Längst ein Klassiker ist hingegen der bisher nicht übersetzte Comic von 1976, in dem es Howard aus einer parallelen, von Enten bevölkerten Dimension auf die Erde (genauer gesagt nach Cleveland) verschlägt. Irritiert von der amerikanischen Gesellschaft eckt er überall an, rettet aber das Aktmodell Beverly aus den Fängen eines wahnsinnigen Finanzmagiers. In der Folge weicht Howard der Grazie nicht mehr von der Seite, egal ob den beiden die menschliche Rübe, ein an Frankensteins Monster erinnernder Lebkuchenmann oder die Vereinigung amerikanischer Rechtspopulisten zu Leibe rückt. Die Geschichten sind dabei eindeutig Produkte der amerikanischen Gegenkultur: Howard und Beverly (von denen man nicht weiß, ob sie nur Freunde oder ein Paar sind – zumindest aber schlafen sie im selben Bett) leben am unteren Ende der Gesellschaft, sind ständig pleite und werden mehrfach von der Polizei schikaniert, die sie nur deshalb laufen lässt, weil es für menschenähnliche Enten kein Formular gibt. Und auch wenn sich den Beiden exaltierte Schurken-Figuren entgegenstellen, werden an ihrem Beispiel doch erschreckend realistische Themen wie Psychosen oder Rassismus verhandelt. Wie radikal anders Howard the Duck im Vergleich mit allem war, was man bei Marvel ansonsten veröffentlichte (Spider-Man kommt im ersten Heft vorsichtshalber trotzdem vorbei, um Schützenhilfe zu geben), lässt einen heute noch staunen. Angesetzter Staub? Null. (8)

Verfilmung des Monats:

09 PowersPowers – Staffel 1

Autor: Charlie Huston (Showrunner)
Verlag: Sony Pictures Home Entertainment. 437 Minuten. 17,99 Euro (Blu-Ray) bzw. 14,99 Euro (DVD).

Dass die Serie Powers von Brian Michael Bendis und Michael Avon Oeming schon früh die Aufmerksamkeit der TV-Produzenten erregte, ist wahrlich kein Wunder: Zwischen Watchmen und Akte X angesiedelt, fungierten die Cop-Shows der amerikanischen Networks ebenso als Geburtshelfer wie der selbstreferenzielle Superheldencomic. Und dass Powers mehr Wert auf ausgefeilte Stories und ausufernde Dialoge nach Tarantino-Manier legte als auf optischen Krawall, kam den begrenzten Fernsehbudgets entgegen. Nun liegt die erste Staffel der Adaption, deren Ausrichtung in etwa zwischen True Blood und X-Men zu verorten ist, endlich vor: Einst war Polizist Christian Walker ein Superheld, doch dann absorbierte der animalische Schurke Wolf seine Kräfte. Walker wechselte daraufhin zu einer Spezialeinheit des Los Angeles Police Department, die sich der Aufgabe verschrieben hat, aus der Spur geratenen Übermenschen zu inhaftieren. Als die Straßen von einer Superkräfte verstärkenden Droge überflutet werden, führt die Spur nicht nur zu Wolf, sondern auch zu Walkers einstigem Sidekick Johnny Royale, der längst auf der anderen Seite des Gesetzes agiert. Obwohl Bendis an den Drehbüchern der Adaption mitarbeitete, ist in der Translation mal wieder einiges verloren gegangen: Figuren und Dialoge sind flach, die Hauptdarsteller mäßig und die Ästhetik weitestgehend konventionell. Dennoch: Das Konzept einer Welt, in der Superhelden zum Alltag gehören, überzeugt auch hier und ist mit skurrilen Details gespickt – so haben die Heroen etwa zahlreiche Groupies, weil ihre Fähigkeiten beim Sex kurzzeitig abfärben. Zudem ist das Tempo, dass Powers vorlegt immens, allein aus den ersten fünf Folgen hätte jeder andere Showrunner eine ganze Staffel gemacht. Und Game of Thrones auch mal zwei. Wird fortgesetzt. Muss auch. (6)


Short Cuts

Chris Robertson/Michael Allred: iZombie: Gwen ist ein Zombie der moderaten Art: Einmal im Monat ein Gehirn zu verspeisen, um ihre Menschlichkeit nicht zu verlieren, reicht ihr völlig aus. Allerdings gehen mit dem Verzehr die Erinnerungen der Verstorbenen auf sie über, wodurch sie ein ums andere Mal genötigt wird, ungelöste Todesfälle aufzuklären. iZombie erschien ursprünglich von 2010-12, findet aber erst jetzt im Zuge der gleichnamigen Fernsehserie ein breites Publikum (obgleich sich die Gemeinsamkeiten weitestgehend auf die Frisur der Hauptfigur beschränken). Sprechende, von Großvaters Geist besessene Schimpansen und schüchterne Wer-Terrier tummeln sich in dieser virtuos-ironischen Montage klassischer Horrormotive, deren Zeichnungen äußerst originell zwischen 1950er-Pulp-Ästhetik und Pop-Art oszillieren. Bisher zwei Bände, variierend im Umfang, konstant in der Qualität. (148/168 Seiten, Softcover. 16,99/19,99 Euro)

Chuck Palahniuk/Cameron Stewart: Fight Club 2: Die Entscheidung Palahniuks, seinen Kult-Roman als Comic fortzusetzen, überrascht mehr als die krude Handlung: Seit zehn Jahren hat Sebastian seine zweite Persönlichkeit, den gewalttätigen Revoluzzer Tyler Durden, medikamentös ausgeschaltet. Als Ehefrau Marla den Langweiler nicht länger erträgt, vertauscht sie Sebastians Tabletten, woraufhin Tyler wieder zum Vorschein kommt und den Sohn der beiden entführt. Die Verfolgung führt Sebastian durch die Fight Clubs Amerikas. Grafisch kompetent, aber zu glatt umgesetzt, lässt das Sequel die schneidende Gesellschaftsanalyse des Originals ebenso vermissen wie die Wildheit und Gefahr, die davon ausging. Anarchie ist hier nur noch ein Wunschtraum aus den Neunzigern. (144 Seiten, Hardcover. 22,80 Euro)

 

Diverse: Batman Eternal Bd. 1: Ein Mammutprojekt: Im Juni 2014 begann ein Kollektiv aus Autoren und Zeichnern (u.a. Scott Snyder und John Layman) eine Batman-Geschichte, die ein Jahr lang wöchentlich mit einem neuen Heft fortgesetzt wurde. Als Sammelband gibt es die ersten zehn Ausgaben: Einst vertrieb der dunkle Ritter den lokalen Paten aus der Stadt, nun kehrt dieser mit einem umfassenden Racheplan zurück, der Polizeichef Gordon ins Gefängnis und Cops auf die Fledermaus-Jagd schickt. Als multiperspektivische, vielschichtige Analyse von Korruption und organisiertem Verbrechen ist Batman Eternal für Gotham City, was The Wire für Baltimore war. (228 Seiten, Softcover. 19,99 Euro)

 

Gerry Duggan/Shawn Crystal: Batman: Arkham Manor: Ab und an braucht man aber auch mal eine Pause von den Zeichnungen, die den heiligen Ernst des Superheldencomics zelebrieren: Hier ist Batman endlich wieder eine groteske Erscheinung mit hervorstehendem Riesenkinn, die zur Entspannung gerne ein paar Kleinganoven vermöbelt. Weil in der Irrenanstalt ein unsichtbarer Serienmörder wütet, weist sich die Fledermaus kurzentschlossen selbst ein. Unterstützung erhält sie von Dauergegner Mr. Freeze, den Batman am Ende zum Dank in seinem Garten spielen und ein Iglu bauen lässt. Freaks unter sich. Großartig. (140 Seiten, Softcover. 16,99 Euro)

 

Brian Michael Bendis/Andrea Sorrentino: Old Man Logan: Die Rückkehr: Mit Old Man Logan gelang Mark Millar ein moderner Klassiker, der einen gealterten, komplett desillusionierten Wolverine in einer Welt zeigte, in der die Schurken das Zepter übernommen und die Superhelden weitestgehend ausgemerzt haben. Das offene Ende war damals eine Einladung zur Fortsetzung, die Brian Michael Bendis nun angenommen hat. Die Handlung ist dabei leider recht wirr geraten und erschließt sich nur denen, die den Marvel-Kosmos ihr Zuhause nennen. Zumindest strahlen die Zeichnungen eine rohe, archaische Kraft aus, die der animalischen Natur des Protagonisten angemessen ist. (148 Seiten, Softcover. 14,99 Euro)

 

Mike Mignola/Ben Stenbeck: Frankenstein Underground: Entgegen des Titels keine Neuinszenierung von Mary Shelley in der U-Bahn, sondern die Integration von Frankensteins Monster ins beliebte Hellboy-Universum. Der große Rote mit der Steinfaust glänzt zwar durch Abwesenheit, sonst gibt es hier aber alles, was man über die Jahre liebgewonnen hat: Mythische Welten unter der Erdoberfläche, unheimliche Krakenmonster, handfeste Kloppereien. Meister Mignola besorgt unlängst nur noch Skript und Titelbilder, Ben Stenbeck übernimmt ohne Stilbruch (wenn auch etwas weniger filigran). Limitierte Edition, 1.444 Exemplare. (144 Seiten, Hardcover. 29,95 Euro)

 

Makyo & Toldac/Tehem: Spirou & Fantasio: Ein großer Kopf: Durch die Verfilmung seiner Abenteuer avanciert Spirou zur nationalen Berühmtheit. Doch als er sich geblendet von der eigenen Popularität auf Dreharbeiten im osteuropäischen Brezelburg, das unter der Knute eines repressiven Militärregimes steht, einlässt, weicht Dolce Vita schnell dem Kampf ums nackte Überleben. Dramaturgisch bemerkenswert undogmatisch und eigenständig erinnert die Verknüpfung von Humor und politisch-gesellschaftlichem Ernst an den Höhepunkt der Reihe in den Neunzigern. Nur das arg auf lustig getrimmte Figurendesign hätte man damals differenzierter hinbekommen. (72 Seiten, Softcover. 12 Euro)

Cullen Bunn/Ron Ackins & German Peralta: Moon Knight 3: Hat man das Gefühl, Gott würde die an ihn gerichteten Gebete nicht erhören, kann das schnell zu einer Glaubenskrise führen. Für den Normalbürger unerfreulich, für Ex-Söldner Mark Spektor direkt lebensgefährlich, wurde dieser doch einst vom ägyptischen Totengott Khonshu wieder zum Leben erweckt, um sich nun Nacht für Nacht auf New Yorks Straßen Geistern, Killerhunden und mörderischen Sekten entgegenzustellen. Deadpool-Autor Cullen Bunn reflektiert ebenso originell wie unangestrengt über die Macht des Glaubens und beweist, dass noch unerschlossenes thematisches Potential im Superheldencomic steckt. (116 Seiten, Softcover. 14,99 Euro)

 

Diverse: Teenage Mutant Ninja Turtles: Vier Feinde: Dass es bis zum achten Band dauern musste, bis die neue Turtles-Serie hier mal Erwähnung fand, kratzt schon hart am Skandalösen. Höchste Zeit, eine Lanze zu brechen für diese Hefte, die überraschend ernsthaft zu Werke gehen: Die Miniserie Vier Feinde verleiht den Gegenspielern der Kampfsport-Kröten psychologisch ambitionierte Hintergrundgeschichten, allen voran dem beliebten außerirdischen Warlord Krang. Kein Kinderkram, weder im guten (die Zeichentrickserie aus den Neunzigern) noch im mediokren (Michael Bays jüngste Hollywood-Version) Sinne. (108 Seiten; Softcover. 12,99 Euro)

 

Yusei Matsui: Assasination Classroom Bd. 8: Wer ein stets grinsendes Krakenmonster als Klassenlehrer hat, auf das ein beträchtliches Kopfgeld ausgeschrieben ist, wundert sich nicht mehr über viel. Zumindest nicht darüber, dass im Sommercamp die Hälfte der Mitschüler vergiftet wird und man es für ein Gegenmittel mit einem Rudel durchgeknallter Schwerkrimineller aufnehmen muss. Die schräge Manga-Action-Komödie Assassination Classroom ist das Werk eines Verrückten, der sein Handwerk beherrscht. Stets eine unschlagbare Kombination. (192 Seiten, Softcover. 5,95 Euro)

Kevin Smith/Phil Hester: Green Arrow: Der Klang der Gewalt: Nachdem Kevin Smith den grünen Bogenschützen 2001 spektakulär ins Leben zurückbeförderte, hatte er – man verzeihe den Kalauer – noch ein paar Pfeile im Köcher und schrieb einen fünfteiligen Epilog, der nun unter dem Titel Der Klang der Gewalt wiederaufgelegt wird. Wer wissen will, wie man eine Beziehung wieder auffrischt, nachdem der Partner (in diesem Fall Black Canary) sechs Jahre lang glaubte, man wäre tot – hier erfährt man es. Und auch wer meint, im Superheldencomic gäbe es keine Sexszenen (als selbstloser Liebhaber hat der grüne Pfeil auch Cunnilingus gegenüber keine Vorurteile), wird eines besseren belehrt. Essentiell. (128 Seiten, Softcover. 16,99 Euro)

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About Janwillem Dubil

Janwillem Dubil

Janwillem promoviert am Institut für Neuere deutsche Literatur- und Medienwissenschaft. Er schreibt seit 2010 regelmäßig für den Albrecht über Comics und Musik, letzteres mit dem Schwerpunkt Festivalkultur.

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