Comic-Kolumne: Die etwas anderen Superhelden

Deadpool gehört in Behandlung, Batman leidet unter Amnesie und Hawkeye will eigentlich nur was aufreißen: Im Dezember widmet sich die Comic-Kolumne dem Abwegigen im Mainstream.


01. DeadpoolDeadpool

Titel: Uncanny Avengers Bd. 1:

Wiedergeburt, Deadpool: Kriminaltango & Deadpool Max Bd.1: Lust und Hiebe.

Autor: Gerry Duggan/Joshua Corin/David Lapham (Skript) & Ryan Stegman/Todd Nauck/Kyle Baker (Zeichnungen)

Verlag: Panini. 96/132/144 Seiten, Softcover (farbig). Je 12,99/14,99/14,99 Euro.

Grandioser Sprücheklopfer, gnadenloser Söldner, hoffnungsloser Fall von Schizophrenie: Deadpool – seit 2016 endgültig auch eine Multimedia-Ikone – lässt sich einfach nicht festnageln. Hinzu kommt, dass in letzter Zeit eine derartige Vielzahl von Reihen, Miniserien und Neuauflagen erscheint, dass selbst hauptberufliche Deadpool-Experten kaum mit dem Leser hinterherkommen würden.

Etwas Überblick bringt eine Unterteilung in drei grundsätzliche Kategorien: 1. Gastauftritte wie in Uncanny Avengers: Wiedergeburt. Deadpool erfüllt sich einen Lebenstraum und wird auf Einladung des greisen Ex-Captain-America Steve Rogers endlich Teil eines Superheldenteams. Allerdings spielt er bei den Avengers nur den Hofnarren einer ansonsten recht beliebigen und humorbefreiten Truppe, die er zwar aufwertet, für deren Zusammenhalt er aber letztlich irrelevant bleibt. (5/10)

2. Abgeschlossene Miniserien, die den Löwenanteil der Veröffentlichungen ausmachen. Ein Musterbeispiel ist Kriminaltango: Darin erpresst Deadpool die seiner Ansicht nach lustigsten Figuren aus dem Marvel-Universum (darunter das Spider-Schwein, Squirrel-Girl und absurderweise auch der Punisher), mit ihm für eine Weihnachtskarte zu posieren. Im Anschluss fällt einer nach dem anderen skurrilen Attentaten zum Opfer und Deadpool hinterlässt bei Suche nach dem Killer eine Schneise der Verwüstung. Gerade noch jugendfreier Splatter-Humor, reichlich Seitenhiebe gegen andere Serien und cleverer Nonsens – das ist das Deadpool-Standard-Rezept, letztlich eher harmlos, aber eben auch sehr komisch. (7/10)

3. Extreme Interpretationen, die die gespaltene Persönlichkeit der Figur und ihre Brutalität in den Fokus rücken. Deadpool Max, in der die Regierung den instabilen Antihelden manipuliert, damit er ihre Drecksarbeit erledigt, ist die Speerspitze dieser Ausrichtung: Ein grotesk halluzinierender, brutaler Alptraum für Erwachsene, der Grenzüberschreitungen nicht vortäuscht, sondern tatsächlich vollzieht. Wer Deadpool nur aus dem Kino kennt, wird sich hier angeekelt abwenden, wer hingegen etwas über den Zustand unserer Welt lernen will, liegt hier richtig. (9/10)


02. EchoEcho

Titel: Echo Bd. 2: Desert Run

Autor: Terry Moore

Verlag:
schreiber&leser. 208 Seiten, Softcover (s/w). 18,95 Euro.

Das Leben hat Julie Martin übel mitgespielt. Nicht so wie es Bruce Wayne übel mitgespielt hat, als seine Eltern im Alter von acht Jahren vor seinen Augen ermordet wurden, sondern wie es bei normalen Menschen halt so ist: Ihre Ehe ist am Ende, jeder Rettungsversuch verläuft erniedrigender als der vorangegangene. Die Familie ist kein Rückhalt, geblieben ist einzig die große Schwester, die nach dem Tod ihrer Kinder in einer psychiatrischen Anstalt lebt. Die Arbeit als Fotografin bringt auch nichts ein, der Hund schläft im Bett und wenn das nicht reicht, bleibt nur noch der Griff zum Vibrator in der Nachttischschublade. Menschen wie Julie werden keine Superhelden.

Zumindest übermenschliche Kräfte fallen aber gelegentlich ab: Als sie Zeugin einer Explosion über dem Yosemite Nationalpark wird, bedeckt sie ein metallischer Regen, der sich wie eine zweite Haut über ihren Oberkörper legt und gewaltige Kraftstöße auszusenden vermag. Gemeinsam mit Dillon, dessen Freundin das Material entwickelte und die bei der Explosion umkam, begibt sich Julie auf die Flucht vor der US-Armee, zwielichtigen Konzernen und einem durch den Regen mutierten Landstreicher, dessen Weg seitdem von Leichen gepflastert wird.

Was Echo dabei auszeichnet, ist der Verzicht auf den dezidiert männlichen Blick auf die weibliche Superheldin, der selbst in den besten Titeln des Genres in der Regel ihre körperliche Attraktivität in den Fokus rückt. Julie definiert sich nicht über ihr Aussehen, sondern über ihr Handeln, das wiederum aus Lebensumständen und Erfahrungen hergeleitet wird. Das klingt nicht sehr aufregend, verleiht Echo aber einen überaus glaubhaften Ansatz, der die Serie zu einer Ausnahmeerscheinung im Genre macht. (7/10)


03. HawkeyeHawkeye

Titel: Die offizielle Marvel Comic-Sammlung Bd. 81: Hawkeye – Mein Leben als Waffe

Autor: Matt Fraction (Skript) & David Aja/Javier Pulido (Zeichnungen)

Verlag: Hachette. 144 Seiten, Hardcover (farbig). 12,99 Euro.

Frage: Was macht Cliff „Hawkeye“ Barton, der beste Bogenschütze des Marvel-Universums eigentlich, wenn er nicht gerade mit Captain America und Iron Man bei den Avengers rumhängt? Antwort: Er legt sich mit den Miethaien, die seinen Wohnblock gekauft haben, an, rettet einem Hund das Leben, versucht einen 1970er Dodge Challenger zu kaufen oder wenigstens was aufzureißen. Das Ergebnis ist immer das Gleiche: Cliff kassiert Prügel, verpasst seinen Gegnern ein paar Pfeile und bleibt dann ramponiert in dem Chaos zurück, das er unwillentlich angerichtet hat. Seine Serie ist keine, um die sich Autoren reißen: Zu irrelevant ist der Held, der keine Superkräfte, dafür aber reichlich uncoole Bogen-Skills hat.

Star-Schreiber Matt Fraction („Uncanny X-Men“) nahm sich der Serie 2015 dennoch mit cleveren Zeitsprüngen, Action wie aus den 1970ern und der bis dato lakonischsten Grundhaltung der 2010er an. David Aja ergänzte einen klar strukturierten Seitenaufbau, kunstfertig integrierte Soundwords und pointiert eingesetzte Piktogrammen. Gelegentlich ließ er auch mal die Meta-Sau raus: Wenn Cliff nach dem Sex nackt vor einer Horde Gangster flüchtet, werden seine Geschlechtsteile von einem Aufkleber in Form eines Hawkeye-Kopfes, wie er in den Achtzigern gezeichnet wurde, verdeckt.

Fans und Kritiker hatten daraufhin keine Wahl: Die Neuausrichtung der Serie wurde einheitlich als moderner Klassiker gefeiert und wird nun kaum zwei Jahre nach ihrer Erstpublikation bereits im Rahmen der „offiziellen Marvel-Comic-Sammlung“ wiederveröffentlicht. (9/10)


04. BatmanScott Snyders Batman

Titel: Batman Bd. 7: Todesspiel, Bd. 9: Die Rückkehr & All-Star Batman: Mein schlimmster Feind

Autor: Scott Snyder (Skript) & Greg Capullo/John Romita jr. (Zeichnungen)

Verlag: Panini. 208/188/120 Seiten, Softcover (farbig). Je 16,99 Euro.

Im Oktober 2011 übernahm Scott Snyder als Autor das Ruder des Superhelden-Flaggschiffs Batman und ließ es erst im Juli 2016 nach 52 Ausgaben (diverse Nebenreihen im selben Umfang nicht eingeschlossen) wieder los. Ein heutzutage beispielloser Lauf, der überwiegend von Greg Capullo illustriert wurde und voller Musterbeispiele dafür ist, was möglich wird, wenn der Schreiber eines Superheldencomics alle Zurückhaltung aufgibt.

Das vielleicht beste firmiert unter dem Titel Todesspiel: Zuerst muss der dunkle Ritter die gesamte Gerechtigkeitsliga von Superman bis Wonder Woman vertrimmen, da es dem Joker gelungen ist, sie unter seine Kontrolle zu bringen. Anschließend verwandelt der Killer-Clown die ganze Stadt mit einem Virus in einen Mob zombieartiger Harlekins, um dann zu einem unterirdischen Duell auf Leben und Tod zu bitten. Das ist schon große Oper, quasi Rheingold in der Bathöhle. (9/10)

Danach hatte selbst Snyder keine Puste mehr: Batman litt plötzlich unter Amnesie und hatte seine Heldenexistenz vergessen. Die Polizei baute Fledermausroboter und steckte ihren Chef James Gordon hinein. Ein Pflanzenmonster namens Mr. Bloom bedrohte die Stadt. Kurz gesagt: Es wurde ziemlich albern. Mit Die Rückkehr betreibt Snyder nun Schadensbegrenzung: Der dunkle Ritter muss einsehen, dass er nicht für das bürgerliche Glück geschaffen ist, sondern um für die Sünden der Welt zu leiden. Jesus war nichts gegen ihn. (7/10)

Nach seinem Abschied von der Hauptserie darf sich Snyder nun nach Belieben mit wechselnden Zeichnergrößen unter dem Titel All-Star Batman weiterhin an der Fledermaus austoben. Mit John Romita jr. (Kick-Ass) entstand die erste Miniserie Mein bester Feind: Der ehemalige Staatsanwalt Harvey Dent bittet den dunklen Ritter, mit ihm nach einem Versteck zu suchen, in dem sich das Heilmittel gegen seine Schizophrenie befinden soll. Dumm nur, dass seine zweite Persönlichkeit – der Schurke Two-Face – jedem eine hohe Belohnung verspricht, der verhindert, dass sie dieses Ziel erreichen. Das Resultat ist eine Mischung aus Road-Trip und Amoklauf mit der Wucht und Subtilität eines Vorschlaghammers. Batman und Two-Face, Snyder und Romita – zwei wie Nitro und Glycerin. (8)


05. Billy BatBilly Bat

Titel: Billy Bat Bd. 15-17

Autor:
Naoki Urasawa (Skript & Zeichnungen) & Takashi Nagasaki (Skript)

Verlag:
Carlsen. Je 197 Seiten, Taschenbuch (s/w). Je 8,95 Euro.

Von Batman ist es zumindest orthografisch nicht weit bis zu Billy Bat, doch inhaltlich spielt Naoki Urazawas kleine Geschichte der Welt seit jeher in einer eigenen Liga. Wir erinnern uns: Seit Jahrhunderten lenkt eine mysteriöse Erscheinung in Fledermaus-Form die Geschicke der Welt. Mindestens vier Generationen von Comiczeichnern hat sie zuletzt heimgesucht und ihnen Visionen der Zukunft in ihre Werke diktiert, wobei zwei große Fragen bislang ungeklärt sind: Wird den Menschen auf diese Weise geholfen oder werden sie schlicht manipuliert? Und sollte letzteres zutreffen: Welche Absichten verfolgt die Erscheinung eigentlich?

Nachdem er bereits die Mondlandung und den Mauerfall in die Geschichte eingewoben hat, bewegt sich Urasawa in den Bänden 15 bis 17 zielstrebig in Richtung Gegenwart, bleibt dabei aber natürlich erstmal am amerikanischen Trauma 9/11 hängen. Viele Ereignisse von diesem Rang stehen danach nicht mehr zur Verfügung, allerdings ist es dem Autor durchaus zuzutrauen, dass er die restlichen Jahre einfach biegt, bis sie sich in seine Geschichte fügen. Und wenn das nicht reicht, die Zukunft gleich mit. „Sky is the Limit!“, sagt man. Für Urusawa sind Grenzen etwas, mit dem er sich gar nicht erst abgibt. (7/10)


06. Little NemoLittle Nemo

Titel: Little Nemo Gesamtausgabe 1905-1909

Autor: Winsor McCay & Alexander Braun

Verlag: Taschen. 368 Seiten, Hardcover (farbig). 59,99 Euro.

Zu Little Nemo in Slumberland muss man erst gar keine Überleitung konstruieren: Winsor McCays Serie ebnete den Strips den Weg zum ernsthaften, epischen Erzählen und erfand im Alleingang große Teile ihrer Formsprache – zumindest implizit beziehen sämtliche Comics der letzten 112 Jahre hier ihre maßgebliche Inspiration. Die fantastischen Abenteuer des kleinen Nemo, der das Traumreich erkundet und am Ende einer jeden Episode unsanft erwacht, wurden bereits mehrfach neu aufgelegt, hatten dabei aber stets einen gravierenden Mangel: Die Editionen waren zu klein, um die opulenten Zeichnungen, die sich im Original über die gesamte Höhe einer Zeitungsseite erstreckten, adäquat wiedergeben zu können.

Der Taschen Verlag macht es nun richtig: In Originalgröße gebunden und mit einem 140-seitigen (!) Vorwort des Comicforschers Alexander Braun versehen, sprengt die Ausgabe jedes Bücherregal. Der mehrere Kilo schwere Band überzeugt folglich nicht mit Handlichkeit, wohl aber in Bezug auf Farben und Papierqualität. Einzig die Entscheidung, die Texte in der Originalsprache zu belassen, ist hier zwiespältig zu betrachten: Zwar passt dieser Ansatz zu einer historisch ambitionierten Ausgabe, McCays altertümliches Englisch ist für den Laien aber schon eine ziemliche Herausforderung. (8/10)


Short Cuts

Diverse: Weihnachten mit den DC-/Marvel-Superhelden: Wer hätte das gedacht? Im Marvel Universum feiert man kein Weihnachten, sondern „Pantsgiving“ – einen Tag, an dem sich Iron Man, die Spinne und Co. gegenseitig schicke Hotpants schenken. Deadpool und Hawkeye versuchen derweil mehr schlecht als recht eine gute Tat zu vollbringen und der Hulk inszeniert seine eigene Version von It’s a wonderful Life!. Bei DC wird hingegen klassisch gefeiert, auch wenn der Suicide Squad das ganze Schnaps-Budget immer schon am St. Patricks Day versäuft. Bruce Wayne hat trotzdem einen feinen Tropfen auf Lager und löst mit Schimpansen-Detektiv Bobo einen vertrackten Fall um tätowierte Santas, verschwundene Rentiere und scheintote Elfen. Wirklich besinnlich wird es nur selten, doch gerade zum Fest will man auf die vereinte Superhelden-Baggage nicht verzichten müssen – die gehören ja auch irgendwie zur Familie. (Je 100 Seiten, Hardcover. Je 14,99 Seiten)

Brian Azzarello/Jim Lee u.a.: Batman: Europa: Ende der 1980er gab es seine kurze aber intensive Phase, in der Titel wie Elektra Assassin (Frank Miller/Bill Sienkiewicz) oder Arkham Asylum (Grant Morrison/Dave McKean) den Superheldencomic in optisch ebenso eindrucksvolle wie verstörende Fieberträume verwandelten. Nun erscheint mit Batman: Europa eine längst überfällige Reminiszenz an diese Zeit: Infiziert mit einem tödlichen Virus müssen sich der dunkle Ritter und der Joker verbünden, um in der alten Welt nach einem Gegengift zu suchen. Ihre Reise führt sie durch Berlin, Prag, Paris und Rom – jede Etappe ist von einem anderen Zeichner gestaltet, alle sind sie große Stilisten. Vier Trips zum Preis von einem, danach muss man aber noch etwas zum runterkommen einschmeißen. (140 Seiten, Softcover. 14,99 Euro.)

Mark Millar/Duncan Fegredo: MPH: Schnelle Pillen: Ein vom Leben gedemütigter junger Mann erhält unerwartet Superkräfte und lebt seine spätpubertären Allmachtsphantasien aus, bis er erkennen muss, dass er damit Böses heraufbeschwört und fortan um sein Leben fürchten muss. Diese Geschichte erzählt Mark Millar (Kick-Ass, Wanted) immer wieder, folglich kann er das auch richtig gut. Die Story um den Kleinkriminellen Roscoe, der durch eine ominöse Pille Supergeschwindigkeit erhält, ist visuell einfallsreich, mit schwarzem Humor und einem Twist-Ending versehen, dass man endlich mal nicht schon von weitem kommen sieht. (140 Seiten, Softcover. 16,99 Euro)

Cullen Bunn/Reilly Brown: Lobo: Blutige Jagd: Den außerirdischen Muskelberg Lobo, mit seinen Vorlieben für Bier, Heavy Metal und schlechte Manieren als androgynen Jüngling mit tragischer Vergangenheit neu zu interpretieren – das kann auch auf dem Papier nicht nach einer guten Idee geklungen haben. Alte Fans hielten es 2014 für weichgespülter Hipster-Mist, das übersättigte Twilight-Publikum fand es hingegen zu brutal und vermisste die schwülstige Romantik. Nach 14 Ausgaben war dann Schluss, mittlerweile wütet der originale Lobo wieder als Teil des Suicide Squads. Aus Schaden wird man wohl doch klug. (324 Seiten, Softcover. 28 Euro)

Kieron Gillen/Caanan White: Über. Das letzte Aufgebot: April 1945. Das dritte Reich liegt am Boden, da gelingt Hitlers Wissenschaftlern doch noch das Unvorstellbare: Groteske Züchtungen mit immensen Kräften, sogenannte Panzermenschen, besiegen im Alleingang ganze Armeen. Das Schicksal der Alliierten hängt nun davon ab, ob es ihnen rechtzeitig gelingt, die Formeln der Nazis zu stehlen, um eigene Supermenschen zu erschaffen. Über ist weder rechte Erbauungsliteratur noch differenziertes historisches Gedankenspiel, sondern ein wuchtig-zwiespältiges Splatter-Spektakel, dass Hitler und seine Helfer als wahnsinnige Massenmörder darstellt, von denen eine grausame Faszination ausgeht. (180 Seiten, Softcover. 19,99 Euro)

Diverse: Flash Anthologie: Obgleich Barry Allen als Flash der schnellste Mann der Welt ist, verspätet er sich, sobald es mal nicht ums Retten der Erde, sondern um seine Arbeit als Polizeitechniker oder ein Rendezvous mit Freundin Iris geht. Wie passend ist da diese sauber aufgemachte Anthologie, die mit zwanzig Geschichten von 1940 bis 2014 den 75. Geburtstag der Figur feiert. Der war schließlich schon 2015, dafür ergibt das Eiltempo, mit dem der Sammelband durch die umfangreiche Publikationshistorie rast, hier auch mal inhaltlich Sinn. (404 Seiten, Hardcover. 34,99 Euro)

Alan Moore/Jacen Burrows: Providence Bd. 2+3: Dass man ihn für den größten Comic-Autoren der Gegenwart hält, geht Alan Moore am Arsch vorbei und die Typen, die ihm für die Verfilmungen seiner Werke dicke Tantiemenschecks zustecken wollen, sind für ihn nicht mehr als Nervensägen. Lieber liest er H.P. Lovecraft und vollendet unter dessen Eindruck sein Horrorepos Providence. Darin reist der Journalist Robert Black im Jahr 1934 auf der Suche nach okkulten Abgründen durch Neu England, erlebt in Manchester den wohl verstörendsten Körpertausch der Comicgeschichte und lernt in Bostons Katakomben ebenso grässliche wie grundsympathische (obgleich menschenfressende) Monster kennen. Zwar übertreibt es Moore gerne mit Lovecraft-Zitaten und ausladenden Textanhängen, doch wie es ihm gelingt, der alten Tante Horror noch ein paar neue, eklige wie pfiffige Facetten abzutrotzen, macht dem Ruf des Meistes alle Ehre. (180/176 Seiten, Softcover. Je 19,99 Euro)

Krassinsky: Affendämmerung: Affen sind im Comic ein Selbstläufer, garstige Kritik an organisierter Religion ist das überall (außer in Kirchen und Moscheen natürlich). Affendämmerung rennt folglich gleich zwei offene Türen ein: Ein Rhesusaffe, der eigentlich in den Weltraum geschossen werden sollte, schlägt mit seiner Raumkapsel im Territorium eines Stammes Schneemakaken auf. Um sich ein gutes Leben zu sichern, behauptet er, der Gesandte eines allmächtigen Wesens zu sein. Komplett desillusioniert schildert Affendämmerung, wie der aufkeimende Glauben der Primaten lediglich zu Götzenverehrung und Selbstgeißelung führt – das Animal Farm der 2010er Jahre. (295 Seiten, Hardcover. 29,80 Euro)

Fabien Vehlmann/Yoann: Die tollsten Abenteuer von Spirou: 2010 übernahm das Kreativ-Team Vehlmann und Yoann die frankobelgische Traditionsserie Spirou, an den Resultaten scheiden sich seitdem die Geister. Dieser unglücklich betitelte Band ihrer gesammelten Kurzgeschichten beweist zumindest ihre Vielseitigkeit: In den Katakomben seines Verlags wird die Titelfigur mit der eigenen Publikationshistorie konfrontiert, reist durch Raum und Zeit und kämpft mit einem Konterfei der ehemaligen Konkurrenten Tim und Struppi. Er ist schon ein wahrer Überlebenskünstler, dieser Spirou. (56 Seiten, Softcover. 12 Euro)

 

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Janwillem Dubil
Über Janwillem Dubil 57 Artikel
Janwillem promoviert am Institut für Neuere deutsche Literatur- und Medienwissenschaft. Er schreibt seit 2010 regelmäßig für den Albrecht über Comics und Musik, letzteres mit dem Schwerpunkt Festivalkultur.

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