Die Glücksvariablen

Semesterferien: Klausuren geschrieben, keine acht-Uhr-Vorlesungen mehr, lange Abende mit Freunden und ohne schlechtes Gewissen eine neue Serie anfangen. Der Kieler Student ist glücklich. Es braucht im Moment nicht wirklich viel, um ihn in Hochstimmung zu versetzen. Ein kräftiger Wind vom Meer, Möwengeschrei, Temperaturen über dem Gefrierpunkt und die ersten verirrten Sonnenstrahlen des Jahres sorgen für das norddeutsche Karibikgefühl. Er joggt entspannt an der Förde, sitzt mit Freunden im Café und abends in der Bar. Er ist zufrieden. Der Stress ist vorüber und ein wohliges Glücksgefühl stellt sich ein. Warum kann es nicht immer so schön sein?

Die Grundmauern der Theorie

„Du musst es nur wollen“, würde Martin Seligman antworten. Der amerikanische Psychologe ist davon überzeugt, jeder habe sein Glück selbst in der Hand. Einen Teil zumindest. Vererbung plus Lebensumstände plus Willen ergibt Glück, so einfach ist die Formel. Nicht ganz so einfach ist es, mit einem aufgesetzten Dauergrinsen durch die Gegend zu laufen, noch viel schwieriger wird es, diese Frohnaturen tagtäglich zu ertragen. Sind sie denn wirklich glücklicher und ist tatsächlich etwas dran an der positiven Psychologie?

Die Universitäten von Stanford und Harvard untersuchten in ihren Langzeitstudien The Grant Study und The Glueck Study, wie sich soziale Bindungen auf das Glücksgefühl von Menschen auswirken. Gezeigt hat sich, dass besonders die Beziehung zu den Eltern und Geschwistern während der Kindheit ausschlaggebend für die Zufriedenheit in späteren Lebensjahren ist. Aber innige Freundschaften und ein gutes Verhältnis zu der Familie sind nicht nur in jungen Jahren von Bedeutung, wie die Geschichte von Godfrey Camille gezeigt hat. Eine lieblose Kindheit, eine geplatzte Verlobung und eine schwere Erkrankung machten aus ihm einen grimmigen Mann. Doch Camille kam wieder auf die Beine, übernahm Verantwortung, wurde Leiter einer Klinik, heiratete und bekam Kinder. „Liebe“, sagt er, sie habe sein Leben verändert. So konnte die Studie zeigen, dass die einen umgebenen Menschen ein Leben lang entscheidenden Einfluss auf das eigene Glücksempfinden haben.

Was Glück mit Vererbung zu tun hat, untersuchen Forscher am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig. Die enge Verknüpfung zwischen dem individuellen Glücksempfinden und den Genen konnten sie bereits bestätigen. Das unterschiedliche Glücksempfinden von Menschen soll bis zu 50 Prozent durch die verschiedenen Erbanlagen erklärbar sein. Doch das Zusammenspiel von Genen und Erziehung bei der Charakterbildung ist groß und die Auswirkungen einzelner Gene daher schwer zu bestimmen. Bis hierhin behält Seligman Recht: Vererbung und Lebensumstände sind Faktoren, die das Empfinden von Glück beeinflussen. Inwieweit die biochemischen Vorgänge im Gehirn jedoch vom Willen beeinflusst werden können, ist nicht so einfach zu beantworten.

Die Manufaktur im Kopf

Generell gilt Glück oder Freude als eine unwillkürliche Emotion, die nicht erzwungen werden kann. So werden bei einem echten Lachen andere Muskelgruppen und Nerven aktiv als bei einem vorgetäuschten Lachen. Überlisten lässt sich die Emotionszentrale also nicht. Das Zentrum der Gefühle besteht aus einem Zusammenspiel verschiedener Hirnareale: Die Hypophyse bildet die Brücke zwischen Hormon- und Nervensystem. Der Hypothalamus ist die Hormondrüse und die willensunabhängige Befehlszentrale des Nervensystems. Produziert werden die Gefühle anschließend in der Amygdala, einem Bündel aus dicht gepackten Nervenzellen des limbischen Systems. Stimulation dieser Hirnregion im Labor können beim Menschen Glücksgefühle auslösen. Im Alltag bedarf es Neurotransmitter wie Serotonin, Dopamin oder Endorphine, damit die Nervenzellen miteinander kommunizieren. Anschließend sind Rezeptoren nötig, um die Neurotransmitter aufzunehmen und das Glücksgefühl auszulösen. Kurzzeitig wird Erfolg verspürt, Zufriedenheit, Wohlbefinden oder Entspannung. Danach werden die Botenstoffe abgebaut, die unwillkürlichen Emotionen lassen sich also nicht verlängern.

Zumindest nicht durch bloße Willenskraft. Auch Drogen, die die Produktion der Neurotransmitter erhöhen oder ihre Wirkung verstärken, führen auf lange Sicht zu einer Reduktion der körpereigenen Botenstoffe. Das Glücksempfinden ist also biochemisch reguliert und zu einem gewissen Teil auch genetisch bedingt. Jeder Mensch hat somit einen ‚Set-Point of Happiness‘. Er kann gar nicht glücklicher werden.

Der Feinschliff – bis zur Perfektion

Das Streben nach einer ‚Wohlfühl-Intelligenz‘ durch Selbsterkenntnis, Weiterentwicklung und Individualität werde zu einem größeren Glücksgefühl führen. So vermarkten sich die Optimisten wie Seligman und werden mit ihren Bücher weiterhin die Ratgeberabteilung im Buchladen füllen. Das zusätzliche Quäntchen Glück durch bloße Willenskraft konnte allerdings noch durch keine wissenschaftliche Studie untermauert werden. Gezeigt haben die Forschungsergebnisse allerdings, dass das Maß, in dem Glück empfunden werden kann, durch Erbinformationen bestimmt wird und möglicherweise genetisch determiniert ist. Zudem haben Verbundenheit, familiärer Zusammenhalt und Verantwortung für Mitmenschen einen starken Einfluss auf die Zufriedenheit. Eine positive Grundeinstellung ist daher nicht unbedingt lernbar, sondern wird vielmehr durch das soziale Umfeld bestimmt.

Das Geheimrezept: Schokolade macht glücklich

So ganz hilflos ist der Kieler Student aber doch nicht. Sobald im nächsten Semester nichts mehr weiterzuhelfen scheint, tut es immer noch ein leckeres Stück Schokolade. Ob Vollmilch, Marzipan-, oder Einhornschokolade ist dabei letztlich egal. Hauptsache Zucker. Tatsächlich kann die Zuckerzufuhr zu einem kleinen Hochgefühl führen, da mehr Serotonin produziert wird. Der Botenstoff Serotonin wird aus der Aminosäure Tryphtophan synthetisiert, die über Eiweiße in der Nahrung aufgenommen wird. Damit Tryphtophan von den Nervenzellen aufgenommen werden kann, ist Insulin nötig. Dank der zuckerreichen Schokolade wird vermehr Insulin bereitgestellt und im Endeffekt: Schokolade macht tatsächlich glücklich.


Foto: Nick Youngson http://nyphotographic.com/

Autor*in

Alexandra studiert Biochemie und Molekularbiologie. Sie ist seit Oktober 2016 beim Albrecht als Redakteurin aktiv, schreibt über Hochschulforschung oder gibt im Gesellschaftsressort ihre Meinung zum Besten und beim Layout und Design der Zeitung hilft sie gerne aus.

Alexandra Tietze
Über Alexandra Tietze 23 Artikel
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