Die Kaffeetafel der Verdammten

„Dat is Wacken“, erklärte Bilbo Beutlin 2003 in der legendären Tolkien-Parodie Lord of the Weed. „Einmal im Jahr kommen hier alle bösen schwarzen Männer aus Mittelerde her, um mal ordentlich die Sau rauszulassen.“ Eine Analyse des Heavy-Metal-Festivals, die auch zehn Jahre später noch zutrifft – auch wenn sie nicht immer der allgemeinen Wahrnehmung der Veranstaltung entspricht.

Zu sehr haben sich Gestalten wie der Party-Präsident a.D. Peter Harry Carstensen darum bemüht, das Wacken als lustigen Tagesausflugsort für Butterfahrten attraktiv zu machen. Jahr um Jahr pilgerte Party Harry in Gummistiefeln und Konfirmationsanzug medienwirksam von Bierstand zu Bierstand – freilich ohne auch nur einen Blick auf das Bühnengeschehen zu werfen. Am diesjährigen Headliner Rammstein hätte er bestimmt Gefallen gefunden: Weniger eine Band, als eine Gang von Verwaltungsfachangestellten, ziehen diese hinter der Fassade der Provokation ihre Show mit der Akkuratesse eines Beamten durch – und leider auch mit dessen Leidenschaft. Da kann der familienverbundene Festivalgänger guten Gewissens auch mal seine Oma mit aufs Feld nehmen. Sofern sie sich nicht schnell langweilt.

Ein Teekränzchen in Guantanamo

Abseits davon wird der Acker allerdings von Typen wie Randy Blythe, seines Zeichens Sänger von Lamb of God und erst vor wenigen Monaten vom Vorwurf des Totschlags freigesprochen, regiert. As I Lay Dying mussten sogar absagen, da ihr Frontmann die Ermordung seiner Freundin in Auftrag gegeben hat und nun verständlicherweise in U-Haft sitzt. Sprich: Wacken ist im Wesentlichen ein Platz für harte Hunde, die weder Party Harry noch Oma gern an ihrer Kaffeetafel sitzen hätten. Mit Ausnahme von Santiano vielleicht, aber selbst die sind gestandene Freibeuter, die auf ihren berühmt-berüchtigten Kaperfahrten nichts anbrennen lassen – sieht man von den geenterten Schiffen einmal ab.

Ergänzt man die Dominanz mangelnder Körperhygiene, die extrem laute und harte Musik sowie den omnipräsenten Schlafentzug, präsentiert sich das Wacken Open Air 2013 als ein Guantanamo für Freiwillige, als Haupt der Hydra – ungewaschen und mit Bierfahne. Aber eben auch unkaputtbar, weshalb es allem Anschein nach sowohl die Oma als auch Party Harry überleben wird. „Wacken will never die“ – zumindest nicht, solange es in Mittelerde noch böse schwarze Männer gibt.

Janwillem Dubil
Über Janwillem Dubil 62 Artikel
Janwillem promoviert am Institut für Neuere deutsche Literatur- und Medienwissenschaft. Er schreibt seit 2010 regelmäßig für den Albrecht über Comics und Musik, letzteres mit dem Schwerpunkt Festivalkultur.

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