Die Tragödie der Medien

Eine Kritik an der Berichtserstattung zu Femiziden

Bild: Kat Wilcox / Pexels

Jeden dritten Tag stirbt eine Frau in Deutschland durch die Hand ihres (Ex-)Partners. Das haben wir schon oft gelesen oder gehört und wir sind schockiert von dieser unvorstellbaren Zahl. Aber eigentlich dürften wir nicht schockiert sein, immerhin berichten Zeitungen regelmäßig von diesen Tötungen. Sie nennen es nur anders: Beziehungstat, Familientragödie oder Eifersuchtsdrama. Kein Wunder also, dass wir oft das Ausmaß des Phänomens – Männer töten Frauen – nicht in Gänze erfassen können. 

Wir sprechen hiermit eine Triggerwarnung aus: Der folgende Beitrag enthält Darstellungen von (sexualisierter) Gewalt und Tod.  

Es wird von Männern und Frauen gesprochen, damit sind auch alle männlich oder weiblich Gelesene mit inbegriffen. 

Was sind eigentlich Femizide? Wenn gezielt weibliche Föten abgetrieben werden, weil die Gesellschaft eines Landes Männern eine höhere Bedeutung beimisst. Wenn ein Mann seine Frau tötet, weil sie die Scheidung möchte. Wenn ein Mädchen der sogenannten „Ehre“ wegen ermordet wird. Wenn in den Kulturen, in denen Mitgiften üblich sind, Frauen nach der Hochzeit zum Suizid gezwungen oder getötet werden: Dann sind all das Femizide. 

Ein Mord ist kein Schauspiel 

Schlagzeilen wie „Familiendrama schockiert ganzen Stadtteil“ (SHZ, 08. Juli 2008) erzeugen in unseren Köpfen Bilder von Menschen, die sich streiten und mit viel Geschrei eine Szene machen, sodass die ganze Familie für mehrere Wochen nicht mehr miteinander spricht. Aber nicht das Bild von einem Mann aus Holtenau, der erst seine Frau so schwer verletzt, dass sie stirbt und danach sich selbst tötet. Denn das ist eigentlich passiert. Selbst zehn Jahre später hat sich diese Art der Berichtserstattung nicht geändert. Andere Tat, ähnliche Schlagzeile: „Prozess um Beziehungsdrama zieht sich“ (KN, 11. März 2018): Das Wort Beziehungsdrama lässt uns eher an Seifenopern denken und nicht daran, dass ein Mann seine Frau auf dem Weg zum Kindergarten mit einem Messer attackiert hat.  

Solche Taten Dramen oder Tragödien zu nennen, trifft nicht den Kern der Sache. Ein Drama ist eine literarische Darstellungsform für Theaterstücke. Tragödien zeichnen sich dadurch aus, dass der Held durch den Versuch sich zu retten, sein Ende (meistens den Tod) durch diesen Versuch überhaupt erst herbeiführt. Diese Begriffe für die Berichtserstattung bei Morden und Totschlägen zu gebrauchen, gibt den Opfern nicht nur eine Mitschuld, sondern misst ihnen auch etwas Schicksalhaftes und eine Form der Poesie bei, was falsch und unangebracht ist.  

Das passiert nur anderen 

Mit der Kategorisierung der Tat als Tragödie schaffen wir allein durch den Begriff eine Distanz zwischen uns und den Betroffenen. Es wird etwas Schicksalhaftes impliziert, dem nicht ausgewichen werden kann und uns selbst nicht passieren kann. Wir schieben damit alles weit von uns weg. Den meisten Taten geht häusliche Gewalt voraus, Totschlag oder Mord sind oft nur das Ende einer langen Reihe von Gewalttaten. Damit ist es nicht mehr so weit weg von uns und es kann überall jede:n treffen. Frauen jeder Altersgruppe, Schicht oder jedes sozialen Status können davon betroffen sein. Wir drehen uns gerne weg und ignorieren das Problem. Wenn es eskaliert, nennen wir das „Familientragödie“, damit wir uns weiterhin nicht damit befassen müssen, um was und wen es hier tatsächlich geht. 

Zwar werden Männer insgesamt häufiger getötet (in Deutschland und weltweit), aber in partnerschaftlicher Gewalt sind laut Polizeilicher Kriminalstatistik 2019 in Deutschland 75 Prozent der Opfer von Mord oder Totschlag Frauen. Im Jahr 2019 sind 303 Frauen durch die Hand ihres (Ex-)Partners gestorben. Ähnlich sieht es bei anderen Delikten aus: Von über 17.000 Betroffenen gefährlicher Körperverletzung innerhalb einer Partnerschaft waren 69,8 Prozent Frauen.  

Das hierarchische Geschlechterverständnis  

Grund für diese Straftaten ist oft ein Besitzanspruch der Männer gegenüber den Frauen. Das Gefühl, dass ihnen ihre Partnerin gehört, mag auch nur unterbewusst existieren, dennoch wird bei vielen Taten der Frau das Recht auf Selbstbestimmung aberkannt: Ihre Entscheidung, zum Beispiel die Beziehung zu beenden, löst in ihm das Gefühl aus, dass ihm etwas weggenommen wird, obwohl es ihm nie gehört hat.  

Deswegen ist es wichtig, dass wir nicht mehr von Dramen und Tragödien sprechen. Den Anfang hat dpa-Nachrichtenchef Froben Homburger im November 2019 gemacht. Um „gezielte und oft tödliche Gewalt“ nicht zu verharmlosen, verzichtet die Agentur auf diese beiden Begriffe. Das ist ein guter erster Schritt, denn viele Medien übernehmen in ihren Beiträgen Wort für Wort die Meldungen, die die dpa veröffentlicht. Um der allgemeinen Verharmlosung von Femiziden entgegenzuwirken, müssen weitere Medienschaffende nachziehen. Wie in vielen Bereichen, in denen Gruppen von Menschen diskriminiert werden, spielt Sprache eine große Rolle. Das, was wir sagen, kann viel bewegen. Und wir müssen die Richtung bestimmen.  

Autor*in

Eileen studiert Soziologie/Philosophie und ist seit Oktober 2018 Teil der Redaktion. Sie leitete von Februar 2019 bis Anfang 2020 das Ressort für Gesellschaft. Seitdem ist sie die stellvertretende Chefredakteurin. Außerdem werden viele der Illustrationen im Albrecht von ihr gezeichnet.

Über Eileen Linke 29 Artikel
Eileen studiert Soziologie/Philosophie und ist seit Oktober 2018 Teil der Redaktion. Sie leitete von Februar 2019 bis Anfang 2020 das Ressort für Gesellschaft. Seitdem ist sie die stellvertretende Chefredakteurin. Außerdem werden viele der Illustrationen im Albrecht von ihr gezeichnet.

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