Eine Ausstellung für mehr Bewusstsein

Ein Interview mit Emely Egerland und René Unger von „Was hattest du an?"

Bild: Johanna Touoda

Die Ausstellung Was hattest du an? fand im April 2021 in Kiel statt und thematisierte sexualisierte Gewalt an Frauen. Für das folgende Interview wird aus diesem Grund eine Triggerwarnung ausgesprochen.  

Die Scheiben sind von außen mit schwarzer Folie überklebt. Zu sehen nur das eigene Spiegelbild und der Schriftzug Was hattest du an?.  Nervös wartend sprechen wir darüber, was passieren wird, wenn wir die Ausstellung betreten dürfen und wie wir reagieren werden. Dann öffnet René uns die Tür. Beim Betrachten des ersten Stückes wird klar – es wird nicht einfach werden. Vor uns hängt ein blau-rosa Schlafanzug eines Kleinkindes. Schweigend geht es weiter durch die Ausstellung.  

Die von Emely Egerland und René Unger ins Leben gerufene und kostenlose Ausstellung Was hattest du an? zeigt auf Kleiderbügeln aufgehängte Outfits, die Frauen und Kinder zu dem Zeitpunkt anhatten, als sie sexuellen Übergriffen ausgesetzt waren. Die Ausstellung soll auf den öffentlichen Diskurs lenken, in dem Frauen oft nicht nur Betroffene dieser Gewalt, sondern auch von falscher Opferschuld sind.  

Schon 2014 wurde von Dr. Mary Wyandt-Hiebert und Jen Brockman das erste Mal eine solche Installation organisiert. Die beiden Amerikaner wurden von dem Gedicht Was ich anhatte von Mary Simmerling inspiriert. Nach einigen, der Pandemie geschuldeten, Verzögerungen haben Emely und René die Ausstellung nun nach Kiel gebracht. Wir haben mit den beiden über die Ausstellung, die verbundenen Hindernisse und die Thematik sexualisierter Gewalt gesprochen.  


Wie seid ihr auf die Idee gekommen, die Ausstellung nach Kiel zu bringen? 

Emely: Das Ganze hat Ende 2019 angefangen. Ich bin auf Facebook per Zufall auf die amerikanische Urausstellung gestoßen und habe mir gedacht, die Idee mit der Kleidung und den Zitaten ist so einfach umzusetzen, dass ich das auch selbst einmal machen sollte. Anfang 2020 haben René und ich dann mit der Planung begonnen, wurden durch die Pandemie allerdings kurz ausgebremst. Als dann im Mai 2020 der Beitrag Männerwelten auf Pro7 zu Sexismus und sexualisierter Gewalt ausgestrahlt wurde, haben wir wieder an Fahrt gewonnen. Insgesamt haben wir eineinhalb Jahre lang täglich an der Planung gearbeitet. Deshalb sind wir froh, dass es jetzt endlich funktioniert hat.   


Welche Schwierigkeiten – neben der pandemiebedingten Verzögerung – gab es noch zu bewältigen?  

Emely: Der Ausstellungsbereich war für uns beide neu, was uns am Anfang auch sehr zurückgehalten hat. Wir waren zwar motiviert, aber es standen viele offenen Fragen im Raum: Wo kann die Ausstellung stattfinden? Wie läuft die Finanzierung ab? Wie soll das alles funktionieren? Da hatten wir die Idee fast wieder aufgegeben, doch dann haben wir eine Zusage von Kiel Marketing bezüglich eines Raumes bekommen und es kam alles ins Rollen. Wir beide sind im Marketing tätig, was uns vor allem bei der Eventgestaltung und dem Projektmanagement geholfen hat. 

René: Ich glaube, wir haben einen guten Prozess durchschritten. Wir haben viel gelernt, viel Hilfe von Leuten bekommen, die sich auch fachmännisch auskennen und die uns immer mit Rat und Tat zur Seite standen. Natürlich haben wir aber auch ein, zwei Abbiegungen genommen, die wir uns im Nachhinein hätten sparen können. Aber im Großen und Ganzen haben wir bei all dem Glück gehabt. Das meiste lief reibungslos.  


Ihr habt auch viel Unterstützung von Unternehmen aus Kiel bekommen. Wie habt ihr das wahrgenommen?  

Emely: Wenn die Leute uns fragen, wer hier eigentlich alles mitmacht, dann sind das immer nur wir beide. Aber ohne die ganzen Unternehmen, die uns so unbürokratisch geholfen haben, wäre das alles nicht möglich gewesen. Die haben großartige Arbeit geleistet, für die wir sehr dankbar sind. Auf unserer Website haben wir alle Unternehmen, die uns unterstützt haben, aufgelistet.  

René: Viele Unternehmen haben uns auch gesponsert, ohne eine Gegenleistung dafür zu bekommen, obwohl ihnen das in solchen Fällen zugestanden hätte. Aber sie fanden die Idee der Ausstellung so gut, dass sie das nicht wollten.  


Wie wurde die Ausstellung von den Besucher:innen aufgenommen? 

Emely: Es ist schön, zu sehen, dass die Leute hier verändert wieder hinausgehen. Wenn sie hereinkommen, sind die meisten eher positiv aufgeregt und freuen sich auf die Ausstellung. Nach der halben Stunde Besuchszeit sind sie berührt und teilweise den Tränen nah. Hier gibt es einige Eindrücke, die verdaut werden müssen.  

René: Alle, die hier waren, wurden einmal durchgeschüttelt, ins kalte Wasser geworfen und wieder herausgezogen. Aber in den Menschen passiert etwas, und das ist es, was wir uns wünschen.  


Der Zuspruch ist auch in den sozialen Medien sehr hoch. Hättet ihr das so erwartet?  

Emely: Nein, so nicht. Ich glaube, dass wir mit der Ausstellung den Nerv der Zeit getroffen haben. Gerade im letzten Jahr haben Sendungen wie Männerwelten uns viele Türen geöffnet. Viele Menschen haben sich selbst hinterfragt und wollten wissen, wie sie sich optimieren können. Einerseits ist es cool, dass wir diesen Zuspruch haben, auf der anderen Seite ist es traurig und bezeichnend, dass es eine Wunde ist, in die hier reingedrückt wird. Ich persönlich habe aber nicht damit gerechnet, dass uns auch bekannte Influencer:innen wie beispielsweise Louisa Dellert als Botschafter:innen unterstützen. Wir haben einfach ins Blaue hinein Menschen angeschrieben und sie gefragt, ob sie bei der Aktion mitmachen möchten und in den meisten Fällen haben wir eine positive Rückmeldung bekommen. Das war schon verrückt, was da online alles passiert ist.  


Habt ihr durch die sozialen Medien auch negatives Feedback bekommen? 

Emely: Tatsächlich weniger als ich dachte. Das liegt wahrscheinlich aber auch daran, dass wir uns hier in dieser thematischen Blase befinden, mit Menschen, die für die Thematik bereits sensibilisiert sind. Aber sobald das Thema in andere Bereiche gebracht wurde, zum Beispiel als die Botschafter:innen sich in den Medien dazu geäußert haben, gab es den einen oder anderen negativen Kommentar. Das hat uns aber gezeigt, dass das, was wir hier machen, nicht umsonst ist. Die Welt ist noch nicht so weit, dass es alle verstanden haben. Ansonsten hatten wir nur positiven Zuspruch und viele emotionale und vertrauensvolle Nachrichten.  


Betroffenen von sexualisierter Gewalt wird häufig nicht nur die Schuld in Bezug auf ihre Kleidung gegeben. Was habt ihr in den Gesprächen mit Betroffenen noch mitbekommen? 

Emely: Oft sind es die „klassischen“ Vorwürfe: Wieso bist du allein nach Hause gegangen? Warum hast du denn etwas getrunken? Ihr seid doch vorher schon einmal einen Kaffee trinken gewesen, dann musst du dich nicht wundern oder du wolltest doch eh was von ihm. Die sind häufig vorgekommen.  


Wie kann ich einer betroffenen Person helfen und was sollte ich nicht zu ihr sagen?  

Emely: Generell sollten nie Aussagen gemacht werden, die eine Art Vorwurf darstellen. Egal, in welche Richtung. Oft versuchen Menschen, eine Erklärung zu finden und suchen die bei der betroffenen Person. Gleichzeitig sollte bei den positiven Beispielen die Grundmessage lauten: Ich unterstütze dich, ich bin da und hinterfrage dich nicht. Dies kann auf unterschiedliche Arten ausgedrückt werden. Der Vorschlag, zur Polizei zu gehen, um eine Anzeige zu machen, könnte hier Abhilfe schaffen. Aber hier darf nicht dazu gezwungen werden und es sollte so damit umgegangen werden, wie es sich die Person wünscht.   


Wie schätzt ihr den öffentlichen Diskurs zum Thema sexualisierte Gewalt ein, was sollte diesbezüglich noch passieren? 

Emely: Ich habe den Eindruck, dass sexualisierte Gewalt immer mehr thematisiert wird. Das ist gut, aber gleichzeitig habe ich auch das Gefühl, dass es immer wieder aufflammen muss. Da stellt sich die Frage, warum es erst eine erneute Tat benötigt, damit wir und die Medien darüber reden.  

René: Das Feedback ist zum größten Teil auch die Dankbarkeit, dass das Thema überhaupt kommuniziert wird. Die Art, wie wir das hier jetzt machen, hat ihren gewissen Nachdruck. Wir machen für Kiel dieses Fass auf und machen es größer auf, als wir es uns je erhofft haben. Wir hoffen dabei, dass es nicht gleich wieder zugemacht, sondern weitergehen wird. Entweder mit dieser Ausstellung oder anderen Leuten, die das Thema aufgreifen. Da reicht es schon, wenn im Schulbereich das Thema stärker behandelt und in bestimmten Klassenstufen der Anstoß gegeben wird für ein allgemeines Bewusstsein. Damit wir nicht nur diese Blase haben, die auch schnell wieder vorbeigehen kann.  

Vielen Dank für das Gespräch! 

Autor*in

Johanna studiert seit dem Wintersemester 2016/17 Deutsch und Soziologie an der CAU. Sie ist seit Oktober 2016 Teil der ALBRECHT-Redaktion. Von Juli 2017 bis Januar 2019 war sie als Ressortleiterin für die Kultur verantwortlich. Sie ist seit Februar 2019 Chefredakteurin des ALBRECHT.

Autor*in

Eileen studiert Soziologie/Philosophie und ist seit Oktober 2018 Teil der Redaktion. Sie leitete von Februar 2019 bis Anfang 2020 das Ressort für Gesellschaft. Seitdem ist sie die stellvertretende Chefredakteurin. Außerdem werden viele der Illustrationen im Albrecht von ihr gezeichnet.

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