Es geht in die zweite Runde

Plattensau: POP

Bild: Leona Sedlaczek

Artikel von Birte Iversen

Endlich ist sie da: rund, handverpackt, ehrlich und direkt. „Nie wieder“ hat Fynn Kliemann gesagt und trotzdem, zwei Jahre später, kommt die nächste Platte, POP, gerade frisch aus der Presse. 

Bild: oderso.com/ Fynn Kliemann/ Nikita Teryoshin

Fünf der 14 neuen Songs hat Kliemann bereits vor dem offiziellen Erscheinungsdatum über seine sozialen Netzwerke veröffentlicht, darunter: Eine Minute, Alles was ich hab, Twingo und Frieden mit der Stadt. Der Corona-Krise geschuldet, konnte der Videodreh zu Schmeiß mein Leben auf den Müll nicht wie geplant stattfinden, was für den gelernten Webdesigner aber kein Problem darstellte, so bedient er sich einfach einer kreativen Lösung. Aus 50.000 Bildern von 2.906 Darsteller*innen der Community entsteht das Musikvideo aus dem Lockdown. Die Texte sind autobiographisch, ehrlich und direkt. „Ich kann klarer sagen, was ich sagen will und unverschämt Themen benennen, die ich anders nie aussprechen könnte“, so der Musiker im Vergleich zum ersten Album. Normalerweise legt Kliemann keinen Wert darauf, was andere über ihn und seine Projekte denken, was die Musik betrifft, behält er allerdings „die Angst davor, es zu zeigen“.  

Bekannt ist der 32-Jährige vor allem als etwas tollpatschiger und zu groß geratener Heimwerker vom Land. Vor mittlerweile vier Jahren kauft Kliemann einen alten Reiterhof in Niedersachsen, der seither mit Hilfe von unzähligen Freiwilligen zu einer kreativen Entstehungs- und Begegnungsstätte umfunktioniert wird und so auch der Öffentlichkeit zur Verfügung steht. Schlagzeilen macht Kliemann zuletzt vor allem als größter Maskenproduzent Europas, normalerweise entwirft der energiegeladene Problemlöser Kleidung. Neben zahlreichen anderen Projekten macht der smarte Jungunternehmer aber eben auch Musik, und das sehr erfolgreich. Vor zwei Jahren erscheint das Debüt-Album nie. Obwohl zu dieser Zeit ein adäquater Plattenvertrag auf dem Tisch liegt, entscheidet sich Kliemann dagegen und gründet lieber ein eigenes Label – twoFinger Records. Alles Selbermachen kann der YouTube-Heimwerker, wie er in seinen unzähligen Do It Yourself-Videos immer wieder unter Beweis stellt. Dort wird viel geflucht, improvisiert und geschweißt, bis sich das Ergebnis schließlich sehen lassen kann. Dass die Musik für das Multitalent allerdings etwas ganz Besonderes ist, macht er immer wieder deutlich, so auch in der Ende April virtuell gestreamten Erstaufführung von seinem Dokumentarfilm 100.000 – Alles, was ich nie wollte. Die Doku zeigt die Odyssee um die Entstehung zu nie mit vielen seiner Höhen und Tiefen. Es geht um die Neugierde, Dinge selber zu machen und welchen Preis er dafür zahlt, ein Leben wie das seine zu führen, um das ihn viele beneiden. nie überrollte die deutsche Musiklandschaft und zählt zu den erfolgreichsten Musikalben des Jahres 2018. Neben einem ehrlichen und echten Kunstwerk geht es Kliemann aber auch darum, Musik wieder wertschätzen zu können. So natürlich auch beim neuen Album POP, das seit Ende Mai auf dem Markt ist.  

Bild: oderso.com/ Fynn Kliemann/ Nikita Teryoshin

Der Titel ist Programm. In POP singt Kliemann über all das, was ihm so durch den Kopf geht, viele Selbstzweifel und Ängste, aber auch Veränderungen und Erlebnisse. Neben emotionalen Balladen macht das Album vor allem die bunte Mischung aus melodischen Klaviersounds, einem Hauch von Old-School-HipHop und eben dem Gute-Laune-POP zum Mitsingen aus – alles verpackt in gewitzte Reime bester Kliemann-Manier.  

Wie bereits schon der Vorgänger nie, wurde auch POP nur einmal physisch und auf Vorbestellung produziert, als CD oder Vinyl, fortan ist das Album nur noch digital zu erwerben. Neben der Wiederbelebung von Wertschätzung für Musik, will er so die mühsam produzierte Platte vor dem Einstauben in düsteren Lagerhallen bewahren. Zudem geht von jeder verkauften Platte POP ein Euro in die Förderung neuer Künstler*innen, über die jede*r Kaufende mitentscheiden kann. „Schluss mit der Heulerei, dass nur Dreck erfolgreich ist. Lass uns zusammen die Musiklandschaft so gestalten, wie wir sie gern hätten. Talentiert, bunt und Chancen für alle.“  

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