„Es macht keinen Sinn, weiter zu warten.“

Mohammed F. hat bis zur Entscheidung in seinem Asylverfahren eine Wohnung in Schönkirchen erhalten.

Im Gespräch mit einem Flüchtling aus Afghanistan

Mohammad S. (Name von der Redaktion geändert), der sich selbst aus Angst vor Vorurteilen im Ausland nur bei seinem Nachnamen nennt, ist 30 Jahre alt und hat vor mehr als neun Monaten seine Familie in Afghanistan zurückgelassen, um in Deutschland Asyl zu beantragen. In Kabul arbeitete er zuvor mit verschiedenen internationalen Organisationen zusammen. Dies setzte ihn einer besonderen Gefahr aus. Heute hofft er, nicht nach Afghanistan zurückkehren zu müssen und in Europa mit seiner Frau in Frieden leben zu können.

DER ALBRECHT: Mohammad S., du lebst nun seit einigen Monaten als Flüchtling in Deutschland. Du hast aber auch schon als kleiner Junge für eine längere Zeit Afghanistan verlassen. Wie alt warst du damals und wieso bist du geflüchtet?

Fani: Ich war vier Jahre alt und meine Familie ist schrittweise nach Pakistan emigriert. Illegal, denn zu der Zeit gab es den Krieg mit der Sowjetunion. Damals hatten wir in der Nähe von Kabul noch einen Hof mit vielen Tieren und einem großen Garten. Es war ein gutes Leben in Frieden, aber dann kam der Krieg und wir mussten unser Land verlassen und sind nach Pakistan geflüchtet.

Wann bist du zurück nach Afghanistan? Wie war die Situation zu dem Zeitpunkt?

Am Ende der Neunzigerjahre wurde das Taliban- Regime etwas besser und es war wieder friedlicher. Aber wir sind erst zurückgekehrt, als 2001 die NATO-Intervention erfolgte und sich die Lage durch die internationale Gemeinschaft veränderte. In Afghanistan besuchte ich dann eine Universität und habe 2005 schließlich meinen Abschluss in Informatik machen können.

Und was ist dann passiert?

Zwischen 2001 und 2003, also direkt nach der Intervention, war die Sicherheitslage am Besten. Wir waren sehr glücklich. Du konntest sogar nachts überall hingehen. In den Jahren danach wurde es wieder kritisch. Man konnte häufiger Schüsse in den Straßen hören. Es gab Tage in Kabul, an denen wir unsere Arbeitsplätze wegen der kritischen Sicherheitssituation nicht mehr verlassen durften. Einige meiner jüngeren Verwandten aus der Provinz unterstützten die Taliban. Das war schwierig für uns, denn wir mussten später vor ihnen immer geheim halten, wo ich genau arbeitete.

Gab es entscheidende Ereignisse, die dich dazu gebracht haben, deine Heimat verlassen zu wollen?

Eine Zeit lang habe ich für eine Telekommunikationsfirma gearbeitet. Mit dieser bin ich häufiger durch das Land gefahren und in einigen Regionen war es ziemlich gefährlich. Eines Abends standen Männer mit Kalaschnikows auf der Straße. Sie sagten, dass wir anhalten sollten, doch wir fuhren einfach weiter und sie begannen, auf uns zu schießen. Die Fensterscheiben klirrten, aber wir kamen davon. Allerdings wurden einige meiner Kollegen verletzt. Da habe ich dann gemerkt, wie gefährlich mein Job ist. Später, kurz bevor ich meine Heimat verließ, erhielt ich dann eine Warnung. Da wusste ich, dass ich flüchten muss.

Später hast du dann im Gesundheitsministerium mit dem Global-Fund-Projekt zur Bekämpfung von Infektionskrankheiten zusammengearbeitet. Aber auch das war gefährlich für dich, oder?

Ja, ich habe meine Provinz fünf bis sechs Jahre nicht betreten können. Ich habe die Situation in den Nachrichten jeden Tag verfolgt. Es wurden immer wieder Menschen auf der Straße angehalten und von den Taliban umgebracht, weil sie mit internationalen Organisationen oder der Regierung zusammengearbeitet hatten. Als ich dann im Finanzministerium gearbeitet habe, nutzte ich die Möglichkeit einer Fortbildung in Italien zur Flucht.

Kennst du viele, die aus deiner Heimat geflüchtet sind oder dies vorhaben? Was wird sie erwarten?

Von meinen Freunden haben viele Afghanistan verlassen. Einen von ihnen habe ich letztens in Dänemark getroffen. Ein anderer ist in Kanada und ein weiterer in New York. Es sind junge, talentierte Menschen. Sie wollen nur in Frieden leben. Viele von ihnen wollen nach Deutschland, weil sie von den guten Lebensbedingungen hier gehört haben. Aber sie wissen oft nicht, wie schwierig das Asylverfahren sein kann. Es dauert sehr lange und du bist sehr einsam. Ein afghanischer Freund von mir hier hat letztens sogar versucht sich umzubringen und ist jetzt in psychiatrischer Behandlung.

Wie bewertest du die aktuelle Lage in Afghanistan und kannst du dir vorstellen, dass die Situation etwa in zehn Jahren besser ist und du vielleicht sogar zurückkehrst?

Wenn die Lage gut ist, wenn wir Stabilität, Frieden und eine gute Regierung haben, was soll ich dann hier? Hier habe ich erst einmal keine Arbeit und keine Familie. Sicher würde ich dann zurückkehren. Ich hatte alles in meiner Heimat: eine Familie, ein Haus, ein Auto und viele Freunde; ich trug Anzüge und hatte gute Arbeit. Jetzt fangen wir ganz von vorne an. Dazu möchte ich euch etwas fragen: Würdet ihr nach Afghanistan gehen, selbst wenn euch jemand außerordentlich viel Geld dafür anbietet?

Wahrscheinlich nicht…

Viele Afghanen haben Angst, dass die Regierung das Land nicht alleine stabilisieren kann, wenn die ISAF-Truppen weg sind. Auf der anderen Seite möchte Afghanistan natürlich auf eigenen Füßen stehen. Aber das wird es kaum schaffen.

Wie sollen die Leute in Frieden leben, wenn Armee und Polizei die Gewalt nicht kontrollieren können?

Um ehrlich zu sein, warten wir seit Jahrzehnten darauf, dass die Situation besser wird. Es macht keinen Sinn, weiter zu warten. Wir jungen Afghanen, wir sind mit dem Krieg aufgewachsen und ich glaube, wir werden leider mit ihm alt werden!

Vielen Dank für die ehrlichen Worte und alles Gute für die Zukunft!

Das Interview führten und übersetzten aus dem Englischen Conny Knieling und Felix Schreyer.

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Über Felix Schreyer 0 Artikel
Felix studierte Physik des Erdsystems und Philosophie an der CAU. Von April 2013 bis Juli 2014 war er Leiter des Hochschulressorts. Besonders gern widmete er sich wissenschaftlichen oder kulturellen Themen.

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