Europa in Kieler Klassenzimmern

Europa macht Schule fördert interkulturellen Austausch zwischen Erasmusstudenten und Kieler Schulen

„In Vielfalt geeint“ – Das Motto der Europäischen Union scheint in der letzten Zeit an Gültigkeit verloren zu haben. Die Wirtschaftskrise und weltweite politische Spannungsfelder in Syrien, dem Nahen Osten oder der Ukraine scheinen die Europäische Union zu entzweien. Die Vorstellung, sich gemeinsam für Frieden und Wohlstand einzusetzen, ist aus den Köpfen der Bürgerinnen und Bürger verschwunden. Anders lässt sich die Rechtsbewegung vieler europäischer Staaten bei den vergangenen Europawahlen im Mai 2014 nicht erklären.

Spiegelt das Wahlergebnis denn wirklich eine vermeintlich individualistische, ausländerfeindliche Einstellung aller Menschen in Europa wider? – Nein! Und um das europäische Motto wieder aufleben zu lassen und die Staaten daran zu erinnern, dass man nicht nur in Jahren des wirtschaftlichen Erfolges zusammenhalten muss, gibt es das Projekt Europa macht Schule. Das vom Deutschen Akademischen Austauschdienst und dem deutschen Bildungsministerium geförderte Konzept hat es sich zum Ziel gesetzt, deutschen Schülerinnen und Schülern Europa mit seinen vielfältigen Kulturen näherzubringen.

Studenten aus allen Ecken Europas stellen ihr Heimatland, ihre Kultur und ihre Sprache in deutschen Klassenzimmern vor. Es kann getanzt, gesungen, ein paar Worte in einer neuen Sprache erlernt oder über Vorurteile diskutiert werden. Dabei ist es wichtig, dass sich die Schülerinnen und Schüler aktiv mit der fremden Kultur auseinandersetzen und ihre Einstellungen – von Zuhause oder durch die Medien geprägt – überprüfen. Denn erst durch einen geschärften Blick in alle Himmelsrichtungen des Kontinentes ermöglicht ein Verständnis für das Konzept einer europäischen Gemeinschaft. Europa: das ist nicht bloß Deutschland, Frankreich und Spanien.

Einige Erasmusstudenten in Kiel sind am 5. November dem Aufruf des Kieler Organisationsteams von Europa macht Schule gefolgt und haben sich zu einer ersten Infoveranstaltung im International Center zusammengefunden. In einer entspannten Atmosphäre wurde nicht nur über Inhalte des Projektes diskutiert, sondern Kontakte zu neuen Menschen geknüpft und sich über die Eigenheiten der verschiedenen Kulturen unterhalten. Deutsche sind scheinbar wirklich immer pünktlich, Italiener generell verspätet und Engländer freuen sich über eine anstehende Kneipentour. Es zeigten sich kulturelle Unterschiede, aber vor allem eine wichtige Gemeinsamkeit: Spaß und Interesse am Austausch mit Menschen aus fremden Ländern.

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Das Kieler Organisationsteam von Europa macht Schule freut sich auf den interkulturellen Austausch zwischen Erasmusstudenten und deutschen Schulen.

Die meisten Mitglieder des Organisationsteams waren selbst Erasmusstudenten und haben eine andere Kultur kennen und lieben gelernt. Moritz ist besonders von der Idee begeistert, interkulturellen Austausch an Schulen zu fördern. Karina, eine ehemalige Teilnehmerin und Leiterin des Organisationsteams in Kiel, ergänzt: „Schon in der Schule werden Vorurteile entwickelt, die sich oft ein Leben lang halten. Ich komme aus Lettland und habe vor drei Jahren ein Projekt zusammen mit einer Estin an einer Schule in Eckernförde geleitet. Für die Deutschen ist das Baltikum eine Art Einheitsbrei. Wir konnten den Schülerinnen und Schülern das Gegenteil beweisen.“

Dass sich Vorurteile hartnäckig halten, beweist alleine der Ausdruck „Ostblock“ mit dem man gerne alle osteuropäischen Länder über einen Kamm schert. Yanina aus Russland beeindruckt das gesamte Team, als sie ihre Motivation für ihr Projekt schildert: „Viele Deutsche haben ein falsches Bild von Russland. Ich möchte besonders den jüngeren Deutschen zeigen, wie Russland wirklich ist“. Auch Pau aus Spanien möchte die Vorzüge seines Heimatlandes, vor allem die Region Katalonien, präsentieren, während Dave stets betont, dass er aus Wales komme. „Viele deutsche Schülerinnen und Schüler wissen gar nicht, dass Wales ein eigenes Land ist und schon gar nicht, wo es liegt“. Es zeigt sich also, dass Deutschland noch viel Nachholbedarf in Sachen Europa hat. Aber auch die Erasmusstudenten können etwas über die deutsche Kultur, Mentalität und das Schulsystem lernen – ein interkultureller Austausch eben.

Jetzt gilt es für das Organisationsteam, engagierte Schulen in Schleswig-Holstein und vor allem in Kiel zu finden, die ihren Schülerinnen und Schülern einen Blick über den Tellerrand hinaus in eine fremde Kultur ermöglichen möchten. Schon jetzt sind alle auf die kreativen Projekte der motivierten Studenten gespannt, die an das Motto „In Vielfalt geeint“ glauben.

Autor*in
Annika Rodemann
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Annika ist seit 2014 Teil der Redaktion und vor allem als Lektorin tätig.

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