Energie. Mit aller Gewalt?

Hydraulic Fracturing, kurz „Fracking“ genannt, bezeichnet die neueste Methode Erdöl und Erdgas aus einer Tiefe von bis zu 5000 Metern an die Oberfläche zu pumpen. Bohrungen über das Grundwasser hinaus bis in tiefstes Schiefergestein befördern Rohre in die Erde, durch die ein Gemisch aus Sand, Wasser und Chemikalien gepumpt wird, um diese tiefen Gesteinsschichten aufzubrechen und das Erdgas somit freisetzen zu können. Der größte Teil dieses Gemisches, in dem sich gesundheitsschädliche und sogar radioaktive Substanzen befinden, wird als so genannter „Flowback“ zwar wieder abgepumpt, ein angesichts der Massen nicht geringer Teil an Chemikalien verbleibt jedoch im Erdboden. Wohin die Schadstoffe weichen und was sie auf lange Sicht an Folgen mit sich bringen ist zum jetzigen Zeitpunkt noch ungewiss, sicher ist jedoch, dass sie im Nachhinein nicht mehr herauszufiltern sind. Und selbst für die Flüssigkeit, die nach dem Vorgang zurückbefördert wird gibt es noch keine nachhaltige Entsorgungsstrategie. Da die Schadstoffe von herkömmlichen Kläranlagen nicht gefiltert werden können, wird das Giftgemisch bis jetzt in Untergrundlagerstätten verpresst. Eine vorsichtige Herangehensweise an diese neue Technologie sei hier geboten, wenn die Folgenschwere des Restrisikos nicht wie bei der Kernkraft erst nachträglich erkannt werden soll.

In den USA wird die Methode bereits vielerorts angewendet, doch Folgen waren nicht nur sinkende Energiepreise. Die Unmengen an Profit, die die Energiekonzerne, wie der US-Großkonzern ExxonMobil aus dem neuen Industriezweig gewinnen, lassen das Risiko dieser Art der Energiegewinnung in den Hintergrund treten. Dabei sind die Folgen, die aus Missständen oder Kalkulationsfehlern beim Vorgehen der Bohrung entstehen können, verheerend. In Amerika haben solche Fehler in der Praxis bereits dazu geführt, dass das Grundwasser in amerikanischen Fracking-Regionen teilweise nicht mehr brauchbar ist. Chemikalien, die durch den Gesteinsaufbruch in die Erde gerieten, haben das Wasser vergiftet und sogar zündbar gemacht. Denn auch das umweltschädliche Methan, welches bei der Bohrung als Nebenprodukt entflieht, wurde scheinbar versäumt abzubrennen. Erhöhtes Erdbebenvorkommen in Bohrungsregionen wurde zusätzlich nachgewiesen – so bilden sich seit dem Einsatz der Fördermethode Risse in den Fassaden umliegender Häuser. ExxonMobil versorgt mittlerweile schon unzählige Haushalte und Unternehmen mit Hilfe solcher Bohrungen mit Energie und ist nach durchgeführten Probebohrungen nun auch an einer Anwendung in Deutschland, besonders in den Regionen Nordrein-Westfalens und Niedersachsens, interessiert.

Während in Frankreich innerhalb von zwei Monaten ein Verbot zum Hydraulic Fracturing verabschiedet wurde, drohen in Deutschland Gesetzesvorschläge zur Regelung der Fördermethode an einem Streit über die Stärke der Einschränkungen zu scheitern. Bundesumweltminister Altmaier (CDU) sieht in seinem ausgearbeiteten Gesetzesentwurf lediglich Umweltverträglichkeitsprüfungen und ein Verbot der Methode in Wasserschutzgebieten vor und schließt sich damit der Meinung des EU-Energie-Komissaren Günther Oettinger an, der die europäischen Nationen auffordert, die Türen für profitable Methoden der Energiegewinnung, so kritisch diese auch sein mögen, nicht zu früh zuzuschlagen. Die Opposition fürchtet derweil ein rasches Fortschreiten der neuen Technologie mitsamt ihrer Risiken und fordert ein Verbot des Frackings für ganz Deutschland. So scheint es, dass der vorläufige Gesetzesentwurf an der Zustimmung des Bundesrates scheitern könnte. Sollte das Thema bis zu den Bundestagswahlen im September diesen Jahres nicht abgeschlossen sein, so könnte sich hierin ein wichtiges Kriterium für die Ausrichtung von Wählerstimmen verbergen, denn Gewerkschaften, Geologen oder auch der Deutsche Brauer-Bund, der die Verseuchung des Grundwassers und damit um sein Reinheitsgebot fürchtet, sprechen sich nun zunehmend mit den  Bürgern, die um ihren Wohnraum fürchten, gegen die unkonventionelle Erdgas-Fördermethode aus.

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Über Anika Künnemann 6 Artikel
Anika ist seit dem Sommersemester 2013 Teil der Redaktion. Sie studiert Politikwissenschaften und Soziologie.

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