Gesprochener Rassismus

Ein Kommentar von Melina Hedayati

Bild: Leah Schrader

In den letzten Monaten wurde nicht nur vermehrt über Rassismus gesprochen, sondern auch Rassismus in unserer Sprache verschärft thematisiert. In diesem Zuge kam beispielsweise der Vorschlag auf, das Wort ‚Rasse‘ aus dem Grundgesetz zu streichen und zu ersetzen, Apotheken oder U-Bahn-Stationen wurden umbenannt und immer mehr diskriminierende Begriffe werden kritisch hinterfragt. Wiederholt gab es die Erklärung, dass ‚Schwarz‘ mit großem ‚S‘ geschrieben und die Begriffe PoC oder BIPoC verwendet werden sollten. Aber gerade bei diesen Diskussionen fallen immer wieder die gleichen Sätze von Leuten, die offensichtlich ein großes Problem mit diesem Thema haben. 

Völlig übertrieben und unnötig 

Bevor eine Auseinandersetzung mit rassistischer Sprache richtig angefangen hat, wird sie häufig schon von genervten Sätzen wie „Das ist doch alles total übertrieben und unnötig“ untergraben. Wer das behauptet, hat nicht verstanden, wie mächtig Sprache ist. Unsere Sprache reflektiert das vorherrschende Denken unserer Gesellschaft. Wörter sind zuerst nur aneinandergereihte Buchstaben. Bei ihrer Verwendung füllen wir sie aber mit Bedeutung und Assoziationen. Eine neutrale Sprache gibt es nicht, denn sie ist geprägt von unserer Gesellschaft und deren Geschichte. Durch das Nutzen dieser Sprache beeinflussen wir bewusst oder unbewusst auch unsere Einstellung und unser Weltbild. 

Zu Zeiten des Kolonialismus entstanden viele Begriffe, die gezielt dazu verwendet wurden, Menschen voneinander abzugrenzen. Dazu gehören unpassende Bezeichnungen für die indigene Bevölkerung Amerikas oder auch der Begriff ‚farbig‘Der weiße europäische Mensch wurde dabei immer als Standard bestimmt und blieb selbst die unbenannte, still festgelegte Norm. Alle anderen Menschen wichen nicht nur davon ab, sondern wurden auch als weniger wert betrachtet. Diese Assoziationen schwingen in den Begriffen mit und verfestigen sie. Menschen zu quälen und auszubeuten wurde durch eine Einteilung erleichtert, die sie von einem selbst unterschieden und entmenschlichten. Mit der Sprache wurden Ideologien im Denken gefestigt und letztendlich Handeln gerechtfertigt.  

Heute sind die Sprechenden in unserer Gesellschaft immer noch hauptsächlich weiße Menschen. Sie werden in den Medien oder der Politik überdurchschnittlich stark repräsentiert und erhalten dadurch automatisch mehr Gehör. Die Sprache wird stärker von ihnen beeinflusst. Weiße Menschen bestimmen weiterhin mit einer scheinbar selbstverständlichen Gewohnheit, wie Minderheiten benannt werden. Dagegen gibt es immer wieder Versuche marginalisierter Menschen, sich mit selbstgewählten Bezeichnungen wie Schwarz oder PoC zu emanzipieren und so mehr Mitspracherecht zu bekommen. Schon grundlegender Respekt vor einem anderen Menschen würde wohl als Grund ausreichen, bewusst diese selbst gewählten Begriffe zu verwenden.

Es gibt doch wichtigere Dinge 

Gerne wird auch eingeworfen: „Damit löst man doch das Problem nicht. Als ob es nichts Wichtigeres zu besprechen gibt.“ In gewisser Form stimmt das ja. Diese Debatten lösen das Rassismusproblem in Deutschland nicht. Den Betroffenen und Menschen, die sich mit rassistischer Sprache auseinandersetzen, ist aber durchaus bewusst, dass Probleme häufig miteinander zusammenhängen und es auch noch vieles Weiteres zu bearbeiten gibt. Dazu gehört eben auch diese Diskussion. Wenn wir über Rassismus sprechen, müssen wir auch darüber sprechen, wie wir sprechen. Seltsam an dieser Aussage ist auch, dass sie oft gerade von den Leuten getätigt wird, die in anderen Bereichen ebenfalls wenig dazu beitragen, dass Rassismus bekämpft wird. 

Die deutsche Sprachkultur geht verloren 

Personen, deren Lebensmotto generell „Früher war alles besser“ ist, sorgen sich allerdings um den Verlust der deutschen Sprachkultur. Dabei ist Sprache doch dynamisch und unterliegt ständiger Veränderung. Vor dreißig Jahren wurde anders Deutsch gesprochen als jetzt. Das ist völlig natürlich, denn Sprache dient nun mal der Verständigung. Wenn es neue Ereignisse, Entwicklungen oder Phänomene gibt, brauchen wir teilweise auch neue Begriffe, um über diese zu sprechen. Es ist also nicht verwunderlich, dass jedes Jahr neue Wörter in den Duden aufgenommen und veraltete gestrichen werden. Letztes Jahr wurden beispielsweise „Lockdown“ und „Reproduktionszahl“ aufgenommen. Was soll also die eine deutsche Sprachkultur sein? Das Deutsch, das vor fünfzig Jahren gesprochen wurde, am besten ohne seltsame Anglizismen, gegenderte Sprache und auf jeden Fall mit allen Bezeichnungen, die eindeutig diskriminierend sind? Grundsätzlich sollte hinterfragt werden, ob der Verlust einer Sprachkultur, die rassistisches Gedankengut enthält und reproduziert, so unglaublich schrecklich wäre.  

Über dürfen und wollen 

Menschen, die sich von diesen Diskussionen scheinbar besonders stark verletzt fühlen, schimpfen oft über Zensur oder die sogenannte Sprachpolizei. Ein Klassiker dabei ist auch: „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen.“ Natürlich darfst du das sagen. Als Gesellschaft sollten wir aber überlegen, was wir sagen wollen. Rassistische Sprache zu verwenden, bedeutet, sich rassistisch zu verhalten. Das zu akzeptieren kann unbequem sein. Von strukturellem und alltäglichem Rassismus betroffen zu sein, ist das aber definitiv auch. Mit einer Diktatur hat es ebenfalls wenig zu tun. Das angeblich beschränkte Recht auf Meinungsfreiheit beinhaltet zwar, dass alles, was nicht strafbar ist oder gegen andere Grundrechte verstößt, gesagt werden kann, aber nicht, dass Gesagtes nur Zustimmung erhalten darf und ohne Widerspruch abgenickt werden muss.   

Es geht also nicht darum, als elitäre Sprachpolizei Begriffe zu verbieten. Es geht darum, ein Bewusstsein zu schaffen, sich mit den eigenen Vorurteilen, gesellschaftlichen und historischen Stereotypen auseinanderzusetzen, die sich auch in unserer Sprache niederschlagen. Und darum, sich aktiv dafür zu entscheiden, bedachter und respektvoller mit anderen umzugehen. Manchmal ist das kompliziert und es ist unklar, welche Begriffe richtig und welche rassistisch sind. Sich deshalb aber nicht damit zu beschäftigen, wäre zu einfach. Nachdenken, im Zweifelsfall nachfragen oder selbst recherchieren, um die eigenen Worte bewusster zu wählen, sollte das Mindeste sein, was jede Person tun kann. 

Autor*in

Melina ist seit Juni 2020 Redakteurin beim Albrecht und schreibt vor allem für das Ressort Gesellschaft.

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Melina ist seit Juni 2020 Redakteurin beim Albrecht und schreibt vor allem für das Ressort Gesellschaft.

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