Größer, lauter, dümmer?

Ein Blick auf die Entwicklung der norddeutschen Festivallandschaft

Hört damit auf, lokale Festivals zu unterstützen! Wir meinen es ernst: Schneller als man denkt wird aus dem gemütlichen Punkrock- oder Indiefolk-Festival auf dem Bolzplatz nebenan eine kapitalstarke Großveranstaltung – und versuch dann mal noch ein Bier für 1,50 zu kriegen. In der norddeutschen Festivallandschaft gleichen Veranstaltungen wie das Wilwarin oder das Ackerfestival, die bewusst klein und selbstorganisiert bleiben, mittlerweile dem gallischen Dorf aus den Asterix-Geschichten: Um sie herum wächst und wächst die Konkurrenz. Dies ist für die jeweilige Region zwar mitunter ein wirtschaftlicher Segen, birgt aber auch beträchtliche Risiken, wie sich anhand fünf markanter Beispiele erkennen lässt. Warum die alle erst im August sind? Ehrlich gesagt, keine Ahnung.

Größer wird's nicht - Das Wacken von oben
Größer wird’s nicht – Das Wacken von oben

Wacken Open Air (31. Juli – 2. August, Gribbohm bei Itzehoe)

Das renommierteste Heavy-Metal-Festival der Welt zeichnet sich bereits seit acht Jahren durch eine beispiellose Nachfrage aus: Seit 2006 prangt jedes Jahr das imaginäre „Sold Out“-Schild von den Bauzäunen der norddeutschen Provinz; der Höhepunkt dieser Entwicklung erfolgte im letzten August, als die Tickets für 2014 nach rekordverdächtigen 48 Stunden komplett vergriffen waren.

Problematik: Mehr als andere Festivals lebt das Wacken vom Enthusiasmus seiner Fans, die Jahr für Jahr unter Aufwendung beträchtlicher finanzieller Mittel und Missachtung der eigenen Gesundheit auf den Campgrounds so die Sau rauslassen, dass die Konkurrenz dagegen wie ein gemütliches Nachmittagspicknick wirkt. Das führt allerdings auch dazu, dass das Stammpublikum beim Vorverkaufsstart am Montagmorgen zumeist weder das Geld für die Tickets übrig hat, noch wieder soweit ausgenüchtert ist, dass es den Bestellvorgang fehlerfrei ausführen könnte. Es stellt sich daher die Frage, ob das Wacken durch die steigende Nachfrage nicht vermehrt Gefahr läuft, zum Tummelplatz für ausgeschlafene, finanziell gut aufgestellte Mittelklasse-Kids zu werden und damit seine Identität aufs Spiel setzt. Entsprechend wäre es ratsam, den Vorverkauf nicht schon am Montag nach dem Festival, sondern erst einige Monate später zu starten, wenn das treue Publikum wieder gut bei Kasse und zumindest leidlich nüchtern ist.

Line-Up: Santiano, Motörhead, Megadeth, Kreator, Sodom u.v.m. Festivalticket: ausverkauft. Ausrichtung: Metal!

Jübek Open Air (8.-10. August, Jübek bei Schleswig)

In den letzten Jahren schien es, als hätte das Jübek Open Air den Frieden mit seinem mittelgroßen Status gemacht und daher auf größere Expansionen verzichtet. 2014 sieht die Sache schon wieder ganz anders aus: Statt einem gibt es nun zwei Festivaltage plus Frühschoppen am Sonntag, die Bühne wird um ein Zelt für elektronische Musik ergänzt und als fetter Headliner kommen: Scooter!

Problematik: Das JOA bekam die Schattenseiten seiner eigenen Popularität schon einmal in Neunzigern zu spüren, was schließlich zum vorzeitigen Ende des Festivals führte – entsprechend sensibilisiert dürfte das neue Veranstaltungsteam zu Werke gehen. Da für den zweiten Festivaltag noch kein gleichermaßen zugkräftiger Name bekanntgegeben wurde, besteht die Gefahr, das zwar am Freitag alle zur „Hyper, Hyper“-Sause antanzen, der Samstag dann aber unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet. Und welche andere Band kann eigentlich schon gegen Scooters lyrische Ergüsse a la „It’s nice to be important, but it’s more important to be nice!” anstinken?

Line-Up: Scooter, J.B.O., Erik Cohen, Viktor & the Blood, Graveltones u.a. Festivalticket: 70 Euro/39,50 Euro (Tagestickets). Ausrichtung: Eurodance/Rock/Elektro.

Dithmarscher Rock Festival (14.-16. August, Brunsbüttel)

Das Dithmarscher Rock Festival war in der Vergangenheit wohl das unattraktivste Festival Norddeutschlands – und das nicht etwa aufgrund eines unansehnlichen Publikums: Jedes Jahr dieselben unspektakulären Namen im Billing, die ohnehin alle paar Tage in Hamburg oder Kiel zu sehen sind, dafür aber ein recht stolzer Ticketpreis. Nicht unbedingt ein zukunftsträchtiges Konzept, wie man sich jetzt scheinbar auch selbst eingestand. Alles neu macht folglich 2014, qualitative Aufstockung des Programms und Umzug vom übel beleumundeten Marne in das einladend klingende Brunsbüttel inklusive.

Problematik: Ein Standortwechsel ist immer gleich Risiko, hat aber noch kein Festival ruiniert. Vielmehr stellt sich die Frage, ob die finanzielle Mehraufwendung für ein besseres Programm sich durch erhöhten Publikumszuspruch refinanziert oder ob nur die Stammgäste der letzten Jahre mitziehen. Künstlerisch ist die Expansion in diesem Fall allerdings ausdrücklich zu begrüßen und es bleibt zu hoffen, dass sich die Veranstaltung auf diese Weise wieder aus der letztjährigen Sackgasse manövrieren kann, an deren Ende die Bedeutungslosigkeit steht.

Line-Up: Papa Roach, Jennifer Rostock, Die Orsons, Dog eat Dog, Gloria u.a. Festivalticket: 67,15 Euro. Ausrichtung: Crossover/Rock/Deutschpop.

Förde Open Air (22.-23. August, Laboe)

2013 erstmals ausgerichtet war das Förde Festival im Grunde lediglich ein Unheilig-Konzert mit mehr Support-Bands. Ein Jahr später spielen schon ein gutes Dutzend Acts an zwei Tagen, wobei die Veranstaltung anders als die Konkurrenz auf ein jüngeres Publikum und die ganze Familie abzielt: Das letzte Konzert ist um 22 Uhr zu ende, Bier gibt es hoffentlich trotzdem.

Problematik: Dass das Billing beinahe vollständig aus der New-Schlager-Ecke rekrutiert wurde, dürfte aller Wahrscheinlichkeit nach die erwartete Publikumsresonanz herbeiführen. Künstlerisch ist es hingegen eine mittlere Bankrotterklärung, die eine negative Tendenz in der einheimischen Festivalbranche illustriert: Da nationale Bands in der Regel mehr Publikum ziehen und zudem wesentlich billiger sind, als internationale Vertreter besteht die Gefahr einer Monokultur, bei der in ein paar Jahren auf allen Bühnen des Landes dieselben Nasen zu sehen sind. Marktstrategisch ist dies sicherlich nachvollziehbar, das Festival als Ort, auf dem man neue Bands entdeckt oder sich Musiker ansieht, die man sonst wohl nie zu Gesicht bekommen hätte, ist damit dann aber wohl leider gestorben.

Line-Up: Bosse, Johannes Oerdings, Revolverheld, Jupiter Jones, Pohlmann u.a. Festivalticket: 79 Euro, bzw. 39/45 Euro (Tagesticket). Ausrichtung: Schlager/Deutschpop/HipHop.

Baltic Open Air (29.-30. August, Schleswig)

Das Baltic Open Air lebte bisher eher von der Verpflichtung ein bis drei großer Namen, die dann mit die mit einer Hand voll Coverbands notdürftig vom abend- zum wochenendfüllenden Programm gestreckt wurden. 2014 gelingt erstmals eine Mischung aus großen und mittleren Namen, die wie ein richtiges Festivalbilling aussieht.

Problematik: Das BOA richtet sich vornehmlich an ein älteres, regionales Rockpublikum, das sich nicht mehr jährlich durchs Wacken kämpfen möchte (oder keine Tickets bekommen hat). Daran ist grundsätzliches nichts Falsches, hat in Verbindung mit dem gut abgehangenen, risikobefreiten Line-Up allerdings mehr den Charakter einer Revival-Show denn eines eigenständigen Festivals. Folglich läuft man Gefahr, zur lauteren Variante all jener „Kult-Schlagernächte“ oder ähnlichem zu werden, auf denen ausschließlich jahrzehntealte Hits reproduziert werden und das Publikum ein Wochenende als fernen Abglanz ihrer angeblich wilden Jugend inszeniert.

Line-Up-to-You: Subway to Sally, In Extremo, Saxon, Eisbrecher, Mustasch u.a. Festivalticket: 57,30 Euro (zzgl. Campgebühren). Ausrichtung: Rock/Metal.

Autor*in

Janwillem promoviert am Institut für Neuere deutsche Literatur- und Medienwissenschaft. Er schreibt seit 2010 regelmäßig für den Albrecht über Comics und Musik, letzteres mit dem Schwerpunkt Festivalkultur.

Janwillem Dubil
Über Janwillem Dubil 64 Artikel
Janwillem promoviert am Institut für Neuere deutsche Literatur- und Medienwissenschaft. Er schreibt seit 2010 regelmäßig für den Albrecht über Comics und Musik, letzteres mit dem Schwerpunkt Festivalkultur.

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