Im Schatten des Holstein-Stadions

Es ist Freitag kurz nach acht. Während allmählich eine frostige Dunkelheit einsetzt und die Straßen leerer werden, versammelt sich hinter dem Stadion Holstein Kiels eine Gruppe von Menschen. Doch was hier im Schatten des Holstein-Stadions geschieht, hat mit Fußball nichts zu tun. Es erinnert schon eher an die Baltic Hurricanes Kiel, den deutschen Football Meister aus dem Jahr 2010. Doch auch sie sind es nicht, die das Interesse des Albrecht geweckt haben. Es ist die Flag-Football Mannschaft vom A.S.C. Kiel (American Sport Club Kiel), die zum Training zusammengekommen ist.
Flag-Football ist eine Variante des vor allem in den USA populären American Football, wobei der charakteristischste Unterschied darin besteht, dass hier die Gegner nicht durch ein Tackling, sondern durch das Ziehen an einer der beiden am Gürtel befestigten Fähnchen ( flag) gestoppt werden.
Das Vorurteil, es handele sich hierbei um eine „Memmen-Variante“ des American Football, widerlegen die Sportler gleich zu Trainingsbeginn.
Der Kunstrasen ist in einem Zustand, mit dem sich ein Kreisligateam im Fußball kaum zufrieden geben würde und das Thermometer zeigt Temperaturen von unter null an. Die Flag-Footballer, die ihre Punktspiele in der 1.Bundesliga Nord bestreiten, hält das jedoch nicht vom Trainieren ab.
Die Kieler spielen die Semi-Kontakt-Variante des Flag-Footballs. Im Gegensatz zum regulären Flag-Football, wo „fünf gegen fünf“ komplett ohne Körperkontakt gespielt wird, stehen bei der Semi-Kontakt-Variante 18 Spieler auf dem Feld und das Blocken, den Gegenspieler vor sich herschieben, ist erlaubt.
Beim heutigen Freitagstraining haben sich die Spielerinnen und Spieler in Schale geschmissen (Trikots und Hosen für Punktspiele), weil Spartenleiter Oliver Riemer den Besuch der Unizeitung angekündigt hat. Er erklärt, dass beim Flag-Football gemischte Mannschaften möglich sind.
Teamsportarten, in denen Erwachsene in gemischten Mannschaften antreten, lassen sich –zumindest gefühlt – an einer Hand ablesen. Ein Lionell Messi, der eine Torhüterin überlupft, ein Dirk Nowitzki, der von einer Verteidigerin geblockt wird, oder eine Radfahrerin, die sich gemeinsam mit den männlichen Kollegen die Berge der Pyrenäen hochquält? Kaum vorstellbar. Doch der bislang recht geringe Bekanntheitsgrad des Flag-Footballs macht diese interessante Konstellation möglich. In den USA ist die auf Vollkontakt verzichtende Variante des American Football hingegen schon weitaus beliebter. Beinahe acht Millionen Menschen üben den Sport dort aus. Auf Initiative der NFL Europe, dem europäischen Ableger der gigantischen NFL in den USA, wurde 1997 der Versuch unternommen Flag-Football auch in Deutschland zu größerer Popularität zu verhelfen. Hierbei sollte vor allem Kindern und Jugendlichen die Sportart näher gebracht werden. Doch in der Folgezeit begannen sich rasch auch Erwachsene für die Football-Variante zu interessieren. Seit 2005 existiert mit der DFFL (Deutsche Flag Football Liga) sogar eine Lizenzliga.
Bei einzelnen Übungen bzw. Spielzügen in den sogenannten Indies und Units ist auch für den Laien erkennbar, wie komplex und facettenreich Flag-Football sein kann. Verdeutlicht wird das Ganze beim Blick auf den Passingtree, eine Grafik, wo je nach Spielzug unterschiedliche Pass-bzw. Laufwege zwischen Quarterback (Passgeber) und Receiver (Passempfänger) dargestellt sind. „Nicht umsonst spricht man im Football von Rasenschach“, so Oliver Riemer.
Eine Ausrüstung, wie man sie aus dem Tackle-Football kennt, fällt so gut wie weg. Die Spieler tragen keinen Helm und keine Pats (Schulterpolsterung), aber es gibt eine Mundschutzpflicht.
„Beim Tackle dauert es ewig bis man spielt“, erklärt Oliver Riemer. Zudem sei das Verletzungsrisiko sehr hoch, wenn man zu früh in den Spielbetrieb einsteige. Daher biete Flag-Football einen guten Einstieg, um an Vollkörperkontakt-Football herangeführt zu werden. „Wir haben aber auch Spieler dabei, die früher höher klassig Tackle gespielt haben und aufgrund einer Verletzung oder ihres Alters zum Flag-Football wechselten“, so Riemer.
Momentan sind beim A.S.C. Kiel 40 Spieler spielberechtigt. Unter den Sportlern von denen der älteste 52 und der jüngste 18 ist befinden sich auch Studenten aus verschiedensten Bereichen.
Die Flag-Footballer freuen sich stets über Neuzugänge. Im Winterhalbjahr trainieren die Baltic Flag Hurricanes mittwochs von 19-21 Uhr auf dem Föge-Platz (hinter dem Holstein Stadion) und freitags von 20-22 Uhr an gleicher Stelle. Im Sommerhalbjahr findet das Training mittwochs und freitags von 19-21 Uhr bei der Moorteichwiese im Stadtpark statt.

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Jan war bis 2012 Teil der Redaktion.

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