Jedes Gespräch lohnt sich

Tipps und Vorgehensweisen, um Rassismus im Alltag anzusprechen

Ebba Laing von 'Kleiner Fünf' erklärt uns, wie wir mit Rassismus im Alltag umgehen können. /Bild: JackF, Canva / Logo: Kleiner Fünf

Viele von uns kennen folgende Situation: Wir sitzen mit der Familie zusammen, alle unterhalten sich miteinander. Es bilden sich vielleicht einzelne kleinere Gruppen, die jeweils ein eigenes Thema diskutieren. Dann hören wir, wie zwei Plätze weiter jemand ein Wort, eine Bemerkung, eine Behauptung macht, die in unserem Kopf die Alarmglocken schrillen lässt. Das war doch eindeutig rassistisch! Und dann überlegen wir, ob und vor allem was wir sagen sollen, immerhin kennen wir unsere Oma, den Cousin oder unseren Onkel und wissen, dass sie das niemals böse gemeint haben könnten. Aber solche Äußerungen sind trotzdem nicht in Ordnung. Doch wie kann in solchen Situationen angemessen gehandelt werden? 

Wegen solchen Situationen haben wir uns mit Ebba Laing unterhalten. Sie arbeitet ehrenamtlich bei Kleiner Fünf, einer deutschlandweiten Initiative, die zu Tadel verpflichtet gehört, die ihr erklärtes Ziel im Namen trägt: Sie wollen durch unter anderem Kampagnen dem zunehmenden Rechtspopulismus in der Gesellschaft entgegentreten und entsprechende Parteien bei Wahlen unter fünf Prozent Stimmenanteil halten. Durch den Einsatz gegen Populismus setzt sich die Initiative gleichzeitig auch gegen Rassismus ein. Sie organisiert zum Beispiel Workshops, bei denen Teilnehmende lernen können, das Gespräch zu suchen, wenn ihnen Rassismus oder rechte Äußerungen in ihrem Umfeld auffällt. 

Dass Sprache rassistische Bilder und Denkweisen reproduziert, ist eine Tatsache. Aber das Wissen darüber allein reicht nicht aus. Wir müssen aktiv Wörter aus unserem Repertoire streichen und auch Menschen in unserem Umfeld darauf aufmerksamen machen, wenn sie (vielleicht auch unbewusst) diskriminierende Redewendungen und Begriffe benutzen. Den ersten Schritt zu wagen und sich anderen entgegenzustellen, fällt vielen jedoch schwer.  

Am Anfang steht das konstruktive Gespräch 

Besonders schwer fällt es, wenn die Person, die sich rassistisch äußert beziehungsweise rassistische Begriffe verwendet, einem nahe steht. Denn es besteht das Risiko, dass sich das Verhältnis negativ verändert, sollte ein Gespräch zu einem Streit führen. Auch spielt es eine Rolle, ob eventuell noch weitere Personen anwesend sind. „Wir sind immer dafür, Haltung zu zeigen und Gegenrede zu leisten, aber nicht in jedem Moment sind Gespräche möglich. Es ist wichtig, die Situation einzuschätzen und zu entscheiden, ob die Diskussion jetzt oder zu einem späteren Zeitpunkt geführt werden sollte”, erklärt Ebba. „Wenn noch andere anwesend sind, ist es sinnvoll zu sagen: ‚Ich bin nicht deiner Meinung, aber hier ist nicht der Ort dafür. Hast du morgen Lust, mit mir spazieren zu gehen und dann darüber zu sprechen?‘. Damit werden Aussagen nicht unwidersprochen gelassen und gleichzeitig die Situation entschärft.” 

Ist der Zeitpunkt richtig und wir sind mit der entsprechenden Person allein, dann komme es auch darauf an, wie wir vernünftig miteinander sprechen. „Es gibt immer die Faktenebene, aber auch die Gefühlsebene und wir möchten am liebsten das Gespräch auf der Faktenebene führen, Daten austauschen und zu einem Ergebnis kommen“, sagt Ebba. Das sei aber in den seltensten Fällen möglich, entweder weil die Beziehung zueinander oder das Thema an sich oft emotional zu aufgeladen sind. Dafür hat Ebba einige Tipps: „Die Diskussion muss im Ton, der Dynamik und im Inhalt ruhig sein. Das klingt einfach, ist tatsächlich aber wahnsinnig schwer. Darin können sich aber alle üben. Wir verfolgen dabei unser Prinzip der ‚radikalen Höflichkeit’. Kritik muss persönlich motiviert formuliert werden. Das heißt, dass wir damit nicht auf die andere Person zielen, sondern Ich-Botschaften formulieren. Zum Beispiel ‚Ich finde, dass…‘ oder ‚Ich fühle mich nicht wohl, wenn…’ Wichtig ist es auch, dass wir der anderen Person genau zuhören und sie ebenfalls zu Wort kommen lassen, nachfragen, wie sie zu dieser Ansicht kommt. Denn es ist nicht zielführend, wenn nur eine Person ihr Weltbild darstellen kann. Beiden Parteien muss der Raum geboten werden, den dürfen wir notfalls auch für uns einfordern.”      

Die Bereitschaft fehlt – was nun? 

Im besten Fall hören sich beide Seiten gegenseitig zu und schaffen es, zu der Erkenntnis zu kommen, wie wichtig es ist, rassistische Begriffe, Witze und Äußerungen aus unserem Sprachgebrauch zu streichen. Schwieriger wird es aber dann, wenn die andere Person nicht dazu bereit ist, zuzuhören und sich dem Thema und der Kritik vollkommen verschließt. „Häufig bekommen wir in den Workshops zu hören, dass solche Menschen so weit weg seien und dass sie mit Worten gar nicht mehr erreicht werden können. Deswegen versuchen sie das gar nicht erst”, erklärt Ebba. “Grundsätzlich gilt aber: Jedes Gespräch lohnt sich. Allein einen Anstoß zu geben, kann viel bewegen. Selbst, wenn das Gespräch ohne ‚Erfolg‘ auseinander geht und wir die andere Person nicht überzeugen konnten, kann es ein Erfolg gewesen sein, weil sie im Nachgang noch über das Gesagte nachdenkt.“ Im Klartext heißt das: Allein das Thema anzusprechen kann schon reichen, denn vielleicht sind wir die Ersten, die das überhaupt zur Sprache gebracht haben. Diese neue Erfahrung könne bei anderen Menschen den „Stein ins Rollen“ bringen, wie Ebba das nennt, sodass sie in Zukunft ihre Worte mit mehr Bedacht wählen.  

Auch andere Situationen sind uns vielleicht schon vorgekommen: Zuerst fühlt es sich so an, als würden wir ein Gespräch auf Augenhöhe führen, doch dann kochen die Emotionen hoch und wir merken, wie wir selbst wütend werden. Wir werden provoziert. „Wenn wir verstehen, dass unser Gegenüber uns provozieren möchte, dann haben wir den wichtigsten Schritt schon getan. Er oder sie möchte eine emotionale Antwort von mir, die wir aber dann nicht geben sollten. Da hilft vor allem, ruhig zu bleiben und tief ein- und auszuatmen. Bei einer Provokation ist es super, wenn humorvoll gekontert werden kann. Vielen hilft es, das provozierende Argument zu überspitzen oder einfach deutlich anzusprechen: ‚Ich habe gerade das Gefühl, du willst mich provozieren und habe deswegen noch nicht hören können, was eigentlich dein konstruktiver Vorschlag war‘. So kann das Gespräch wieder auf die Faktenebene gebracht werden.“ Prinzipiell seien Emotionen in einer Diskussion nichts Schlechtes, sie können unseren Argumenten Nachdruck verleihen, dürfen aber niemals die Oberhand gewinnen.  

Mit Humor zu reagieren, wie Ebba vorschlägt, liegt nicht jedem Menschen. Selbst bei weniger aufwühlenden Themen fällt es vielen schwer, ihre Meinung kundzutun. Ebba sagt aber, dass das normal sei und das wir uns immer vergegenwärtigen sollten, dass wir damit nicht allein seien. „Wir müssen uns daran erinnern, dass es nicht um gewinnen oder verlieren geht – man muss nicht gewonnen haben, um einen Unterschied zu machen und andere nachhaltig zu motivieren. In den Workshops üben wir das mit Rollenspielen und ich kann nur empfehlen, sich zum Beispiel mit dem Mitbewohner oder der Mitbewohnerin zusammen zu setzen und diese Gespräche zu proben. Das hilft, die Schwelle abzubauen, die uns in realen Situationen zurückhält.“  

Wie genau können wir vermitteln, dass bestimmte Wörter nicht mehr benutzt werden sollten? 

Es ist nicht lange her, da gab es die Debatte um den Schokokuss: Die meisten Menschen waren nicht mehr damit einverstanden, dass die Süßigkeit einen rassistischen Begriff im Namen trägt. Trotzdem gab es auf der anderen Seite einige Leute, die sich vehement gegen diese Änderung wehrten. Teilweise tun sie das immer noch, meist mit der Begründung, dass „das ja immer schon so hieß“. Das kann nicht der Ansatz für eine Gesellschaft ohne Diskriminierung sein. Deswegen haben wir Ebba zum Schluss noch gefragt, wie wir das Problem in einer solchen Situation ansprechen können. „Da kann gesagt werden: ‚Ich höre deine Argumente, zum Beispiel, dass das ja schon immer so gesagt wurde und dass das niemandem weh tun würde. Aber genau das stimmt nicht, es tut Menschen weh. Und auch, wenn sie gerade nicht anwesend sind, ich möchte in einer Gesellschaft leben, in der wir uns so ausdrücken, dass niemand verletzt wird. Ja, wir haben das früher gesagt, aber wir versuchen das gerade zu ändern und du kannst ein Teil dieser Veränderung sein.‘ Das wirkt auf die andere Person einladend und so wird ein positives Ziel formuliert.“ 

Um dieses positive Ziel zu erreichen, lohnt es sich, Solidarität zu zeigen und darauf aufmerksam zu machen, wenn uns eine Formulierung oder das Verhalten von Menschen stört. Rassismus hat bei uns keinen Platz mehr und das sollte immer wieder kommuniziert werden. Wie wir das machen, hängt von uns als Person, den jeweiligen Situationen und unserem Gegenüber ab. Vielleicht könnt ihr ein wenig von diesen Tipps mitnehmen, denn: Jedes Gespräch lohnt sich.  

Wenn ihr an genauen Beispielen erfahren wollt, wie ihr gegen rassistisches und rechtsextremes Verhalten vorgehen könnt, dann geht auf die Website von Kleiner Fünf. Dort haben unter anderem Leitfäden und verschiedene Strategien für Gesprächssituationen, teilweise mit Multiple-Choice-Funktion, sodass ihr direkt üben könnt.  Mehr von der Initiative findet ihr bei Instagram und Facebook. Auf Youtube findet ihr auch viele Videos, in denen die einzelnen Aspekte erklärt und Aktionen vorgestellt werden.

Autor*in

Eileen studiert Soziologie/Philosophie und ist seit Oktober 2018 Teil der Redaktion. Sie leitete von Februar 2019 bis Anfang 2020 das Ressort für Gesellschaft. Seitdem ist sie die stellvertretende Chefredakteurin. Außerdem werden viele der Illustrationen im Albrecht von ihr gezeichnet.

Über Eileen Linke 29 Artikel
Eileen studiert Soziologie/Philosophie und ist seit Oktober 2018 Teil der Redaktion. Sie leitete von Februar 2019 bis Anfang 2020 das Ressort für Gesellschaft. Seitdem ist sie die stellvertretende Chefredakteurin. Außerdem werden viele der Illustrationen im Albrecht von ihr gezeichnet.

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*