Kommt, wir spielen!

Es erinnert stark an die Occupy-Camps überall auf der Welt. Jedoch hatten sie hier schon viel früher die Idee eines Protestcamps. Die Zelte, die vor Ajun, der Hauptstadt von Westsahara, stehen, sollen auf einen Jahrzehnte alten Widerstand aufmerksam machen. Und dann wurden sie dem Erdboden gleichgemacht. Doch zuvor blicken wir uns einmal um. Wer von den Menschen, die man nun sieht, kennt Städte wie Ajun, Dili oder Stepanakert? Wahrscheinlich nicht viele! Jeder aber kennt Städte wie Kabul, Tripolis, Mogadischu. Städte, die man unweigerlich mit Krieg, Tod und Vertreibung in Verbindung bringt. Jeder kennt Landstriche mit den gleichen Eigenschaften. Den Gaza-Streifen, den Hindukusch oder den Kivu-See. Doch wer kennt die Republik Westsahara oder Nagorny Karabach? Und weiß jeder, dass sich Osttimor direkt vor der Küste Australiens befindet? Wahrscheinlich nicht viele!

Straßen in der Hauptstadt der Westsahara, Ajun.

Woher kommt diese Unwissenheit? Liegt es an dem fehlenden Nutzen, den diese Regionen für die Weltgemeinschaft haben? Wahrscheinlich schon!
Die Westsahara beheimatet zwar recht große Phosphat-Vorkommen, doch die größten Abnehmer, die USA, China und Russland, haben auf eigenem Territorium noch ausreichend Ressourcen. Osttimor, das in der Liste der ärmsten Staaten der Vereinten Nationen lediglich Afghanistan hinter sich lassen kann, verfügt zwar über Ölvorkommen, diese sind jedoch durch Joint Ventures mit australischen, indischen und italienischen Firmen bereits vergeben. Nagorny Karabach liegt in Aserbaidschan und hat keine Ölvorkommen, es lässt sich lediglich begrenzt Bauxit und Phosphat fördern. Und so sehen wir, was für Auswirkung die Nutzlosigkeit eines Landstrichs auf die Berichterstattung hat. Große!
Zwischenüberschrift: Ein Überblick.
Die Westsahara, ehemalige spanische Kolonie. Das Land, das hauptsächlich aus Wüste besteht, musste sich schon zu Kolonialzeiten mehrfach der Inanspruchnahme durch Mauretanien und Marokko erwehren. Die Vereinten Nationen konnten das durch Resolutionen verhindern. Nach dem Abzug Spaniens marschierte Marokko mit über 300.000 Mann in den Landstrich im Westen Afrikas ein. Damit verdoppelte sich die Population schlagartig und Marokko verdeutlichte seinen Besitzanspruch. 1991 wurde zwar ein Waffenstillstand vereinbart, doch die UN sieht weiterhin den Bedarf einer internationalen Friedensmission. Das Ziel ist die Durchführung eines Referendums, bei dem die Bevölkerung über die Unabhängigkeit abstimmen soll. Laut der offiziellen Seite der MINURSO-Mission sind aber lediglich 27 Blauhelm-Soldaten in der Westsahara stationiert. Ob dieses Engagement reicht, um den Konflikt endgültig zu beenden und die Konfliktparteien dazu zu bewegen, das Referendum abzuhalten, ist jedoch mehr als fraglich. Die Westsahara bleibt die letzte Kolonie Afrikas. Etwas in diesem Land sollte uns Deutschen auch bekannt vorkommen. Die Mauer, westsahrauischer Art, ist über 2.500 km lang und teilt den westlichen, von Marokko besetzten Teil, von dem Östlichen. 2010 fanden sich etwa 20.000 Menschen in einem Protestcamp vor den Toren der Hauptstadt ein, um für die Unabhängigkeit zu demonstrieren. Der Protest wurde jedoch von marokkanischen Sicherheitskräften brutal beendet. Bald könnte die Westsahara verstärkt in den Fokus der Medien rücken. Nämlich dann, wenn Al-Qaida ihre dort schon bestehenden Ausbildungszentren ausbaut und von dem Machtvakuum profitiert. Dass sie dazu neigen, sieht man am Jemen. Bis das passiert, sterben weiterhin Menschen für ein Stück Wüste, ohne das die Weltöffentlichkeit davon Kenntnis nimmt.
Der nächste Landstrich auf unserer Liste war ebenfalls unter iberischer Kolonialherrschaft. Diesmal war es Portugal, das 1975 ein Land verließ. Über Osttimor wurde noch am meisten berichtet. Allerdings erst, als die indonesische Besatzungsmacht ein Massaker nach dem anderen an der Zivilbevölkerung verübte. In der Zeit der Besatzung starb fast ein Viertel der Gesamtbevölkerung. Nachdem Portugal die Insel 1975 in die Unabhängigkeit entließ, den Indonesien nutzte die Gelegenheit um Timor zu besetzen. Ziel war es eine Pufferregion zu schaffen, die das Vordringen des Kommunismus stoppen sollte. Nach dem Ende des Kalten Krieges wuchs der Wunsch nach Unabhängigkeit und 1999 fand ein Memorandum statt. Die Timoresen stimmten für die Loslösung von Indonesien. Das Militär und verschiedene Milizen ließen das nicht zu und verübten immer wieder gewalttätige Übergriffe auf die Zivilbevölkerung. Die Vereinten Nationen griffen daraufhin ein und sorgten dafür, dass das Land 2002 als 191. Staat in die Liste der Vereinten Nationen aufgenommen wurde. 2006 und 2007 flammten wieder Konflikte auf, als mehrere Offiziere meuterten. Über 150.000 Menschen waren auf der Flucht. 2012 sollen in dem Land Wahlen stattfinden. Die Lage ist allerdings so instabil, dass die UN-Truppen auch weiterhin in dem Land stationiert bleiben.
Gewusst?

Es geht um dieses karge Land. Verdammt wüst!

Am dichtesten an unserem wohlig-warmen Nest Deutschland liegt Aserbaidschan. Und das sowohl geographisch als auch gedanklich, denn der „Satellite“ hat sich ausrotiert und im Mai geht ein Lob in die Welt. Genauer gesagt ans Kaspische Meer. An der Grenze zwischen Aserbaidschan und Armenien liegt Nagorny Karabach. Über eine Million Menschen leben noch heute in Flüchtlingsdörfern entlang der 120 km langen Demarkationslinie, die vor 18 Jahren gezogen wurde. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion kam es zum Krieg um die Bergregion. Mindestens 30.000 Menschen starben. Und immer noch spielen die Machtkader aus Moskau eine entscheidende Rolle in dem Konflikt. In einem Interview mit dem Albrecht sagte uns Dr. Sven Singhofen, Politikwissenschaftler der CAU Kiel, dass Russland ein „zynisches Spiel“ treibe. Von Russland initiierte Friedensgespräche im November 2009 führten zwar zu kleinen Schritten in Richtung Normalität, ein energischeres intervenieren Russlands könnte den Konflikt wohl aber lösen. Jedoch fürchtet Russland einen „umfassenden Verlust von Macht und Einfluss in der Region“, so der Russland-Experte. Armenien ist der letzte Verbündete Russlands im Südkaukasus. Aserbaidschan sucht den Kontakt zu Europa und Georgiens Beziehungen zu Russland sind seit 2008 mehr als schlecht. Nach Ansicht von EU und UN gehört Nagorny Karabach zu Aserbaidschan. Allerdings werden zwei Drittel von Soldaten der Republik Karabach und ein Drittel von Armeniern besetzt. Schützengräben prägen das Landschaftsbild. Es sterben noch heute jedes Jahr etwa 30 Soldaten auf beiden Seiten durch Schusswechsel. Die Vereinten Nationen haben mittlerweile die vierte Resolution verabschiedet. Eine Dynamik der Konfliktlösung hat sich trotzdem noch nicht entwickelt. Vielleicht auch, weil der Einfluss der armenischen Diaspora sowohl in Moskau als auch in den USA stark ausgeprägt ist. So lange man Russland also nichts anbietet, ein Verzicht auf die Nabucco-Pipeline käme im Kreml bestimmt gut an (Anm. des Autors), wird sich an der Lage am Kaspischen Meer wenig ändern. Es bleibt zu hoffen, dass es den Delegationen aus ganz Europa nicht zu heiß wird und die Konfliktparteien eine Sommerpause einlegen. Zumindest bis Ende Mai. Dann interessiert sich niemand mehr für die Hügel von Nagorny Karabach.

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Über Florian Skupin 0 Artikel
Florian war bis 2012 Teil der Redaktion.

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