Maskulines Marzipan

Geschenke für „echte Männer”

Abby Savage // Unsplash

Gesellschaftlich bewegt sich etwas. Geschlechterrollen, die seit Generationen als absolut und scheinbar gottgegeben galten, werden mehr und mehr aufgebrochen. So verliert auch der Mythos von echter Männlichkeit zunehmend an Gültigkeit. Doch gerade das Feuerwerk an Werbestrategien anlässlich der Feiertage offenbarte erneut: Dieser Diskurs ist an vielen Marketing-Teams scheinbar gänzlich vorbeigegangen. 

Weihnachten, Geburtstage oder Jubiläen: Die Anlässe, zu denen Partner:innen und Freund:innen beschenkt werden wollen, sind zahlreich. Und selbst wenn sich darauf verständigt wurde, dieses Jahr „mal nichts zu schenken“, nun ja, so eine Kleinigkeit ist ja schon allein als Geste nett. Mit leeren Händen dastehen geht schließlich auch nicht. Die Suche nach dem passenden Präsent kostet jedoch Zeit und Nerven. Wie praktisch, dass viele Unternehmen Geschenke speziell für „echte Männer” anbieten, um die Suche zu erleichtern. Eine handverlesene Auswahl: 

Maskulines Marzipan 

Alle Jahre wieder. Der vorweihnachtliche Geschenkstress hat die Deutschen auch in Zeiten von Corona gepackt. Doch was ist in diesen außergewöhnlichen Zeiten bloß das richtige Geschenk für einen richtigen Mann? Abhilfe bei dieser quälenden Frage bietet der Lübecker Marzipanhersteller Niederegger. Wer in der Vorweihnachtszeit einen größeren Supermarkt betreten hat, wird wohl kaum an den aggressiven Pappaufstellern vorbeigekommen sein, die deutschlandweit die frohe Botschaft der Entdeckung des hanseatischen Traditionsunternehmens verkünden: Mini-Marzipanbrote als Rettungsanker der wahren Männlichkeit.  

So in etwa müssen wohl die Ergebnisse des hochqualifizierten Gremiums der Fachwissenschaftler:innen des Unternehmens ausgefallen sein. Anders ließe sich kaum erklären, warum Niederegger sonst unter dem Namen Männersache mit dem hauseigenen Mini-Marzipanbrot einen, so die Produktbeschreibung des Online-Versandhandels WorldofSweets, „Weihnachtsschmaus für echte Kerle“ bewerben würde. Das Süßwaren-Regal als letzte Bastion der wahren Männlichkeit. Die Frage, ob der Verzehr des Marzipanbrotes auch mit fehlendem Y-Chromosom ohne schwere gesundheitliche Folgeschäden möglich ist, bleibt vom Unternehmen jedoch, in völlig unverantwortlicher Weise, unbeantwortet. 

Gutschein-Box für Männerträume 

Kerle machen männliche Dinge, echte Kerle machen männlichere Dinge. Nach diesem Grundsatz haben vermutlich die Produktentwickler:innen des Erlebnisgeschenke-Anbieters mydays ihre Magic-Box für echte Kerle als perfektes „Geschenk für ihn” entworfen – satte 50 Payback-Punkte gibt’s beim Kauf auch noch dazu, das Herz jedes deutschen Mannes sollte bereits hier höherschlagen! 

Die Box biete ein umfangreiches Erlebnisgutschein-Paket, das, so das Versprechen an die Kund:innen, „echte Männerträume” wahr machen soll. Ein Blick auf einzelne der hunderten von Einlöse-Optionen zeigt, wie vielfältig diese Träume sein können. Von der Ferrari-Stadtrundfahrt über Grill-, Brau-, Motorsägen- und Survivalkurse, Bier- und Whiskey-Tastings bis hin zum Schießtraining bieten sich hier den Beschenkten beim Einlösen des Gutscheins scheinbar unendliche Möglichkeiten für ein „spektakuläres und actiongeladenes” Erlebnis.  

Die Erlebnis-Box gehört seit Jahren zu den Top-Sellern des Unternehmens und wird jährlich aktualisiert und angepasst. Hier bietet sich dieses Jahr leider ein Wehrmutstropfen für die Beschenkten, die auch kulinarisch begeisterungsfähig sind. Der „Reptilien-Kochkurs“, bei dem unter anderem Krokodilwürstchen und Schlangenfleisch zubereitet werden, ist scheinbar aus der Produktpalette gestrichen worden. Die gute Nachricht: Der „Fleisch-Kochkurs“ und der „Feuer, Fleisch und Dosenbier-Grillkurs“ werden weiterhin angeboten. Nichtsdestotrotz ist zu erwarten, dass mydays auch in Zukunft eine sichere Zuflucht im Auge des Sturms der Abschaffung der Männlichkeit bieten wird. In dieser Hinsicht ist nur zu hoffen, dass das Unternehmen zeitnah das Angebot ausweitet und weitere zielgruppenorientierte Erlebnisse wie Motoröl-Tastings oder Mansplaining-Seminare anbieten wird. 

Bucket-List für Lebensmüde 

Weiter geht die Shopping-Tour in die Vorhölle der toxischen Männlichkeit: der DMAX-Shop. DMAX, der Qualitätssender, bei dem schon die bloße Beobachtung, dass es trotz einer äußerst hinderlichen Vagina als Frau möglich ist, einen LKW zu fahren, für ein Prime-Time-Sendeformat genügt. Zwischen genialen Geschenken wie einer auf einer Alufelge aufgerollten 3,5 Meter langen Krakauer-Snack-Wurst, einem Stressball in Form einer Fleischwurst oder einer Grillmachete fällt die Auswahl eines idealen Geschenks schwer. Wir befinden uns, ganz offensichtlich, im Land der Dichter und Denker – warum dann nicht vielleicht etwas Literarisches? Nach wenigen Klicks landet man in der sorgfältig kuratierten Auswahl von Qualitäts-Literatur des Senders.  

Der Blick fällt auf 100 Dinge, die Mann einfach getan haben muss – Die Bucket-List für echte Kerle. Die Leseprobe offenbart eine Auswahl der strengen Initiationsriten, denen Mann sich in seinem Leben unterziehen muss, um in den erlesenen Kreis dieser Superwesen aufgenommen zu werden. Die aktuelle Jahreszeit bietet hier direkte Handlungsoptionen. So ist Punkt 38 der Checklist beispielsweise der Vorschlag, zu Lebzeiten aus einem Hubschrauber auf eine frische Skipiste zu springen. Die Aussicht auf einen qualvollen Lawinentod als Ausdruck ultimativer Männlichkeit – Nervenkitzel pur. 

Wer nun dem:der anonymen Autor:in vorwerfen möchte, hier veraltete Geschlechterrollen zu bedienen, dem:der wird schnell Wind aus den Segeln genommen. Denn Punkt 40 der Checkliste, „wegen einer Frau weinen“, ist zweifelsohne ein Befreiungsschlag von veralteten und einschränkenden Männlichkeits-Idealen. Während im Mikrokosmos DMAX die Vermutung naheliegt, es sei ratsam, seine Gefühle von Geburt an zu unterdrücken, bis man mit Anfang 40 einen plötzlichen Herztod beim Ölwechsel an der Harley-Davidson erleidet, gesteht der:die Autor:in auch „echten Männern” das Recht auf Gefühle zu: „Auch wenn man hart bleiben will, manchmal tut eine Trennung eben weh.“ Vive la révolution! 

Make Arbeitsteilung im Haushalt männlich again! 

Doch auch außerhalb des DMAX-Shops sei noch auf ein weiteres Buch verwiesen. Mit Physik für echte Männer bietet Martin Apollin, ein promovierter Physiker und Sportwissenschaftler, praktische Life-Hacks für gesellschaftsrelevante Probleme, denen Männer scheinbar fortwährend ausgesetzt sind. Eines dieser Probleme ist beispielsweise die Frage, wie es gelingt, mit einem Fahrrad durch einen Looping zu fahren.  

Aber auch hier zeigen sich zwischen den Zeilen wider Erwarten scheinbar feministische Züge. Während im vorigen Werk Männern das Recht auf Gefühle zugestanden wurde, geht der Autor hier noch einen Schritt weiter und räumt mit einem weiteren archaischen Geschlechterstereotyp auf. In der Tat ist es Männern durchaus möglich, Tätigkeiten im Haushalt zu verrichten, ohne einen Funken ihrer Männlichkeit einzubüßen – solange ein handelsüblicher Bumerang zur Hand ist. So illustriert Apollin, wie es gelingt, eine Zimmerpflanze mit einer solchen Wurfwaffe zu entstauben. Der Bumerang als symbolischer Schulterschluss zwischen feministischen Forderungen nach Gleichberechtigung einerseits und der damit einhergehenden scheinbaren Bedrohung der Männlichkeit andererseits, wahrlich bahnbrechend. 

Hoffentlich ist dieser Geschenke-Guide eine Hilfe für kommende Anlässe, bei denen die Suche nach dem perfekten Geschenk für ihn wieder schwerfällt. Aber auch trotz der hier gemachten Vorschläge sollte man die Auswahl nicht überstürzen, denn „echte Männer” sind offensichtlich vielfältiger als sie auf den ersten Blick daherkommen. Vom Dosenbier trinkenden Grillkursteilnehmer bis hin zum an Liebeskummer leidenden Hausmann, der verheult mit tödlichen Wurfgeschossen den Haushalt schmeißt, ist die Bandbreite dieses Geschlechterselbstverständnisses extrem facettenreich. Echte Männer lassen sich nicht so einfach in Schubladen stecken.  

Autor*in

Arne studiert Poltikwissenschaft und Soziologie an der CAU. Seit 2020 ist er als Redakteur Teil des ALBRECHT und leitet seit 2021 den Weißraum.

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Arne studiert Poltikwissenschaft und Soziologie an der CAU. Seit 2020 ist er als Redakteur Teil des ALBRECHT und leitet seit 2021 den Weißraum.

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