Maßlose Selbstüberschätzung

Quelle: Marlene Kühling

Heute weist nur noch eine Ortsbezeichnung auf die alte Funktion hin. Wer Busse wie die 62 oder 32 nimmt, der landet dort an, wo früher ein richtiger Bootshafen war und heute ein grün schimmerndes Pissbecken zum baulich deplatziertesten Bierdosendepot der Region verkommen ist. Nichts erinnert mehr an die einstige Eleganz eines Ortes, an dem Yachten vor Anker gingen, nicht einmal das Spielcasino kann mehr als den Verlust alles Ersparten verheißen. Dennoch ist die Lokalität stark in Mode. Hier finden Weinfeste und Konzerte statt, der Kaffeeladen, bei dem es grundsätzlich zu viel Schaum gibt, hat eine prominente Filiale und sogar das neue Kaufhaus Nordlicht grenzt an den Bootshafen an. Ganz heißer Scheiß, das weiß hier jeder, der sich niederlässt um sich im Dauerwind eine Blasenentzündung oder zumindest akute Depressionen zuzuziehen. Seit ich Denken kann, hat der Bootshafen sich in die Reihe der holsteinischen Fehlplanungen nahtlos eingereiht und genau wie sie Kultstatus erreicht. Der Hörn Campus ist schief gebaut und anstatt auf die Ostsee blickt man von ihm aus auf die Backsteingotik der Germania-Arkaden, dem Kieler Wetter ist es geschuldet, dass das Schönste an der gesamten Kiellinie der Blick auf das Kraftwerk Dietrichsdorf ist und der Sophienhof wird von zwei gläsernen Gängen mit Urinaroma begrenzt. Hier oben im Norden nennt man eine wassernahe Kiesgrube Strand und lässt es sich außerdem nicht nehmen, den Bewohnern Strandes ihre Spaziergänge mit Siebzigerjahreverbrechen von einem olympischen Dorf im angrenzenden Schilksee madig zu machen. Kein Wunder, dass weder Schwentinental noch Kronshagen Ambitionen zeigen, Teil von Kiel zu werden.

Der Bootshafen bündelt die Ströme aus den verschiedenen Teilen der Kieler Innenstadt in fast schon perfekter Art und Weise. Wie ein steter Begleiter mäandert Trostlosigkeit durch die Kieler Innenstadt. Ob man sich von freudlosen Freudenhäusern am Wall oder den Glaspavillons der Zumutung am Alten Markt her auf den Berliner Platz zubewegt, ist egal. Auch in Gegenrichtung künden Bahnhof mit Dosenbiercharme und eine austauschbare Einkaufspassage sowie die 08/15-Innenstadtstraße namens Holstenstraße von einer Shoppingromantik, die verdammt ist, ein Rohrkrepierer zu bleiben. Neuerungen wie das Nordlicht sollen die Kieler City lehren, Feuer zu fangen, ein Flächenbrand der Begeisterung will entfacht werden. Stattdessen sterben aber Buchhandlungen aus und werden durch Billigheimer jedweder Façon ersetzt – ein Tod auf Raten ereilt die Stadt. Feuer fing die Innenstadt zuletzt durch die Royal Air Force, seitdem liegt hier der Hund begraben. Sieht man also den Bootshafen als logischen Mittelpunkt der Innenstadteinöde an, so passt das Bild. Als Wasserfläche hat er etwas vom nahen Meer, wenn Meer denn Entengrütze trüge. Sonnenschein und Wärme weiß er gekonnt entgegenzuwirken, indem er selbst den schwächsten Wind so stark herunterkühlt, dass man für ein paar Sekunden fließend Russisch kann. Der Bootshafen ist der Mittelpunkt des Kieler Andreaskreuzes. Seine vier Schenkel führen zu den Bordellen, dem schamhaften Alten Markt, dem traurigen Hauptbahnhof und dem Borgschiff von Ballettsaal der Oper. Wie Sankt Andreas ist jedem, der diese Wege wandert Leid gewiss.

Doch damit nicht genug, in der Stadtplanung des Landeshauptdorfes wurde ernsthaft einmal erwogen, die angrenzende Holstenbrücke dem Tümpel anzugleichen und so einen großflächigen Innenstadtsumpf zu erzeugen, damit auch ja niemand auf die Idee kommt, außerhalb des Cittiparks zu shoppen. Als Vorbild mag die Hamburger Binnenalster gedient haben; ach Kiel, du bist so knuffig, wenn du dich für eine Großstadt hältst.

Foto: Marlene Kühling

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Über Paul Niklaus Stahnke 0 Artikel
Paul war seit Ende 2012 Teil der Redaktion. Neben der Gestaltung des Layouts schrieb Paul gerne Kommentare und ließ die Weltöffentlichkeit an seiner Meinung teilhaben. In seiner Freizeit studierte Paul Deutsch und Anglistik an der CAU.

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