Mouhanad Khorchide – Ein Islam der Barmherzigkeit

ARCHIV - Der Leiter des Zentrums für islamische Theologie, Mouhanad Khorchide, aufgenommen am 19.02.2014 in Münster (Nordrhein-Westfalen). Foto: Caroline Seidel/dpa (zu dpa "Verbände gegen Universität: Streit um Islam-Lehre in Münster" vom 03.03.2014) +++(c) dpa - Bildfunk+++

Ein Kommentar von Jonathan Holst

Gehört der Islam zu Deutschland? Eine alte Diskussion ist neu entfacht. Um gegenwärtige Herausforderungen zu bewältigen, hilft sie jedoch kaum: Der Islam ist längst Teil gesellschaftlicher Realität. Konstruktiv damit umzugehen, heißt zu fragen: Welchen Islam wollen wir als liberale Wertegemeinschaft stark machen? Unsere Islamserie porträtiert muslimische Intellektuelle mit ihren jeweils eigenen Antworten.

Es ist die Stärke des Religionspädagogen, seiner Erzählung anekdotisch-biographisch Authentizität zu verleihen. Khorchides wichtigstes Buch Islam ist Barmherzigkeit erscheint nie als Ergebnis rein theologischen Kalküls, sondern immer auch als Ausdruck eigenen Erlebens. Geboren 1971 in Beirut, wächst Khorchide, so erfährt man im Buch, in Saudi-Arabien auf. Freiheit erfährt er während alljährlicher Besuche bei der Großmutter im liberalen Libanon, wo er mit Mädchen und Christen spielt – undenkbar für muslimische Jungen in der saudischen Gesellschaft. Dort sind die Saudis Könige und Ausländer werden systematisch diskriminiert. Khorchide darf nicht studieren, er geht 1989 nach Wien, promoviert in Soziologie – ausgerechnet bei einer bekennenden Atheistin. Sein Schluss: Die bloße Zuordnung zu einer Religion und sklavisch befolgte Vorschriften machen niemanden zu einem besseren Menschen. Die Barmherzigkeit Gottes gilt allen. Der religiöse Antipode, so möchte man meinen, erscheint klar und konsensual: als saudischer Wahhabismus. Wer will schon ein Salafist sein?
Doch weit gefehlt. Als Khorchide 2012, mittlerweile Professor für islamische Religionspädagogik am Centrum für religionsbezogene Studien in Münster, seine Thesen in Islam ist Barmherzigkeit populärwissenschaftlich aufbereitet, beginnt ein Machtkampf über theologische Deutungshoheiten. Der konservative Koordinationsrat der Muslime (KRM) gibt ein Gutachten in Auftrag, das Khorchide Verstöße gegen die Wissenschaftlichkeit attestiert – und erklärt die Zusammenarbeit mit dem Centrum für beendet. Das setzt auch die Studierenden unter Druck, die dort unter der Leitung Khorchides zu Islamlehrer*innen ausgebildet werden – denn an Schulen unterrichten dürfen sie nur, wenn Vertreter des KRM zustimmen.
Das Gutachten überzeugt indes kaum: Der Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit beläuft sich darauf, dass Khorchide von dominanten, traditionellen Koraninterpretationen abweiche. Damit werde der Religionspädagoge dem Anspruch einer „bekenntnisorientierten“ Professur nicht gerecht. Schließlich solle er Lehrer*innen ausbilden, die ihrerseits Schüler*innen einen mehrheitsfähigen Islam nahebringen. Doch Khorchides Buch wirkt harmlos, evoziert weder Zweifel an der Existenz Gottes, noch an der des Propheten Mohammeds. Nicht mit einem Wort stellt Khorchide in Frage, im Koran Gottes Wort zu vernehmen. Womit also konnte der Religionspädagoge solchen Ärger verursachen?
Khorchides Gottesbild provoziert. Allah ist für ihn kein Herrscher, dem es auf Gehorsam seiner menschlichen Untertanen ankommt. Er ist vielmehr ein liebender Vater – aller Menschen. Als solcher verkündet er Liebe und Barmherzigkeit – und vertritt fundamentale moralische Grundsätze. Wer sich zu diesem Programm bekennt, zu Gerechtigkeit und zur Gleichheit von Menschen über herkömmliche Religionsgrenzen hinweg, der sei bei Gott, das heißt ein Muslim – selbst wenn er diesem Programm einen anderen Namen als „Allah“ gibt. Regelmäßig beten, freitägliche Moscheegänge, Kopftuch tragen – alles nicht so wichtig, um ein guter Mensch zu sein.
Eine konkrete Handlungsanleitung sind der Koran und die Taten Mohammeds für Khorchide nicht. Vielmehr liefern sie fundamentale ethische Prinzipien. Wenn Gott den Männern empfiehlt, ihre Frauen zu meiden, zu mahnen und erst dann zu schlagen, so habe er, meint Khorchide, die damals verbreitete Gewalt gegenüber Frauen zu mindern versucht. Was in einer Gesellschaft des 7. Jahrhunderts progressiv gewesen sein mag, wäre aber heute nicht mehr zeitgemäß. Was zählt ist der Grundgedanke, die Gleichberechtigung von Männern und Frauen. Heute artikuliere sie sich anders: etwa mit dem Vorschlag, zur Eheberatung zu gehen.
Die Lektüre des Korans wird mit Khorchide also zur Arbeit am Text – zunächst einmal für jeden Einzelnen, der über Fragen seiner Lebensführung meditiert. Dann aber auch für eine Gesellschaft, die fortlaufend Normen und Gesetze erschaffen muss. Religiöse Texte wie der Koran können dafür mögliche Grundsätze anbieten – nie aber präsentieren sie konkrete Handlungsanweisungen oder gar positives Recht.
Khorchide hat die Angriffe der Islamvereine vorerst überstanden. Ihnen ging es weniger um Fragen der Wissenschaftlichkeit, als um einen Machtkampf darum, welcher Islam im Klassenzimmer gelehrt wird. Als Vertreter eines humanistischen Islams leistet Khorchide täglich Emanzipationsarbeit gegenüber einer Tradition, die allzu oft um ihrer selbst willen reproduziert werde. Eine Tradition, die den Islam als Unterwerfung des Menschen vor Allah verstehe. In der unhinterfragte, jahrhundertealte Regeln den Alltag der Muslime bestimmen und seine Gruppe, die Umma, vermeintlich vor allen anderen Religionen auszeichnen.

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Jonathan Holst
Über Jonathan Holst 6 Artikel
Jonathan studiert Geschichte und Philosophie. Seit April 2014 schreibt er für den ALBRECHT. Sein Interesse gilt besonders Formen studentischer Selbstorganisation.

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