Publikumsbeschimpfung

Das Internet ist toll. Das Internet ist klasse. Das Internet lieben wir. Hier finden wir (fast) alles, was wir suchen. Graved Lachs aus den Phillipinen, Sneaker aus Kolumbien oder einfach nur die neuesten Schlagzeilen. Das meiste ist einen Klick und vielleicht noch eine Kreditkartennummer weit entfernt. So leicht hat man es nicht einmal, wenn man in einem Einkaufszentrum wohnt. Ich fühle mich gerade danach, den Shades of Grey-Soundtrack zu hören, weil mir das Lied von dem Kerl mit der Palmenfrisur so gefällt? Kein Problem! Ich will endlich die Ilias in einer ordentlichen Übersetzung in Leinen gebunden haben? Das Internet kann das! Ich möchte mich unter einem Artikel mit anderen Menschen gesittet zu einem Thema unterhalten? Das In- oh …. nein. Das geht nicht, das ist hier nicht vorgesehen.
Das World Wide Web kann so viel. Vom Arsch von Kim Kardashian bis hin zu Zeitungsartikeln aus den späten 70ern. Unter K finden sich Katzenvideos, Kriegsfilme mit koreanischen Untertiteln, Kochtipps und Kleinkunst – Kommentar (gesittet) sucht man vergeblich. Es ist nun einmal leider so, dass ein Computer und ein Internetanschluss keine wirklichen Hindernisse bieten. Online sein geht schnell, selbst Boris Becker bekam das damals hin. Mittlerweile haben auch Menschen wie Joe Biden das Web für sich entdeckt und natürlich auch der Idiot von nebenan, die Rassistin von gegenüber oder die drei Ironielegastheniker aus der Schulzeit.

Kommt es nun dazu, dass ein Mensch etwas öffentlichkeitswirksam sagt, das das Prädikat „streitbar“ rechtfertigt, geht es los. Jemand spricht sich gegen Mesut Özil als Nationalspieler aus, weil er seinen Glauben zelebriert und erhält Morddrohungen. Jemand beleidigt einen Staatspräsidenten und erhält Morddrohungen. Jemand mahnt, nicht blind zu hetzen, und wird Opfer blinder Hetze. Ob Alexandra oder Zinedine, Atheist oder Zoroastrier, aus Aachen oder Brazzaville, im Internet sind sie alle vereint. Es scheint, als gäbe es da draußen Menschen, die es sich zur Lebensaufgabe gemacht haben, jeden Tag mindestens fünf fremde Menschen von ihrem Schreibtisch aus unflätig zu beleidigen. Wir haben einen Ort der Kommunikation erschaffen, eine Stätte des Wissen, einen riesigen Fundus an Informationen zusammengetragen und beschäftigen uns dennoch am liebsten mit Katzen und Konflikten in Kommentarspalten. Rutscht dann mal wieder jemand auf dem Großhirn (lies: auf der Maus) aus, entbrennt eine Diskussion darüber, wie man dem entgegentreten soll und kann. Auf Seiten wie facebook wird Volksverhetzung scheinbar geduldet, solange keine weiblichen Warzenvorhöfe zu sehen sind. Zeitungen haben oft strikte Regeln, die politsche Extreme und unsachliche Bemerkungen liquidieren, bevor sie die Internetöffentlichkeit sehen kann.

Schon auf dem Schulhof teilen wir uns in drei Lager. Lager eins schlägt aufeinander ein, sobald es einen Dissens gibt. Lager zwei guckt zu oder feuert Lager eins an. Lager drei hat meistens geflochtene Zöpfe und geht dazwischen, sorgt für Frieden oder zumindest ein schlechtes Gewissen. Im Internet muss der Nutzer sich jeden Tag, jedes Mal aufs Neue entscheiden, welchem Lager sie oder er angehören will. Zu beachten ist, dass Lager drei nur auf der Administratorenebene existiert, normale Nutzer verhalten sich grundsätzlich aggressiv: draufhauen, dass die Tasten glühen oder weggucken, bis der Nacken schmerzt. Man könnte es sich leicht machen und wie die Schauspieler in Peter Handkes gleichnamigem Stück Publikumsbeschimpfung betreiben. In Australien und Kalifornien löscht man Waldbrände auch gerne mit Feuer – es wirkt. In der digitalen Welt funktioniert das leider nicht. Kein Kommentar kann Tastatur oder Touchscreen zerstören, auf Vernunft folgen sprachliche Korrekturen, damit die Diskussion schließlich mit Mutmaßungen über die Mutter des anderen und ihr Sexleben dann ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht. Im Bonuslevel finden sich noch Versicherungen, die gesamte Familie des anderen zu begatten oder auszunehmen, dererlei Absichtbekundungen lassen sich dann beliebig auf Haustiere und Möbel ausweiten. Unterm Strich ist das sinnlos, aber immerhin versprüht es den Sinn, etwas geleistet zu haben. Toll!

Manche Menschen gehen dabei so weit, sich an einem einzigen Wort aufzuhängen. Sie führen dann über einige Kommentare aus, was sie stört, begreifen die meisten Antworten nicht oder erst falsch und wenn man zu der Gruppe der Antwortenden gehört, verliert man hier nur wertvolle Lebenszeit an Internetgangster, die ihre Midlifecrisis im elterlichen Keller verbringen, ohne hier jemals ausgezogen zu sein. Bonuspunkte gibt es für die, die den Kommentar direkt mit allen Tippfehlern in ihren sogenannten Blog packen und veröffentlichen. So ein Blog existiert ja auch immer häufiger, früher hatte man Harndrang, heute einen Blog. Zugangsbeschränkungen? Ach, komm, lass mal!

Wäre es nicht sinnvoller, das Problem des Kommentierens insgesamt anzugehen? Unter der Annahme, dass die eifrigsten Kommentatoren eh nicht zu retten sind und ihre Artgenossen schon dem ersten vatikanischen Konzil Leserbriefe geschrieben haben, gibt es niemanden, der ernsthaft kommentieren muss. Kommentarspalten führen zu nichts, also bleibt der kluge Mitbürger ihnen fern. Alle anderen sind Rentner – denen sei der Spaß auf ihre alten Tage gegönnt – oder hoffnungslos und rein statistisch in der Minderheit. In ein paar Jahren sind erstere dann nicht mehr unter uns und zweiteren fehlt die nötige Reibung, um an dem ganzen Ineinanderkrachen noch Spaß zu haben. Das Feld dünnt aus, das Problem löst sich von selbst. Eine Art Quarantäne sozusagen. Vielleicht lässt sich dieser Misere so Abhilfe schaffen. Vielleicht klappt es so. Morgen gehen wir dann berühmte Idioten an. Jeden Tag die Welt ein kleines bisschen besser machen; heute Kommentare, morgen Kanye West, übermorgen die Kirchensteuer. Steter Tropfen höhlt den Stein. Dann muss ich auch nie wieder Drohungen lesen, die Küchengeräte und viel zu enge Körperöffnungen beinhalten.

Bildquelle: Wikimedia.Commons

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Über Paul Niklaus Stahnke 0 Artikel
Paul war seit Ende 2012 Teil der Redaktion. Neben der Gestaltung des Layouts schrieb Paul gerne Kommentare und ließ die Weltöffentlichkeit an seiner Meinung teilhaben. In seiner Freizeit studierte Paul Deutsch und Anglistik an der CAU.

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