Entweder ¡Siesta! oder ¡Adiós!

An deutschen Universitäten wird vieles beanstandet. Das Bildungsangebot werde nicht ausgeschöpft, der BAföG-Höchstsatz sei zu niedrig und obendrein sei auch noch das Essen in den meisten Mensen miserabel. Doch eines ist vielen deutschen Studierenden nach ihrem Studium wenigstens sicher: die Aussicht auf eine Anstellung. Dies gibt den meisten die Motivation sich im Studium zu engagieren. Sie wissen, dass sie sich anschließend in dem verwirklichen können, was sie jahrelang gelernt haben. Doch wie sieht es aus, wenn man in einem Land studiert, in dem die Arbeitslosenquote junger Menschen unter 25 Jahren bei knapp 56,5 Prozent liegt?

Infolge der internationalen Finanzkrise rutschte auch die spanische Wirtschaft 2008 in eine tiefe Rezension, aus der sie seitdem nicht wieder herausgelangt ist. Der Einbruch des Immobilienmarkts ließ zahlreiche Bankenkredite ins Leere laufen und stürzte das Land in die Krise. Seitdem häufen sich die Kündigungen und Zeitverträge. Unternehmen gehen pleite. In den Straßen prägen geschlossene Geschäfte und Restaurants das Stadtbild. Damit einhergehend: ein rapider Anstieg der Arbeitslosenzahl. Innerhalb eines Jahres verdoppelte sie sich und liegt heute bereits dreimal so hoch wie vor der Krise. Und in diesem Land studieren nun 1,5 Millionen Nachwuchskräfte an den Universitäten. Doch wofür, wenn anschließend noch nicht einmal Arbeit in Aussicht steht? „Viele junge Menschen studieren, weil sie keine wirkliche Alternative haben“, meint Juanjo, ein junger Lehramtsstudent. Er studiert im vierten Semester an der Universität in Sevilla. Seine Hoffnung, selber einmal als Lehrer in Spanien zu arbeiten, ist gering, dennoch entschied er sich für ein Studium. „Bevor ich gar nichts mache, studiere ich lieber“, sagt er. Die Voraussetzung hierfür sind mittlerweile jedoch reiche Eltern, denn die wachsende Staatsverschuldung erfordert einen dringenden Sparkurs der Regierung. Dies bedeutet auch, dass weniger Geld in Forschung und Bildung investiert werde. Staatliche Studienförderungen werden nicht nur gekürzt, sondern gleichzeitig auch die Zugangsbedingungen hierfür verschärft. Aus Geldmangel wohnen daher die meisten Studierenden noch bei ihren Eltern. Zusätzlich verlangen die Universitäten mehr Geld von den Studierenden. Wird eine Prüfung nicht bestanden, zahlt man für dieses Fach im kommenden Semester das Doppelte. Dies ist der Grund, weswegen viele Studierende ihr Studium abbrechen müssen. Doch was machen nun all diejenigen, die gar nicht über das Geld verfügen, um eine Universität zu besuchen oder die ihr Studium nicht weiter finanzieren können? Die simple Antwort lautet: Nichts.

Auf die Frage, ob sie nach dem Studium eine Arbeit finden werden, erhält man, unabhängig von Studienfach und Semester, ein müdes Lächeln und ein klares und bestimmtes Nein. „Die einzige Möglichkeit nach dem Studium eine Arbeit zu finden, ist über persönliche Kontakte. Ansonsten kann man höchstens als Kellner in einem Restaurant oder hinter der Theke einer Fastfood-Kette arbeiten“, entgegnet Alfonso, ein 20-jähriger BWLStudent aus Las Palmas. Seine Mutter ist arbeitslos und auch die Schwester sucht bereits seit knapp zwei Jahren mit einem abgeschlossenen BWL–Studium eine feste Anstellung. Kein Wunder, dass man da den Mut verliert. Aber es gibt noch eine weitere Alternative, die den jungen Menschen eine Perspektive bieten soll. Wenn es in Spanien schon keine Arbeit gibt, dann muss man sich einen Job in einem anderen Land suchen. Als das Paradies erscheint vielen Studierenden hierbei Deutschland. Und mit dem politischen Oberhaupt sind sie ohnehin schon bestens vertraut. „Merkel ist schon seit Jahren auch das inoffizielle Staatsoberhaupt Spaniens“, witzelt Juanjo. Um den Neustart im Ausland zu erleichtern, bekommen die jungen Menschen Unterstützung. Das Sonderprogramm zur Förderung der beruflichen Mobilität von ausbildungsinteressierten Jugendlichen und arbeitslosen jungen Fachkräften aus Europa eröffnet beispielsweise interessierten Jugendlichen aus Mitgliedstaaten der EU eine berufliche Perspektive in Deutschland. Der Erfolg dieser Programme bleibt abzuwarten.

Es bleiben also zwei Möglichkeiten: entweder man wohnt auch nach dem Studium bei seinen Eltern und verbringt seinen Tag mit Kaffee trinken oder man geht zum Arbeiten ins Ausland. Kein Wunder also, dass Wut, Verzweiflung und Hoffungslosigkeit unter den spanischen Studierenden deutlich zu spüren sind. Ihre Empörung richtet sich dabei vor allem gegen die Regierung. Es gibt nur zwei führende Parteien in Spanien, doch die Wahl zwischen ihnen ist, nach Meinung der Studierenden, wie die zwischen Pest und Cholera. „Die Regierung hat alles falsch gemacht. Sie sind korrupt und investieren viel zu wenig in das landesinterne Bildungssystem“, entrüstet sich Alfonso. Selbst wenn er sein Studium erst in vier Jahren beenden wird, rechnet er fest damit in Spanien keine Arbeit zu finden. Doch für eine Arbeit im Ausland fühlt er sich vollkommen unvorbereitet. Insbesondere die Sprachausbildung der Spanier sollte unter dem Aspekt der Arbeitssuche im Ausland stärker gefördert werden. Viele beherrschen noch nicht einmal die Grundlagen der englischen, geschweige denn einer anderen europäischen Sprache. So ist es nicht verwunderlich, dass spanische Studierende verzweifelt Tandem-Partner suchen, um eine andere Sprache zu erlernen. Und auch die deutschen Schulen des Landes haben ihre Aufnahmebedingungen verschärft, da der Andrang immer größer wird. Wenn die Regierung nicht fördert, muss man selbst aktiv werden. Doch nach dem Studium zum Arbeiten direkt ins Ausland zu gehen, bedeutet nicht nur eine fremde Sprache erlernen zu müssen. Auch eine fremde Kultur und Entfernungen von Familie und Freunden müssen berücksichtigt werden. Das bereitet Vielen zusätzlich Kummer und Sorgen. „Es ist schrecklich mit dem Gefühl und der Gewissheit zu leben, das Land verlassen zu müssen. Was wird mit all meinen Freundschaften passieren, wenn ich einmal so weit weg bin?“, fragt sich Alfonso. So ist die Kehrseite der Hoffnung auf Arbeit die Furcht vor der Einsamkeit.

Die jungen Menschen haben das Vertrauen in ihr eigenes Land verloren. Die Enttäuschung geht sogar so weit, dass sie gar nicht mehr nach Spanien zurückkehren wollen. „Ich habe auf der einen Seite Angst in ein anderes, fremdes Land zu gehen. Auf der anderen Seite bietet es mir die Möglichkeit diesem Land zu entfliehen. Ich will nie mehr zurück“, erzählt die 24-jährige Architekturstudentin Rocio. Sie steht kurz vor ihrem Abschluss und hat keinerlei Zukunftsperspektiven. Ihre Verzweiflung berührt, Tränen stehen ihr in den Augen. Existenzängste rauben ihr den Schlaf, sie weint häufig und macht sich so viele Sorgen, dass sie manchmal ihr Bett kaum verlässt. In Deutschland spricht man hierbei von ersten Anzeichen einer Depression und man fragt sich, ob sich Spanien dieser massiven psychischen Belastung bewusst ist. Doch was tut man nun mit dieser ausweglos erscheinenden Situation? Der idealistische Studierende studiert Lehramt, um selbst etwas am Bildungssystem zu verändern. Der Rest resigniert. Sie haben gekämpft, demonstriert und Unterschriften gesammelt. Doch inzwischen werden Demonstration nur noch als ‚ein Haufen schreiender Menschen‘ wahrgenommen.

Betrachtet man die Zahlen, so zeichnet sich eine leichte Verbesserung ab. Im 3. Quartal des Jahres legte die Wirtschaftsleistung laut Schätzung der spanischen Notenbank um 0,1 Prozent zu. Doch der Hoffnungsschimmer erreicht die Studierenden nicht mehr. Dass in den nächsten Jahren wesentliche Veränderungen in Spanien geschehen, glaubt vor Ort kaum noch einer. So bleibt ein Gefühl der Ernüchterung und man muss sich fragen, wer dieses Land wieder aufbauen und aus der Krise führen soll, wenn sich der talentierte Nachwuchs ins Ausland absetzt – ohne den Willen, zurückzukehren.

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Seit dem Wintersemester 2012/2013 bereichert Anja die Redaktion. Nach einem Auslandssemester auf Gran Canaria, beendet sie nun ihr Studienfach Psychologie mit ihrer Diplomarbeit.

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Seit dem Wintersemester 2012/2013 bereichert Anja die Redaktion. Nach einem Auslandssemester auf Gran Canaria, beendet sie nun ihr Studienfach Psychologie mit ihrer Diplomarbeit.

1 Kommentar

  1. Ich bin auch zur Zeit als Erasmusstudentin in Granada. In den knapp 3 Monaten, in denen ich hier bin, gab es schon 2 große Bildungsstreiks und immer mal kleinere in den Fakultäten. Granada ist glaube ich noch eine Stadt, der es verhältnismäßig gut geht, aber auch hier zeigt sich die Krise… Aussichtslosigkeit auf einen Arbeitsplatz, die Studenten versuchen neue Sprachen zu lernen… Die Sprachkurse kosten viel und viele ausländische Firmen verlangen ja ein offizielles Zertifikat (meistens über B2), um im Ausland arbeiten zu können. Deswegen verlangen die Studenten auch in Streiks, dass Sprachkurse bis B2 an der Uni gemacht werden können – bisher erfolglos. Und jetzt wurde auch für diejenigen, die nicht sowas wie Bafög bekommen, ein Teil des Erasmusgeldes gestrichen… Mal sehen, wie es in diesem Land weitergeht…

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