Vom Freund zum Feind

Was hinter den geschlossenen Türen von Sekten geschieht

Bild: Eileen Linke

Ein abgedunkelter Raum, nur erhellt von tropfenden Kerzen, die flackerndes Licht auf Gestalten in langen Gewändern werfen. Ein monotones Mantra, sich immer wiederholend, vorgelesen aus einem alten Buch. Ein Anführer, der die Arme zum Gebet erhoben hält, während seine Lämmchen ergeben vor ihm auf dem Boden knien.

Ein Bild, das viele im Kopf haben, wenn sie an Sekten denken. Und doch entspricht es selten der Wahrheit. Oftmals ist es so, dass Betroffene erst merken, dass sie in einer Sekte sind, wenn sie sich in ihren Fängen schon zu sehr verstrickt haben. Ohne Hilfe schaffen sie es dann oft nicht mehr heraus. Doch was sind Sekten eigentlich? Wie schaffen sie es, teilweise tausende Mitglieder zu gewinnen? Wer sind ihre Anführer*innen und kann auch ich selbst Opfer werden?

Was ist eine Sekte?

Zuallererst sollten wir den Begriff „Sekte” klären, denn genau genommen sind viele von uns Anhänger*innen ehemaliger Sekten. Das liegt daran, dass Sekten Gemeinschaften sind, die sich von den Weltreligionen, oder Mutterreligionen, abspalten. Und so hat sich auch beispielsweise das Christentum vom Judentum abgespalten und war deswegen zuerst eine jüdische Sekte mit Jesus als Anführer, einem der wohl bis heute einflussreichsten Sektenführer aller Zeiten.

Dass wir heute beim Christentum aber nicht mehr von einer Sekte sprechen, liegt daran, dass es sich inzwischen selbst zur Weltreligion entwickelt hat. „Sekte” ist ein negativ behafteter Begriff, der bei uns direkt eine Assoziation mit dem Bösen hervorruft. Wir denken an Charles Manson, aber nicht an die Kirche. Eine Sekte als solche ist eigentlich nichts Schlimmes. Menschen, die ihren Glauben in den gängigen Religionen nicht vollends ausleben können, gruppieren sich, um ihre eigenen Vorstellungen miteinander zu teilen und miteinander zu leben. Das fällt unter die Religionsfreiheit.

„Wenn jemand also fragt: ‚Ist das eine Sekte?’”, erklärt Sabine Riede, Geschäftsführerin des Vereins Sekten-Info NRW, “möchte die Person eigentlich wissen: ‚Geht eine Gefahr von dieser Glaubensgemeinschaft aus?’”

Prinzipiell zählen zu Sekten alle in der Moderne gegründeten religiösen oder spirituellen Gruppen. Und darunter gibt es einige Sekten, die nicht harmlos sind. Gesteigertes mediales Interesse an diesen Gruppen gibt es vor allem seit den 1960er Jahren. Damals entstanden einige der bekanntesten Sekten wie People’s Temple oder The Manson Family, die ihre Berühmtheit durch besondere Gewalt, Morde und Suizide bekamen. Hier ergibt sich die Kontroverse: die Religionsfreiheit auf der einen Seite, in die sich weder Staat noch die Gesellschaft einzumischen haben, und auf der anderen die Menschenrechtsverletzung, der fehlende Schutz der Mitglieder vor (sexueller) Gewalt und die finanzielle Ausbeutung, die oft in einer Sekte zum Alltag gehören.

Peoples Temple:

Am 18. November 1978 starben 909 Menschen – darunter 276 Kinder – in Jonestown, Guyana. Dieses Ereignis gilt als der größte Massensuizid der jüngsten Geschichte. Bei den Personen handelte es sich um Mitglieder des People’s Temple, einer 1956 in Indianapolis von Jim Jones gegründeten Sekte. Jones war ein, zu damaligen Zeiten, progressiver Pfarrer, der die Rassendiskriminierung verachtete und daher eine Kirche schaffen wollte, in der weder die Hautfarbe, das Alter, noch das Einkommen eine Rolle spielte. 1965 zog er mit 150 Anhänger*innen nach. Ende der 60er Jahre hatte er mehr als 400 Mitglieder in seiner Kirche.

Die Menschen wurden von seiner Vorstellung einer idealen Welt angezogen, in der alle Menschen gleich seien. Außerdem war Jones ein charismatischer Redner, der während seiner Predigten auch “Wunderheilungen” praktizierte, bei denen er zum Beispiel eine angeblich gehbehinderte Frau wieder laufen lassen konnte. Zu der Zeit wurden mediale Berichte laut, dass es in der Kirche zu Drogenexzessen und Missbrauch an Frauen und Kindern kommen solle. Deswegen pachtete Jones ein 16 Quadratkilometer großes Stück Land in dem südamerikanischen Guyana. Dort gründete er „Jonestown”, eine hermetisch abgeriegelte Stadt mit einer sozialistischen Gesellschaft von etwa tausend Anhänger*innen. Alle Bewohner*innen verkauften dafür ihre Häuser und gaben ihre Ersparnisse dem People’s Temple.

Schon in Kalifornien veranstaltete Jones sogenannte „White Nights”, bei denen er den Menschen erzählte, dass die Getränke vergiftet seien – was nicht der Fall war. So wollte er die Loyalität seiner Anhänger*innen prüfen und sie so sehr abstumpfen, dass sie irgendwann wirklich Gift trinken würden. Am 17. November 1978 besuchte der US-Kongressabgeordnete Leo J. Ryan mit einem Reporterteam die kleine Kolonie, weil in den Staaten Berichte über Gewalt und Misshandlungen auftauchten und er eine Untersuchung durchführen wollte. Jones sorgte dafür, dass die Gemeinschaft einen positiven Eindruck machte, doch das Team bekam Zettel mit Hilferufen zugesteckt. Am nächsten Tag wollten Ryan und die Reporter mit einigen Mitgliedern des Tempels abreisen. Am Flugplatz wurden sie jedoch von anderen Tempelmitgliedern beschossen. Ein Tempelmitglied, drei Reporter und Ryan starben.

Am Abend rief Jones alle anderen Anhänger*innen zusammen und ließ sie in dem Glauben, dass nun Leute kommen würden, um sie alle zu töten. Er sagte ihnen, dass ein revolutionärer Suizid die einzige Möglichkeit sei. Für ihn schien es wiederum die einzige Lösung zu sein, um der Justiz zu entgehen. Teils freiwillig und teils mit Waffengewalt gezwungen, tranken alle ein mit Zyankali vergiftetes Getränk, das auch den Kindern eingeflößt wurde. Einige Mitglieder wurden auch erschossen. Etwa 80 Mitglieder überlebten. Der Begriff „Massensuizid” ist für sie nicht unbedingt treffend, denn sie sagen, dass Jones sie dazu gezwungen hätte.

Wer mehr über den Peoples Temple erfahren möchte, kann sich hier Stanley Nelsons Dokumentarfilm von 2006 anschauen:

Was geschieht innerhalb von Sekten?

Die Mitglieder einer Sekte glauben alle an dieselbe Sache. Hierbei kann es sich um religiöse Anschauungen jeder Art handeln, um Spiritualität oder auch um Methoden zur Selbstfindung und -verbesserung. „Was für den einen eine Sekte ist”, sagt der amerikanische Psychiater Robert Jay Lifton, der einige bedeutende Abhandlungen zu Sekten geschrieben hat, „ist für den anderen eine Religion.”

Alles beginnt mit einer Ideologie, die von der anführenden Person verbreitet wird. In vielen Fällen wird diese auch von der Person selbst geglaubt, meistens handelt es sich dabei jedoch um ein Mittel zum Zweck, um mehr Menschen für sich zu gewinnen und diese dann zu bestimmten Handlungen zu bringen, wie bespielsweise Überweisung von Geld und die Aufgabe der persönlichen Habseligkeiten.

“In den meisten Fällen steht eine Person, in der Regel der Gründer, an der Spitze der Gruppe und alle Entscheidungen werden letztlich von dieser einen Person getroffen”, schreibt Margaret T. Singer, inzwischen verstorbene Psychologin und Expertin für Sekten, die auch einigen Mitgliedern des People’s Temple beim Ausstieg geholfen hat. “Der Führer wird als die höchste Autorität betrachtet, auch wenn er gewisse Machtfunktionen an ein paar Unterlegene delegiert, die dann darüber wachen, dass die Mitglieder seinen Wünschen und Regeln Folge leisten, ändert das nichts am Prinzip. Es gibt kein übergeordnetes System der Gerechtigkeit. In einer Sekte hat in allen Fragen der Führer das letzte Wort.”

Bei dieser anführenden Person kann es sich sowohl um Männer (der Anteil an Männern überwiegt) als auch um Frauen handeln. So war zum Beispiel Bonnie Nettles die zweite Anführerin der Heaven’s Gate-Sekte und Joyce Green gründete den Kashi Ashram.

Die Anführenden bedienen sich einiger Techniken zur Manipulation und Gedankenkontrolle, damit neue Mitglieder nicht mehr aus der Gemeinschaft herauskommen. Die Gruppe ist dahingehend strukturiert, dass es einen inneren, meist geheimen Kern gibt. Ziel der Mitglieder ist es, Teil des Kerns zu werden. Diese Struktur wird durch das Auslassen bestimmter Informationen, Lügen oder durch die Verzerrung der Realität geschaffen. Nach außen hin präsentiert sich die Gruppe oft unverfänglich, etwa als Bibelkreis, Gruppe für Persönlichkeitsentwicklung oder Yoga-Gemeinschaft. Neue Mitglieder werden mit Gratisangeboten gelockt und dann unter Druck gesetzt, die weiteren Angebote der Gemeinschaft wahrzunehmen. Um Zweifel im Vorhinein zu zerstreuen sind die Neuen ununterbrochen von alten Mitgliedern umgeben, die den Anschein einer glücklichen Gemeinschaft wahren.

Dann kommt es in den meisten Fällen zum sogenannten „Love-Bombing”. Dadurch bekommen die Neuen mehr Selbstbewusstsein, fühlen sich verstanden, akzeptiert und werden sich weiterhin so fühlen wollen.

Nun beginnt die Gemeinschaft mit der Verbreitung ihrer Botschaften. Sie haben eine bestimmte „Mission”, zum Beispiel die Welt vor den Sünden und dem Untergang zu retten. Die Botschaft dabei ist klar: Alles, was nicht zum Vorteil der Gruppe, der Anführenden und deren Ziel getan wird, ist wertlos. Selbstbestimmung ist tabu.

Kontrolle wird durch bestimmte Vorgehensweisen ausgeübt. Die Mitglieder leben alle zusammen, tragen teilweise dieselbe Kleidung und essen das Gleiche – wobei der*die Anführer*in bestimmt, was gegessen wird. Teilweise bekommen die Mitglieder nur zwei oder drei Stunden Schlaf, weil sie entweder mitten in der Nacht für Meditation oder Gebete aufstehen müssen, mehrmals geweckt werden oder zum Beispiel mit Lautsprecherbeschallung wachgehalten werden. So beschreibt beispielsweise Hue Fortson, ehemaliges Mitglied des People’s Temple in einer Arte-Dokumentation von 2006: „Wenn du ständig wach und beschäftigt bist und du dich schuldig fühlst, weil du dir den Luxus gönnst auszuschlafen, dann hörst du irgendwann auf, selbst zu denken. Also ließ ich Jim Jones für mich denken. Ich habe meine Bürgerrechte an ihn abgetreten, wie viele andere damals auch.“ Ein anderes Mitglied des Tempels sagte, dass sie einmal sechs Tage lang wach gewesen sei.

Auch psychische Gewalt ist Teil der Manipulation. 2018 hat sich der Reporter Frank Seibert für das YouTube-Format „Die Frage” mit Maria getroffen, die in einem buddhistischen Kloster mit sektenähnlichen Strukturen gelebt hat. Mit 16 Jahren ist sie dort ausgestiegen. Sie erzählt von ihren Erfahrungen, die sie gemacht hat: „In der Zen-Schule, damals war ich 14, hatten wir eine Übung, bei der wir aufschreiben sollten, was uns tief im Inneren verunsichert. Ich saß auf dem Boden und einer der Meister ist dazugekommen. Er beschuldigte mich mit genau diesen Ängsten und schrie mich an. Solange, bis ich wirklich tränenüberströmt dasaß und nicht mehr wusste, wer ich bin.”

Damit Anhänger*innen auch weniger Zeit zum Nachdenken haben, werden ihnen körperliche Arbeiten auferlegt und es werden „Gedankenstopp-Techniken” angewendet. Dazu gehören stundenlange Meditation, Singen, Tanzen, rhythmische Sprechgesänge und die Schaffung von Trancezuständen. In diesen Zuständen sind die Anhänger*innen empfänglicher für die Botschaften der Anführer*innen. Vor allem die körperliche Arbeit gehört zum Alltag. „Irgendwann gab es im Tempel so viel zu tun, dass einige das als Vollzeitarbeit machten. Vollzeit, das hieß im Tempel 20 Stunden am Tag schuften”, berichtet Neva Sly Hargrave, ebenfalls Ex-Mitglied des People’s Temple.

„Sekten neigen dazu, totalitäre oder allumfassende Kontrolle über das Verhalten ihrer Mitglieder auszuüben”, erklärt Singer. „Sie sind meist auch totalitär in ihrer Ideologie und neigen zum Fanatismus und Extremismus in ihrer Weltanschauung. Die meisten Sekten erwarten von ihren Mitgliedern früher oder später – meist früher –, dass sie zunehmend mehr Zeit, Energie und Geld oder andere Ressourcen für die Ziele der Gruppe einsetzen.” Dafür geben die Mitglieder alles auf: ihre Familien, ihren Wohnsitz, ihr Geld, ihre Selbstbestimmtheit – und oft ihr Leben.

Die Gruppe wird von der Außenwelt isoliert. Das geschieht einerseits durch die Erschaffung von Feindbildern, Sündenböcken und einer „Wir-gegen-die“-Mentalität. Das frühere Leben wird dämonisiert und das neue Leben in der Gemeinschaft geheiligt. Außerdem werden die Mitglieder von ihrer Familie und Freunden getrennt, denn diese seien Ungläubige und würde von der Mission ablenken. Dadurch werden die Mitglieder in vollem Maße abhängig von der Gemeinschaft und von den Anführer*innen. „Die übliche Philosophie von Sekten ist jedoch, dass der Zweck die Mittel heiligt, eine Sichtweise, die zulässt, dass sich Sekten ihre private Moral schaffen, jenseits der gesellschaftlichen Normen”, so Singer.

Die Furcht, dass ihnen etwas Schlimmes zustoßen könnte, wenn sie die Gruppe verlassen, ist oft der Grund, dass die Mitglieder trotzdem bleiben. Ihnen wird wiederholt gepredigt, dass sie ohne die Gemeinschaft krank werden können oder sogar sterben. In religiös geprägten Gruppen würden sie sich den Zorn Gottes zuziehen und als Sünder*in leben.

Daher können Außenstehende auch oft nicht helfen, in vielen Fällen ist ihnen sogar nicht bewusst, was genau in der Sekte vor sich geht. Alle Anhänger*innen sind zu totaler Geheimhaltung verpflichtet. Dass trotzdem so viel über die Organisation bekannt ist, liegt daran, dass sich entweder Betroffene nach ihrer Flucht oder nach Auflösung der Sekte trauen, über ihre Erfahrungen zu sprechen oder dass durch polizeiliche Ermittlungen Informationen an die Öffentlichkeit getragen werden.

The Manson Family:

Zu den berühmtesten Serienmördern der letzten Jahrzehnte gehört der US-Amerikaner Charles Manson, und das obwohl er selbst nie einen Mord begangen hat. Er brachte Anhänger*innen seiner kleinen und sektenähnlichen Gemeinschaft dazu, für ihn diese Taten auszuführen.

Seine Jugend verbrachte Manson größtenteils in Strafanstalten. Als er seine Sekte im Sommer 1967 gründete, war er 32 Jahre alt und erst einige Monate zuvor entlassen worden. Zu dem Zeitpunkt hatte er 17 Jahre seines Lebens im Gefängnis verbracht. Er zog daraufhin nach Berkeley, wo er mit einigen jungen Frauen und Männern der Hippie-Bewegung zusammenzog. Sie praktizierten die freie Liebe und nahmen LSD. Mit einem alten Schulbus fuhren sie durch das Land und ihnen schlossen sich mehr Anhänger*innen an. Am Ende blieben sie in Los Angeles.

Manson war der Anführer der Gruppe und verbreitete so seine rassistisch und frauenfeindlich geprägte Philosophie. Mit Drogen und Gruppensex lockte er neue Mitglieder an. Psychische und physische Gewalt gehörten in der Kommune zum Alltag. Manson sorgte dafür, dass seine Anhänger*innen fast durchgehend unter dem Einfluss von LSD standen, sodass sie leichter zu manipulieren waren. Er erzählte ihnen auch, er sei die Reinkarnation von Jesus Christus. Außerdem prophezeite Manson einen Rassenkrieg, doch als dieser nicht ausbrach, wollte er nachhelfen und plante 1969 daraufhin Morde an weißen Menschen, um diese dann so aussehen zu lassen, als wären sie von Schwarzen begannen worden. Zu den Opfern gehörte auch die schwangere Schauspielerin Sharon Tate, wodurch der Fall großes mediales Interesse erlangte.

Die Taten wurden von vier seiner Mitglieder begangen, darunter drei Frauen. Insgesamt ermordeten sie neun Menschen, es handelte sich bei den meisten um eine Übertötung. Manson wurde, auch wenn er nur anwesend war und nicht selbst tötete, wegen siebenfachen Mordes und Verabredung zu Mord zum Tode verurteilt. 1972 wurde in Kalifornien die Todesstrafe abgeschafft und das Urteil zur lebenslangen Haft geändert. Im November 2017 starb Manson. Doch bis heute hält sich eine gewisse Faszination für seine Person, sei es durch seinen Lebensstil, seinen Charakter oder die Gewalt, die er zu verantworten hatte. Auch in der Popkultur ist er verankert, so hat sich der Musiker Marilyn Manson von ihm zu seinem Künstlernamen inspirieren lassen.

Wer sind die Anhänger*innen?

Zielgruppen solcher Gemeinschaften sind meist Personen, die auf der Suche nach einem Sinn in ihrem Leben sind. Dazu gehören unter anderem leicht beeinflussbare junge Menschen, die offen für andere Weltanschauungen sind. In den 1960er Jahren waren das vor allem Anhänger*innen der Gegenkultur und Hippie-Bewegung, die aus den damals bestehenden gesellschaftlichen Normen ausbrechen wollten. Auch Menschen, die mit ihrer bestehenden Religion unzufrieden sind, lassen sich leicht zu Sekten abwerben oder gründen ihre eigenen Gemeinschaften. Christen beispielsweise bilden dann freie Kirchen, oftmals in Verbindung mit eigenen Schulen.

Ziel sind jedoch auch Personen, die in eine neue Stadt gezogen sind und nach Anschluss suchen. Sie geraten so in das Visier solcher Gemeinschaften. Der amerikanische Sozialwissenschaftler Ben Zablocki sagt dazu: „Wir sind darauf programmiert, Herdentiere zu sein. In der Sektenforschung wurden zahlreiche Untersuchungen durchgeführt, um herauszufinden, welche Menschen gefährdet sind, in eine Sekte zu geraten. Die wissenschaftlichen Bemühungen scheiterten. So muss angenommen werden, dass wir alle potenziell gefährdet sind.” Die meisten von uns glauben, dass sie immun seien gegen jede Form der Indoktrinierung. Das kommt daher, dass viele Botschaften und Glaubensrichtungen dieser neuen Bewegungen dem gesunden Menschenverstand widersprechen. Doch unter bestimmten Voraussetzungen sind wir alle beeinflussbar. Es gibt keine Charaktereigenschaften, keinen Bildungsgrad und keine soziale oder gesellschaftliche Lage, die vor solchen Gruppen schützt.

Was macht Sekten so gefährlich?

Die Gefahr besteht in der Gewalt, die in solchen Gemeinschaften ausgeübt wird. Menschenrechte werden missachtet, Personen werden verletzt oder sogar getötet. In manchen Fällen, wie dem des People’s Temple oder Heaven’s Gate, kam es zu Massensuiziden.

Dadurch, dass die Anführer*innen bestimmen, was und wieviel gegessen wird, kann es zu Mangelernährung kommen. Außerdem festigen sie in vielen Fällen ihre Autorität durch Schläge oder andere Arten von Folter. Nicht selten kommt es zu sexueller Gewalt, wie beispielsweise bei der Gruppe um Joyce Green, die während einer Yogastunde ihre spirituelle Erweckung fand und daraufhin 1976 ihren Kashi Ashram gründete. Sie predigte ihre Auslegung des Hinduismus und zur erfolgreichsten Zeit lebten rund 200 Menschen in ihrem Ashram. Joyce Green verheiratete ihre jüngste Tochter, die damals 14 Jahre alt war, mit einem 25 Jahre alten Mann, der sie dann mehrfach vergewaltigte. Ziel war es, dass die Tochter schwanger werde und neue Mitglieder zeuge.

Häufig wird Sex als Kontrollmittel eingesetzt. So behauptete Jim Jones, Anführer des People’s Temple, dass eigentlich alle Menschen homosexuell seien, vermutlich, um damit seine eigenen homosexuellen Neigungen zu erklären. Während er seinen Anhänger*innen Sex untersagte, missbrauchte er viele seiner Mitglieder, männliche und weibliche, und legitimierte dies mit seiner Stellung. Auch Charles Manson brachte seine Anhängerinnen dazu, für Drogen und Unterkunft Sex mit Männern zu haben.

Scientology:

1954 gründete der amerikanische Science-Fiction-Autor Lafayette Ronald Hubbard die Church of Scientology in den USA. Die Mutterkirche steht in Los Angeles. Inzwischen gibt es weltweit viele weitere Kirchen, auch in Hamburg steht eine.

Streng genommen handelt es sich hier nicht um eine Sekte, sondern um ein Angebot des Psychomarktes. Die Lehre von Scientology bezieht sich auf die Schriften von Hubbard, wie seinem Buch Dianetik über Psychotechniken. Hubbard war der Ansicht, mit seinen psychotherapeutischen Ansätzen das Leben der Menschen zu verbessern und er behauptete, alles Übel auf der Welt wie Krieg, Verbrechen oder Armut beseitigen zu können.

Scientolog*innen glauben, dass in Menschen ein „Thetan” steckt. Dieser würde durch traumatische Ereignisse negativ beeinflusst und die Scientology-Technologien könnten das wieder richten. Dazu gehört beispielsweise das „Auditing”, eine Gesprächstherapie mit „Rückführung in vergangene Leben”.

Kritiker*innen sagen, dass bereits das „Auditing“, das oftmals den ersten Kontakt mit Scientology darstellt, eine Manipulation darstellt. Hubbard wurde daher auch 1978 in Frankreich wegen Betrugs zu vier Jahren Gefängnis verurteilt. Das Urteil wurde jedoch nie vollstreckt, da Hubbard sich zu dem Zeitpunkt nicht mehr in Frankreich aufhielt. Tatsächlich baut das System von Scientology auf mehreren OT-Stufen auf. Um eine Stufe aufsteigen zu können, müssen die Mitglieder bestimmte Kurse absolvieren, die viel Geld kosten. Außerdem werden sie dazu verpflichtet, möglichst viel zu spenden. So müssen Mitglieder, um „clear” zu werden, etwa 100 000 Euro ausgeben, sagt Sabine Riede. Viele Kritiker*innen finden es auch problematisch, dass es bei Scientology das Office of Special Affairs (OSA) gibt. Das OSA präsentiert sich als Pressestelle, eigentlich handelt es sich jedoch um einen Geheimdienst, der die Mitglieder und die Berichterstattung überwacht.

In einer Folge von Planet Wissen aus dem Jahr 2015 sprechen Sabine Riede und Aussteiger Wilfried Handl, der 28 Jahre lang bei Scientology war, über die Geschehnisse hinter den Kulissen von Scientology:

Was passiert mit Kindern in Sekten?

Vor allem wenn Kinder mit im Spiel sind, wird die Gemeinschaft zur Gefahr, wie beispielsweise bei der Gruppe der Weltdiener. Dabei handelt es sich um eine neue Gemeinschaft um den Guru Gerhard Lebok aus Franken, der einen Ashram aufbauen will. Er predigt eine Mischung aus Esoterik und Hinduismus. Ein Ehepaar hat sich ihm angeschlossen und ihre Kinder mitgenommen. Eine TV-Dokumentation des WDR zeigte 2012 die Zustände, in denen die Kinder lebten. Die Weltdiener sind der Ansicht, dass auch in Kindern die Seelen von Erwachsenen stecken, daher sei ihnen auch körperliche Arbeit zuzumuten. Sie durften nicht spielen, mussten jeden Tag um vier Uhr morgens aufstehen, um zu meditieren. Die Eltern verkauften ihr Heim und zogen in ein heruntergekommenes Haus ohne richtige Wasseranschlüsse oder Heizungen.

Die Kinder bekamen keine Medikamente, waren nicht krankenversichert und durften auch keine angemessene Bildung erhalten. Einem der Söhne war es verboten, seine Brille zu tragen, die Eltern wiederum trugen ihre Brille. Die Lebensgefährtin des Gurus hat drei Kinder, die im Jugendalter flüchteten, weil eines von ihnen fast an einer Krankheit gestorben wäre. Für den Guru gelten die Regeln übrigens nicht – er lebt in einem ordentlichen Haus und lässt sich von seinen Anhänger*innen bedienen. Er behält die meisten Einkäufe und darf alles essen, während die Kinder oft unter Hunger leiden. 2013 schritten die Behörden ein und entzogen den Eltern das Sorgerecht.

Auch die anderen genannten Beispiele von Sekten zeigen, dass Gewalt und Verbrechen zum Alltag der Anhänger*innen gehören. Nicht immer muss eine körperliche Misshandlung vorliegen, um die Betroffenen langfristig zu schädigen. Oft reichen die soziale Isolation und der Verlust der Familie aus. Da wir alle in so ein Netz geraten können, müssen wir jederzeit hinterfragen, was die wahren Beweggründe der Anführer*innen sind, bevor wir zu deren Veranstaltungen gehen. Wir müssen auf uns und unsere Mitmenschen Acht geben. Denn mit wahrem Glauben hat die Aufgabe des eigenen Ichs nichts zu tun.

Falls ihr Personen aus eurem Umfeld kennt, die sich in solch einer Gemeinschaft befinden, oder selbst in einer seid, gibt es in Deutschland einige Sekten-Beratungsstellen, bei denen ihr Hilfe bekommen könnt. Zum Beispiel die Sekten-Hilfe NRW:

http://www.sekten-info-nrw.de

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Autor*in

Eileen studiert BWL und ist seit Oktober 2018 Teil der Redaktion. Sie leitete von Februar 2019 bis Februar 2020 das Ressort für Gesellschaft. Seitdem ist sie die stellvertretende Chefredakteurin. Außerdem werden viele der Illustrationen im Albrecht von ihr gezeichnet.

Eileen Linke
Über Eileen Linke 21 Artikel
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