Von Psychoterror bis sexuellem Missbrauch

Das Kieler Frauenhaus bietet Opfern von Gewalt Schutz

von Johanna Touoda

Frauenhaus // jt

01. März 2018

Das Kieler Frauenhaus bietet Opfern von Gewalt Schutz

Bedroht, gedemütigt, geschlagen – laut aktuellen und umfassenden polizeilichen Untersuchungen hat mindestens jede vierte Frau in Deutschland schon einmal in ihrem Leben körperliche oder sexuelle Gewalt in ihrer Partnerschaft erlebt.

Um anderen Frauen und ihren Kindern, die von häuslicher Gewalt betroffen sind, einen anonymen Schutz- und Zufluchtsort zu bieten, haben sich vor 40 Jahren zum ersten Mal Frauen in Deutschland zu einer Initiative zusammengetan. Das erste Frauenhaus in Schleswig-Holstein wurde 1977 in Rendsburg gegründet und im darauf folgenden Jahr entstand solch eine Einrichtung auch in Kiel. „An der Eröffnung im Februar 1978 waren neben vielen ehrenamtlichen Frauen auch zahlreiche Studentinnen beteiligt und schon am zweiten Tag war die Einrichtung in Kiel voll“, erzählt Stephanie Röstel, Mitarbeiterin der Beratungsstelle Die Lerche. Die Beratungsstelle ist im Jahre 1983 dazugekommen und arbeitet eng mit dem Frauenhaus zusammen.

Meistens beruht Gewalt in der Partnerschaft auf ungleichen Machtverhältnissen. Der Mann übt Macht über die Frau aus und nutzt dafür Gewalt. Damals wurde häusliche Gewalt allerdings nicht als gesellschaftliches Problem angesehen. Sie galt als eine ‚Privatsache‘, die auch nicht strafrechtlich verfolgt wurde. Doch unter anderem durch die Einführung eines neuen Gewaltschutzgesetzes im Jahre 2002, wonach Kontakt- und Näherungsverbote bei einem Familiengericht beantragt werden können, und einer staatlichen Finanzierung der Frauenhäuser, fand eine Professionalisierung im Umgang mit häuslicher Gewalt statt.

„Natürlich können auch Männer von Gewalt betroffen sein, das wird momentan stark diskutiert. Es gibt jetzt auch eine Beratungsstätte für Männer, die Opfer von sexueller und häuslicher Gewalt geworden sind, aber es existieren kaum Untersuchungen zur Gewalt gegen Männer. Wenn es zu schwerer Gewalt kommt, sind Frauen tendenziell stärker und auch häufiger betroffen“, merkt Röstel an.

Im Haus leben die Frauen und ihre Kinder aller Altersstufen, unterschiedlicher Herkunft und Religion zusammen. Insgesamt sind es sieben Mitarbeiterinnen, zwei in der Beratungsstelle und fünf im Frauenhaus, die den Frauen die jeweils notwendige Unterstützung bieten. Dazu gehören zum Beispiel der gemeinsame Gang zum Anwalt, Hilfe bei der Job- und Wohnungssuche oder auch Dolmetschertätigkeiten. „Da es sich um eine Kriseneinrichtung handelt, ist jeder Tag ein bisschen anders und nicht immer genau planbar. Die Frauen leben im Prinzip wie in einer großen WG, es gibt keine Putzfrau oder Köchin, sondern der Alltag wird von den Frauen selbstständig organisiert. Das verläuft meistens auch relativ konfliktfrei. Wenn es manchmal Konflikte gibt, dann nicht auf Grund irgendwelcher kultureller Gründe, sondern eher, weil der Wäscheständer nicht abgehängt wurde oder die Spülmaschine nicht ausgeräumt ist“, berichtet Röstel.

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Der Zugang zum Frauenhaus ist in Kiel dank einer gesicherten Finanzierung sehr unbürokratisch. So können alle Frauen ungeachtet ihrer Einkommenssituation oder ihres Aufenthaltsstatus aufgenommen werden. Pro Jahr finden circa 100 Frauen und noch einmal so viele Kinder im Kieler Frauenhaus Platz. 2016 waren es beispielsweise 82 Frauen und ungefähr 100 Kinder. Auch ältere Jungen bis zu 18 Jahren, die zusammen mit ihrer Mutter einen Zufluchtsort suchen, können mit einziehen, was längst nicht in jeder Einrichtung möglich ist.

„In Kiel haben wir 26 Plätze für Frauen und ihre Kinder. Das reicht leider nicht, wir kämpfen seit Jahren dafür, mehr Plätze zu bekommen. In akuten Notfällen nehmen wir die Betroffenen aber immer auf. Am nächsten Tag sehen wir dann, wo noch ein Platz frei ist und können sie bestenfalls an ein anderes Frauenhaus weitervermitteln“, erklärt Röstel.

Nicht aufgenommen werden Frauen, die noch jünger als 18 Jahre sind, da es für diese ein Mädchenhaus gibt, wo sie Beratung bekommen können. Ebenfalls ausgeschlossen werden Frauen, bei denen eine akute Alkohol- oder Drogenproblematik besteht.

Für die Dauer des Aufenthalts im Frauenhaus sind keine Mietkosten zu zahlen. Wie lange eine Frau in der Einrichtung bleibt, variiert je nach äußeren Bedingungen und individuellen Lebenssituationen. So ist es beispielsweise aufgrund der Wohnungsknappheit in Kiel momentan der Fall, dass Frauen manchmal länger bleiben, als unbedingt notwendig. Betroffenen bietet das Frauenhaus Kiel einen Weg, das Erlebte zu verarbeiten und somit neue Perspektiven für ein Leben fern von Gewalt einzuleiten.


Bilder: Johanna Touoda

Über Johanna Touoda

Johanna Touoda

Johanna studiert seit dem Wintersemester 2016/17 Deutsch und Soziologie an der CAU. Sie ist seit Oktober 2016 Teil der ALBRECHT-Redaktion. Seit Juli 2017 leitet sie das Kulturressort.

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