Von wegen staubige, alte Bücher und Akten

Das Kieler Stadtarchiv bietet viele Möglichkeiten zum Recherchieren und Stöbern in Dokumenten vergangener Tage

Kleine Papierschnipsel bröseln vom porösen Buchrücken herab und das Schriftstück im DIN A 3-Format ist gefühlte fünf Kilo schwer, wenn man es in die Hand nimmt. Die unhandliche Größe erschwert das Umblättern der angefressen aussehenden Seiten. Diese sehr alten Bücher rund um die Landeshauptstadt finden sich im Kieler Stadtarchiv.

Im Rathausturm verstecken sich die schriftlichen Schätze, welche die Kieler Stadtgeschichte dokumentieren. Alle bewahrenswerten Akten der Kieler Stadtverwaltung werden dort aufbewahrt. Über mehrere Etagen erstreckt sich das Magazin des Archivs, sogar mit Außenstelle im Wissenschaftspark – doch das war nicht immer so. Als das Stadtarchiv 1911 gegründet wurde, sahen es die Politiker als „Wald- und Wiesenarchiv“ an, wie Dr. Johannes Rosenplänter, der derzeitige Leiter, erklärt. Bis heute kämpfen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für einen Neubau, um die Akten besser lagern zu können. Die Heizungsanlage knackt und der Boden ist uneben. Der Turm wurde nicht gebaut, um wichtige Dokumente aufzubewahren.


„Sex macht Spaß“ oder Infos rund um Verhütungsmittel
sind Themen in Kieler Schülerzeitungen aus den 60ern.

Betritt man das Magazin im Turm, so kommt einem statt modrigen Geruchs ein kühler Luftzug entgegen. Um die Schriftstücke optimal lagern zu können, herrschen permanent 18 Grad und die Luftfeuchtigkeit beträgt 50 bis 55 Prozent. Bis in die letzte Ecke stapeln sich die Kartons in den massiven metallenen Rollregalen. Die beigefarbenen Archivkartons sind basisch und gepuffert, damit sie das Papier nicht zersetzen. Das ist vor allem für Archivalien ab 1850 wichtig, da die Texte vorher meist auf tierischer Haut oder Textilien verfasst wurden. Diese sind solide und daher bis heute gut erhalten. Sie sind nicht so empfindlich wie das neuere Papier. Gerade Umweltpapier sei sehr schlecht aufzubewahren, da es sich leicht zersetzt.

Wer die originalen Dokumente studieren möchte, kann dies im Lesesaal tun. In diesem Raum voller Bücher befinden sich zehn Plätze sowie zwei PC-Arbeitsplätze und ein Mikrofiche-Lesegerät. Auf letzerem können alte Mikrofilme gelesen werden. Der Raum lädt mit seiner hellen Atmosphäre zum Arbeiten ein, es gilt jedoch zu bedenken, dass man dort in der Regel von anderen Wissbegierigen umgeben ist.

Zum Recherchieren haben die sechs Mitarbeiter des Kieler Archivs einen Online-Katalog angelegt. Dort sind mehr als 80.000 historische Akten und über 10.000 Bücher recherchierbar. Einige Dokumente sind sogar dort direkt digital erhältlich. „Trotzdem ist es wichtig, die Quelle im Original zu betrachten“, erklärt Johannes Rosenplänter. Es enthält beispielsweise durch Siegel oder den Informationsträger (Papier, Pergament et cetera) noch einen größeren Informationswert als die geschriebenen Worte. Besonders unterhaltsam sind die Schülerzeitungen, die ebenfalls gesammelt werden. In einem Exemplar aus den 60er Jahren werben die Jungredakteure mit der provokanten Headline „Sex macht Spaß“ oder Infos rund um Verhütungsmittel. Andere Quellen sind durch die altdeutsche Schrift oder schlechte Qualität der Tinte oder des Papiers schwerer zu entschlüsseln. Doch an dieser Stelle stehen einem die kompetenten Mitarbeiter mit Rat und Tat zur Seite. Also: Keine Angst vor staubigen Büchern, das Stadtarchiv hat eine Menge zu bieten. Nutzt die Möglichkeit, dort zu recherchieren.

Übrigens sind die Bestände des Stadtarchivs auch über die UB-Seite zu finden. Wer dort den Regionalkatalog Kiel auswählt, kann dort auch Quellen aus dem Stadtarchiv durchforsten. Wer lieber vor Ort sucht: Der Lesesaal im Kieler Stadtarchiv hat montags und dienstags von 8.30 Uhr bis 16.00 Uhr geöffnet, donnerstags von 8.30 Uhr bis 18.00 Uhr, mittwochs und freitags ist der Lesesaal geschlossen.


Quelle Titelbild: Timeless Books / Lin Kristensen / Wikimedia Commons

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Über Anna Lisa Oehlmann 0 Artikel
Anna Lisa ist seit dem Herbst 2010 als Redakteurin beim Albrecht tätig. Sie schreibt besonders gern Opernkritiken und Theaterrezensionen und leitete mehrere Jahre das Kulturressort. Der kulturelle Schwerpunkt begründet sich im Studium der Fächer Deutsch und Europäische Ethnologie/ Volkskunde.

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