(Vorläufige) Rettung in letzter Sekunde

Acht dunkel gekleidete Personen tragen einen Sarg zur Muthesius-Kunsthochschule und legen ihn dort ab. Mit gesenkten Köpfen versammeln sie sich in andächtiger Stille darum. Im Sarg umrahmen Blumen und Fotos fröhlicherer Tage die darin liegende Gestalt. Eine Schleife zu Füßen des Sarges betitelt „Studentenwohnheim Jägersberg 14. *1981 Ϯ 2014?“. So verlief die Beerdigung des Jägersbergs. Trauerreden wurden gehalten, Abschied genommen. Doch diesmal nur symbolisch.

Das Ganze war eine von vielen Aktionen, um die Öffentlichkeit auf das Schicksal des Wohnheims Jägersberg 14 aufmerksam zu machen. Denn schon seit Monaten kämpfen die Bewohner des Studentenwohnheims gegen die drohende Schließung ihres einzigartigen Zuhauses durch die FH. Das gleicht einer großen WG, es herrscht im Gegensatz zu üblichen Wohnheimen alternatives Flair und Gemütlichkeit. Genau dieses besondere Wohngefühl ist für die Jägersberger der Hauptgrund ihrer Mission: „Es geht uns nicht darum, hier selbst auf ewig wohnen zu bleiben, sondern darum, das Haus für zukünftige Generationen zu retten!“, sagt Bewohnerin Carina.

Mit einer E-Mail Ende November 2013 durch das Studentenwerk kam erstmals die Ankündigung, das Wohnheim zum 31.08.2014 zu schließen. Obwohl zwei Verträge bis 2015 vorliegen, einer sogar bis 2016, da das Datum damals falsch eingetragen wurde. Wie in der ALBRECHT-Ausgabe vom Juni 2014 berichtet, gab es daraufhin weitere Gespräche mit Klaus-Michael Heinze, dem Kanzler der FH sowie Vertretern des Studentenwerks Schleswig-Holstein zusammen mit anderen Hochschulvertretern und Politikern. Konsens dieser Gespräche blieb jedoch bisher, dass das Wohnheim laut der FH weiterhin geschlossen werden soll. Als Hauptargument benutzt Heinze dabei wiederholt die Annahme, dass die nötigen Sanierungskosten zu hoch seien, Gelder fehlten und der Erhalt sich somit finanziell nicht lohnen würde. Das wollen die Jägersberger jedoch nicht gelten lassen, denn es gibt bis heute weder ein Baugutachten noch eine Werteinschätzung des Grundstückes. Auf Nachfragen und Vorschläge diesbezüglich reagierte die FH bisher nicht. Allgemein sei der Kontakt zum Kanzler der FH sehr einseitig, nahm er beispielsweise Ende August seinen Jahresurlaub, während die Bewohner des Jägersberg in Ungewissheit lebten und Miete bezahlten, obwohl die Mehrheit von ihnen nicht einmal Mietverträge besitzt.

Foto: cw
Foto: cw

Das änderte sich erst in der Nacht vor einem geplanten zweiten Runden Tisch mit Vertretern der Muthesius, des Studentenwerkes und dem Staatssekretär für Wirtschaft, Wissenschaft und Bildung, Rolf Fischer, als sich Kanzler Heinze per E-Mail meldete. In dieser wurde angesprochen, dass die Verträge aller Jägersberger wohl bis 2016 angeglichen werden sollten. Zum Runden Tisch erschien die FH jedoch nicht. Auf den Vertragsvorschlag, den der Anwalt der Bewohner daraufhin der FH zukommen ließ, wurde noch nicht reagiert, sodass bis heute immer noch nichts Schriftliches vorliegt.

Mittlerweile sind daher aus verschiedenen Gründen sieben Bewohner ausgezogen, unter anderem zwei FH-Studenten, die auf Wohngeld angewiesen waren und dafür einen Mietvertrag benötigten. Insgesamt halbierte sich die Zahl der bewohnten Zimmer, sodass momentan sieben Zimmer leer stehen und in nächster Zeit nicht wieder bewohnt werden sollen, was gerade zu Semesterbeginn „auch nicht gerade der Wohnungsnot entsprechend“, so Mila, sei. Die geplante Verlängerung der Mietverträge löst außerdem noch nicht den eventuell drohenden Abriss oder den Verkauf. Die Jägersberger sind deshalb bemüht, sich weitere Unterstützung durch die Öffentlichkeit zu besorgen. So gibt es unter anderem eine eigene Facebookseite mit 500 Likes, in der Stadt ausliegende Unterschriftenlisten mit aktuell 2000 Zusprechern sowie einen eigenen Film auf Youtube. Das Feedback von Privatpersonen ist fast durchweg positiv und so wurden viele Leute erreicht, die vorher gar nicht wussten, dass es das Wohnheim überhaupt gibt. So auch angelockt durch ein Transparent an der Hausfassade.

Außerdem setzen sie sich weiter für die Klärung der komplizierten Rechtssituation der in die FH integrierten Stiftung ein. Manche Passagen der Stiftungssatzung können unterschiedlich ausgelegt werden. So heißt es beispielsweise an einer Stelle, das Grundstück und das Haus würden bei Stiftungsschließung an das Studentenwerk fallen. Umsonst. Jedoch stellten Vertreter des Studentenwerks mit Verweis auf die angeblich zu hohen Sanierungsmaßnahmen klar, dass sie es nicht haben wollten. Summen wie 500.000 oder eine Million Euro stehen im Raum. Die Bewohner des Jägersbergs sehen darin kein Problem. Es hätten sich schon diverse Helfer bei Ihnen gemeldet, die beim Umbau helfen würden, sie selbst würden sogar Geld reinstecken und versuchen, Spenden in Form von Arbeit zu finden. Außerdem hat ein Architekt Fotos des Hauses gemacht und eine Einschätzung gegeben, laut der die Sanierung unter 500.000 € zu bewerkstelligen sei. Es gäbe sogar einen Privatinvestor, der das Grundstück mit Gebäude gerne kaufen würde, um es als Wohnheim weiterzuführen. Diese Vorschläge wurden jedoch vom Kanzler der FH abgewiesen, der scheinbar an den Meistbietenden verkaufen will. In nächster Zeit wird von den Jägersbergern darauf hingearbeitet, die Erstellung eines Baugutachtens und die Neubelegung der leeren Zimmer zu erreichen, sowie einen dritten Runden Tisch abzuhalten. Und am Wichtigsten: die FH doch noch zum Zuhören zu bewegen.

Zeichnung: lh
Zeichnung: lh

Wer Fragen oder Vorschläge an die Bewohner hat, kann sich unter jaegersberg14@gmx.de melden.

Titelfoto: cw

Artikel teilen auf
Lena Siebels
Über Lena Siebels 12 Artikel
Lena war von 2014 bis Februar 2017 Teil der Redaktion. Von Juni 2014 bis Februar 2017 war sie die stellvertretende Chefredakteurin des ALBRECHT und somit zuständig für Finanzen und Anzeigen.

1 Trackback / Pingback

  1. Zimmer frei!? | DER ALBRECHT

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*