Wie ist es eigentlich, ostdeutsch zu sein?

Ein Kommentar von Juliane Baxmann

Bild: Uncollapse, Unsplash

„Eine Bratwurst bitte.“ 
„Ene was? Hamwa nich, wir ham nur Bockwurscht, Schmorrwurscht und Mettbrötchen.“  
Verwirrung. Was denn jetzt? „Ein Mettbrötchen bitte.“ Leicht irritiert nimmt mein Freund sein ungewolltes Mettbrötchen in die Hand, ich lächele.  
„Es wäre die Schmorrwurscht gewesen.“ 
 

So, oder so ähnlich lief es bis jetzt häufig ab, wenn mich Freunde aus meinem Heimatort in Ostdeutschland besuchten. Schon die kleinsten Dinge wie das Bestellen einer Wurst auf einem Volksfest stellten sie vor kulturelle Schwierigkeiten.  

Es fühlt sich irgendwie falsch an, das Wort „Ostdeutschland“ zu schreiben oder gar zu sagen und doch findet es immer wieder noch Verwendung in unserem alltäglichen Sprachgebrauch. Die innerdeutsche Grenze gibt es schon lange nicht mehr, und trotzdem fühle ich mich verpflichtet zu erklären, dass ich aus dem Osten des Landes komme. Oder um es noch besser auszudrücken: der ehemaligen DDR – Sachsen-Anhalt. Einer Provinz, wo die Straßen noch gepflastert und aufgerissen, das Internet noch schlecht und Rotkäppchen halbtrocken immer im Angebot ist. Wo Ausdrücke wie Polylux (Overheadprojektor) und Schmorrwurst (Bratwurst) die Herkunft verraten und sich um dreiviertel zwölf (viertel vor eins, 12:45 Uhr) zum Mittagessen verabredet wird. Dann werden Gerichte wie Schokoladensuppe, tote Oma oder Milchnudeln serviert und zum Nachtisch gibt es rote Grütze aus Gries mit Himbeergeschmack und Vanillesauce. Wo die Menschen AfD wählen, für Pegida auf die Straße gehen und sich die Mehrheit der Bevölkerung über 50 die „guten alten Zeiten“ zurücksehnt, als alles noch seine Ordnung hatte, und jeder einen Job. Eine Gegend, in welcher die Industrie lebt, die Urbanität jedoch eingeschlafen zu sein scheint, oder noch nie da gewesen.  

Der Osten Deutschlands wird mir immer ein Rätsel bleiben. Ich bin in einem kleinen Dorf in der Nähe der niedersächsischen Landesgrenze, in Sachsen-Anhalt, aufgewachsen, welches die Bezeichnung „Dorf“ auch noch verdient. Kein Supermarkt, keine Schule, noch nicht mal einen Kiosk, um sich eine Vita Cola oder eine Nährstange zu kaufen.  

Doch trotzdem würde ich mich nicht als „ostdeutsch“ bezeichnen. Meine Eltern kommen aus Niedersachsen, haben die Wende und ihre Jugend im „Westen“ erlebt. Ich wurde in Hannover geboren und fühlte mich nie wirklich als „Ossi“, auch wenn meine Freunde dieses Wort auch heute noch gern in den Mund nehmen. Mir fiel es schwer, meine Heimat zu definieren. Wüsste ich es nicht besser, würde ich sagen ich bin heimatlos. Denn einen Ort, ein Haus, eine Gegend, mit welcher ich mich identifizieren kann, gibt es nicht. Ich fühle mich weder ostdeutsch genug, um ostdeutsch zu sein, noch westdeutsch genug um westdeutsch zu sein. Kann ich nicht einfach nur „deutsch“ sein? 

Der Osten lebt von und mit seinen Klischees und diesen wird er auch fast immer gerecht. Die Unterschiede der Kulturen fielen mir schon früh auf. Ein paar Beispiele: Wir aßen zuhause nicht das Gleiche wie meine Freunde, meine Wortwahl fiel anders aus und ich hatte andere Werte und Vorstellungen von „Normalität“ und Alltag. Während die Jugendweihe gefeiert wurde, die erste große Party, saß ich zuhause. Wir fuhren nicht an die Ostsee in den Urlaub, sondern immer an die Nordsee, verreisten nach Amerika, Schweden und Holland. Meine Freunde nicht. Erzählte ich von meinen Reisen, konnten die meisten von ihnen sich nur schlecht vorstellen, warum jemand denn „so weit“ von zuhause entfernt Urlaub mache. Rügen sei doch auch eine schöne Insel. Warum dann zwei Stunden länger Auto fahren, um auf irgendeiner langweiligen Hallig in der Nordsee Krabben zu pulen? Auf Übernachtungspartys wurden zum Frühstück meist weiße Aufbackbrötchen von der Tankstelle – es gab ja keinen Bäcker im Ort – mit Lätta und Nudossi serviert. Auf Dorffesten hörte man nicht selten Songs von Bands wie Frei.Wild oder den Böhsen Onkelz und auf die “Wessis” wurde sowieso immer geschimpft. Auch meine Eltern erlebten dies das ein oder andere Mal.  

Ich fühle mich oft fremd, wenn ich in mein Heimatdorf fahre, und frage mich immer wieder: “Gibt es so etwas wie Diskriminierung innerhalb der deutschen Kulturen?” Ich glaube: Ja. Das Bild vom „dummen Ostdeutschen“ und „überheblichen Westdeutschen“ ist vor allem im Osten Deutschlands immer noch normal. Bezeichnungen wie „Dunkeldeutschland“, „Wessischwein“ und „Ossitante“ sind Alltag, und sie werden häufiger genutzt, als im ersten Moment vielleicht vermutet. Vorurteile, Anschuldigungen und kulturelle Unterschiede innerhalb Deutschlands sind normal und sie werden verharmlost dargestellt. Wenn ich den Gesprächen in den Dorfkneipen lausche, kommt die Befürchtung in mir auf, dass die Menschen diese Vorurteile und Gedanken niemals ablegen werden. Selbst die Generation Z, zu der ich selbst auch zähle, unterscheidet noch zwischen Ost und West, und das erschreckt mich immer wieder aufs Neue.  

Ich bin weder Ost, noch West, noch Süd, noch Nord. Ich esse keine Weißwurst, besitze kein Dirndl, spreche keinen Dialekt, habe kein Nationalgericht und keinen Hass auf andere Teile des Landes. Ich bin einfach nur deutsch und europäisch und einfach zuhause auf dieser Welt. Heute in Kiel, morgen in Köln, und vielleicht irgendwann auch wieder in Ostdeutschland. Und dann gibt es erstmal die gute alte Schmorrwurscht auf dem nächsten Dorffest.  

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