Zwischen Kippa und koscher

Eine deutsch-jüdische Konvertitin erzählt über Judentum, Israel und was sie bewegt.

Jana* strahlt, als sie von ihren Erlebnissen erzählt. Sie gehört zu den wenigen Menschen in Deutschland, die zum Judentum konvertiert sind. Im Vergleich zu anderen Ländern sind es hierzulande viele, die vorher mit dem Judentum nichts zu tun gehabt haben. Häufig stammen sie aus protestantischen Familien. „Ich habe schon immer an Gott geglaubt“, erzählt mir Jana, „aber so richtig wohl gefühlt habe ich mich in der Kirche nie“. So wie ihr geht es vielen jungen Menschen. Während sich die meisten ganz von der Religion abwenden, fing bei Jana hier die Suche nach spiritueller Identität erst an. Eine ganze Weile beschäftigte sie sich mit allen großen Weltreligionen. „Vor allem, dass sich das Judentum nicht nur als Religion, sondern auch als Kultur begreift, hat mich überzeugt. Es ist eine Kultur, die sich auch im Alltag widerspiegelt.“

Dabei scheint das Konvertieren zum Judentum nicht ganz einfach zu sein. Anders, als zum Beispiel in der katholischen Kirche, gibt es hier kein Religionsoberhaupt, welches für alle Gemeinden sprechen könnte. Darüber hinaus ist nicht für alle Juden ein jüdischer Konvertit gleich ein Jude. Im Staat Israel zum Beispiel gibt es strikte Anerkennungsregeln. Besonders orthodoxe Juden haben oft eine enge Definition vom Judentum. Denn traditionell gelten nur Menschen als Juden, deren Mütter auch jüdisch sind. Dennoch betont Jana im Laufe unseres Gesprächs immer wieder das Gefühl von Zugehörigkeit, welches sie in jüdischen Gemeinden gespürt habe. Sie habe aber auch hauptsächlich mit progressiven Juden zu tun gehabt. Diese gelten als liberaler. „Im Gegensatz zu ultraorthodoxen Juden äußern sie sich auch mal politisch“, meint Jana.

Einen Monat nachdem sie konvertiert war, reiste Jana nach Israel. Besonders prägend war für sie eine Begegnung mit einem Holocaust-Überlebenden am Holocaust-Denkmal. Als der 90-jährige bemerkt, dass Jana aus Deutschland kommt, geht er auf sie zu. Er spricht sie auf Deutsch an: „Ich finde es gut, dass junge Deutsche sich kritisch mit ihrer Geschichte auseinandersetzen“. Überhaupt habe sie als Deutsche in Israel keine schlechten Erfahrungen gemacht. Die Leute seien sehr interessiert an ihrer Familiengeschichte gewesen, aber niemand habe ihr Vorwürfe gemacht. „Es ist ihnen bewusst, dass ich persönlich nichts damit zu tun hatte“.

In den hiesigen Nachrichten wird über Israel vor allem im Zusammenhang mit dem Nahost-Konflikt berichtet. Auch Jana hat diese Allgegenwärtigkeit des Sicherheitsaspektes in Jerusalem gespürt: „Überall sind Soldaten, man hört Schüsse. Besonders in Ostjerusalem gibt es häufig Straßenschlach – ten zwischen Israelis und Palästinensern. Trotzdem habe ich ein Gefühl von Sicherheit empfunden. Als Tourist wird man vor den Kämpfen gewarnt, sodass man genug Zeit hat, sich aus der Gefahrenzone zu entfernen“.

Die Altstadt von Jerusalem ist von einer Mauer umgeben. Das jüdische, armenische, arabische und christliche Viertel gehen hier ineinander über. „Es gibt eine hohe Toleranz für alle Religionen“, erzählt Jana. „Jeder kann seine Religion offen ausleben. So hört man sowohl die Gebetsrufe aus den Moscheen, als auch die Kirchenglocken am Sonntag.“ Theoretisch eine multikulturelle Gesellschaft. Im Alltag blieben die Angehörigen der verschiedenen Glaubensrichtungen jedoch in ihren Vierteln.

Mit ihrer Konversion zum Judentum hat Jana auch versucht, ganz bewusst ein Statement gegen die Nazivergangenheit ihres Opas zu setzen. Dieser habe immer geleugnet, für die Nazis gearbeitet zu haben. Erst im Zuge seiner Demenzerkrankung kam die Wahrheit ans Licht. Immer wieder verfiele er in Beleidigungen gegenüber Juden. Jana möchte dafür einstehen, dass so etwas Schreckliches wie die Shoa nie wieder passiert. Sie wolle nie ein Leben führen, welches sie, wie ihr Opa, später verleugnen müsse. Vor allem wolle sie sich dafür einsetzen, dass Juden, aber auch Angehörige anderer Religionen, sich offen zu ihrem Glauben bekennen können. Damit spricht sie einen wunden Punkt an. Denn noch immer werden jüdische Gemeinden weltweit, auch in Deutschland, bedroht. So werden jüdische Schulen in Berlin wegen der Anschlagsgefahr von der Polizei bewacht. Und noch immer gibt es Vorurteile gegenüber Juden. „In christlich geprägten Ländern sind diese oft stärker ausgeprägt als in muslimischen“, sagt Jana. „Viele Menschen wissen hier sehr wenig über das Judentum. Vielleicht liegt das daran, dass es im jüdischen Glauben im Unterschied zu anderen Religionen nicht erlaubt ist, zu missionieren“.

Die Brauchtümer im Judentum sind vielfältig. Es gibt zum Beispiel die sogenannten Essensgesetze. Dazu gehört auch koscher zu essen, also Milch und Fleischprodukte nicht gleichzeitig zu sich zu nehmen. Stattdessen mache man dazwischen eine Pause von bis zu vier Stunden. Auch benutze man unterschiedliche Pfannen und Töpfe sowie verschiedenes Besteck. Manche Juden hätten sogar zwei Kühlschränke oder Borde für die Aufbewahrung. Wie Muslime essen auch Juden kein Schweinefleisch.

Der wichtigste Festtag ist der Shabbat, der allwöchentlich begangen wird. Bei dieser Gelegenheit kommen Familie und Freunde zusammen und beginnen den Shabbat gemeinsam. Nach dem Gebet wird gesungen und gegessen. So lässt es sich gut aushalten, dass ab Sonnenuntergang nicht mehr gekocht und gearbeitet werden darf. Erst Samstagabend neigt sich der Shabbat dem Ende zu. Der Sonntag ist für Juden schließlich wieder ein ganz normaler Arbeitstag. „Es ist schwierig, diese Kultur in Deutschland ganz auszuleben“, verrät Jana.

Oft wird vom jüdischen Humor gesprochen. Als ich Jana danach frage, lacht sie. „Es ist ein sehr schwarzer Humor, sehr deftig, teils grenzwertig. Man nimmt sich gerne selbst aufs Korn. Allgemein ist die Erzählkultur unter Juden stark ausgeprägt. Vor allem die Älteren erzählen gerne von ihren Erfahrungen.“

Janas Geschichte ist ungewöhnlich. Vor allem vor dem Hintergrund des Nahostkonfliktes, bei dem auch die europäischen Juden ins Visier der Kontoverse geraten. Aber sie sagt: „Man muss das Handeln Israels vom jüdischen Glauben abgrenzen. Traditionell ist die jüdische Kultur gegen Gewalt.

*Name von der Redaktion geändert.

(Titelbild: Petra Bork / pixelio.de)

Mirjam ist seit 2013 Redakteurin des Albrechts.

Mirjam Michel
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