Die Geschichte der Hansastraße Nummer 48

27. März 1981. An der straßenzugewandten Fassade des Vorderhauses in der Hansastraße Nr. 48, in unmittelbarer Nähe zur Universität, wird ein großes Transparent aufgehängt: „Düt Hus is nu in unser Hand. Bewahrt uns dat vör Flot und Brand und annere Malörigkeit. Mit een Wort: lat stahn as steit!“ Es ist die Ankündigung einer Besetzung und markiert zugleich den Beginn einer anhaltenden Erfolgsgeschichte.

Die 1902 erbaute Hansa48 musste in ihrer bewegten Geschichte bereits abwechselnd als Brauerei, Lagerstätte, Kartoffelgroßhandlung oder Sauerkrautfabrik herhalten, um nur einige Beispiele zu nennen. Mitte der 70er-Jahre fanden einige Studierende in dem alten Fabrikgebäude ihr Zuhause und nannten sich liebevoll die Schultheiss-WG, nach einer Bierfirma, die einige der Räumlichkeiten als Lager nutze. Aufgrund kaum vorhandener Einmischung der in die Jahre kommenden Eigentümerin, konnten sie sich in alternativen Lebens- und Wohnformen ausprobieren. Das wurde jedoch in Frage gestellt, als die Wankendorfer Baugenossenschaft den Gebäudekomplex „auf Abriss“ kaufte, gewinnbringende Eigentumswohnungen sollten gebaut werden. Die Bewohner:innen mussten ihre Heimat, die ihnen fast unbegrenzten kreativen Freiraum bot, verteidigen. 

Die von der Hausbesitzerszene

Sie griffen im Frühling 1981 also zum Mittel der Hausbesetzung, das in der gesamten Bundesrepublik große Beliebtheit genoss, um der damals schon vorherrschenden Wohnungsnot entgegenzutreten. So wurden in Kiel auch Häuser am Sophienblatt und das in der Herzog-Friedrich-Straße liegende Sophieneck besetzt. Im Gegensatz zu diesen konnte der Gebäudekomplex der Hansa48 jedoch vor dem Abriss gerettet werden. Die Bewohner:innen setzten nicht auf Revolution. Sie gründeten einen Verein, erzeugten durch Informationsveranstaltungen und kulturelle Angebote von Anfang an ein großes öffentliches Interesse und traten in den Dialog mit den neuen Eigentümer:innen und der Stadt Kiel. Dass am Tag der Besetzung lediglich zwei Polizisten vorbeikamen, sich einige Notizen machten und dann wieder ihrer Wege gingen, ist vielleicht bezeichnend dafür. 

Von Auseinandersetzungen und Diskussionen geprägte anderthalb Jahre später, im Dezember 1982, konnte die Hansa48 schließlich rechtmäßig von den Hausbesetzter:innen erworben werden. Finanziert wurde der Kauf durch eine Art frühes Crowdfunding und unter Mithilfe der Stadt Kiel, die darin das Potenzial eines Kulturzentrums sah. Von denen hatte die Landeshauptstadt bis dahin kaum welche zu bieten und die SPD konnte zudem Wiedergutmachung betreiben, den Abriss der anderen Häuser hatte sie zuvor vorangetrieben. Aus Hausbesetzenden wurden Hausbesitzende.  

Die Hansa48 als Kulturzentrum

Über die Jahrzehnte haben sich in den Räumlichkeiten der Hansastraße 48 vielfältige Vorhaben entwickelt, die über die einstige Schultheiss-WG hinausgehen. Ein solidarisches Wohnprojekt – um die 25 Erwachsene und fünf bis zehn Kinder haben im Gebäude Platz –, ein Kneipenkollektiv oder eine Fahrradwerkstatt sind nur ein paar Beispiele dafür. Des Weiteren hat sich die Hansa48 mit ihrer im Haus integrierten Bühne tatsächlich zu einem bedeutenden Ort für Kultur in der Landeshauptstadt etabliert, institutionell durch den Staat gefördert. Zur Programmauswahl sagt Jan-Hinnerk Wittmershaus, der gemeinsam mit Amrei Hoffmann im Kulturbüro der Hansa festangestellt ist: „Ich bekomme Steuergelder aus der Stadt, dann ist diese Bühne auch möglichst niedrigschwellig für Menschen, die hier wohnen und hier Kultur machen wollen.“ Als gemeinnütziger Verein können sie so auch unbekannteren Künstler:innen eine Chance geben.

Freier Raum für Ideen und Wissenschaft

Den Krisen unserer Zeit geschuldet, sehen sie eine Verpflichtung, dass sich das Programm nicht nur dem Spaß und der Freude widmen darf. Gesellschaftspolitisch relevante Themen sollen angegangen werden. Dabei verfolgen sie als Kulturbüro jedoch keine explizit politische Agenda, Amrei fasst ihre Arbeit schlicht wie folgt zusammen: „Wir bieten die Bühne für die Leute, die auf der Bühne stehen.“ Ihre Aufgabe ist es, für die Rahmenbedingungen zu sorgen, dass alles aufgebaut und sauber ist, für die Veranstaltung geworben wird und natürlich die Getränke bereitstehen. Die jeweiligen Künstler:innen bekommen dadurch eine Plattform, auf der sie ihre Ideen frei umsetzen können und damit auch die Möglichkeit, mit ihren politischen Überzeugungen zum öffentlichen Diskurs beizutragen. Auch die Uni, die genau um die Ecke liegt, wird durch Vorträge von Forscher:innen im Programm miteingebunden. Besonders in der Coronapandemie wollte die Hansa48 einen Gegenpol zu den Wissenschafts-Leugner:innen bilden.

Vor etwas mehr als 40 Jahren wurde die Hansastraße Nr. 48 besetzt und hat seitdem viel bewegt. Zur Zukunft sagt Amrei: „Ich würde mir wünschen, dass die Hansa weiterhin ein Ort bleibt, an dem Menschen gerne zusammenkommen, gerne verweilen. Ein Ort zum Austausch und zur Vernetzung, um sich weiterzubilden, Sachen zu erfahren, aber auch, um eine schöne Zeit zu haben. Das fände ich schön. Und wie das ausgeht, werden wir in 40 Jahren herausfinden.“

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