Flächenbesetzung für eine solidarische Wohnungspolitik in Kiel

Im Meimersdorfer Moor, neben den Bahngleisen, stehen einige Bauwagen und ausgebaute LKWs. Schon seit 2019 ist der Wagenplatz Schlagloch hier zu Hause. Ein alternatives Wohnprojekt, das nicht nur einen kulturellen Ort der Begegnung und des Austausches schaffen will, sondern sich auch für eine solidarische Wohnungspolitik in Kiel einsetzt. Nach der Gründung Ende 2016 folgte ab April 2017 eine circa zweijährige Odyssee durch Kiel. In dieser besetzte der Wagenplatz verschiedene Seitenstreifen und Parkplätze. An ihrem jetzigen Standort, etwas außerhalb in der Natur, werden sie von der Stadt geduldet.  

Volles Haus und leeres Wohnzimmer 

Es ist nicht das erste Mal, dass ich zum Wagenplatz fahre. Dementsprechend vertraut ist mir der Weg, welcher ein Stück durch den Wald führt. Allerdings war ich sonst immer auf offiziellen Veranstaltungen wie zum Beispiel dem Geburtstagsfest anlässlich des sechsjährigen Bestehens der Gruppe. Während sich an diesem Tag Ende April noch 200 bis 300 Personen zwischen Buffet, Bar und Bühne getummelt haben, treffe ich heute auf keinen einzigen Menschen, als ich an der Feuerstelle und Tischtennisplatte vorbeilaufe. Ein wenig habe ich das Gefühl, ich wäre in ein fremdes Wohnzimmer eingedrungen. 
Doch dann wird meine Anwesenheit bemerkt. Freudig werde ich von Kims Hund begrüßt. Kim studiert an der CAU und hat mich eingeladen, mehr über die politischen Ziele des Wagenplatzes Schlagloch und deren Besetzung zu erfahren.  

Mehr Selbstbestimmung 

Trotz meines ersten Eindrucks sind einige Menschen auf dem Platz. Eine Person, die bald ebenfalls auf den Platz zieht, baut eifrig an ihrem Bauwagen herum. Die Wände müssen gedämmt, eine Küche, Bett und Stauraum eingebaut werden. Viel Arbeit, aber es lohnt sich. 

„In der Wohnung hast du einen Vermieter, dem Geld gezahlt werden muss. Es ist nicht dein Wohnraum, du darfst damit nicht alles machen, was du willst. Hier kann ich das. Für mich ist das eine Form von Selbstbestimmung zu sagen, das hier ist meins, es ist zwar klein aber fein“, wird mir später erzählt. 

Mehrwert für die Stadt 

Ich werde in einen ausgebauten LKW gebeten und staune, wie viel Wohnraum der Truck bietet. Unter dem Hochbett hat sogar ein Sofa Platz. Außerdem treffe ich auf weitere Bewohner*innen. Sie bitten mich, nicht ihre Namen zu nennen. Auch Kims Name wurde von der Redaktion geändert. „Das Wohnprojekt ist aktuell nicht legal, ich möchte nicht, dass irgendjemand meinen Namen hat und den weitergibt“, wird mir erklärt. Denn obwohl der Wagenplatz Schlagloch schon seit 2017 in Kiel präsent ist und die Gruppe dementsprechend schon lange für einen festen Platz kämpft, sind sie immer noch nur geduldet. „Das ist auch krass frustrierend, denn eigentlich wollen wir einen Platz schaffen, der einen Mehrwert für die Stadt darstellen soll“, äußert Kim. Damit ist gemeint, dass der Wagenplatz ein offener, unkommerzieller Ort sein soll, den alle nutzen können. Deswegen veranstalten sie auch mehrere offene Treffen im Monat, bei denen sich interessierte Menschen einbringen oder zum Tischtennisspielen oder gemütlichen Beisammensein vorbeikommen können. Aber auch Bildungsveranstaltungen finden auf der besetzen Fläche statt.  

Bild: Sammy Kühne

Wem gehört die Stadt? 

„Kulturelle und politische Arbeit macht unser Projekt auch außerhalb der Besetzung aus!“, betont eine anwesende Person und macht klar, dass sie nicht nur für sich kämpfen, sondern für eine solidarische Wohnungspolitik der Stadt. „Wir beschäftigen uns auch mit der Frage, wem gehört diese Stadt und wer bestimmt, wie Räume genutzt werden können?“, wird mir erklärt.  Weiter wird ausgeführt, dass es meistens Investor*innen sind, deren Interessen bei der Stadtplanung berücksichtigt werden. Kritisiert wird ebenfalls, dass Bauprojekte, die zur Aufwertung von Stadtteilen dienen, auch immer die dort lebenden Menschen verdrängen. 
Deswegen beteiligt sich der Wagenplatz auch bei verschiedenen Aktionsbündnissen, wie zum Beispiel dem Bündnis für bezahlbaren Wohnraum Kiel. 

Bild: Sammy Kühne

Kampf um Zeit 

Dass die politische Arbeit Früchte trägt, zeigt sich. Aktuell ist die Gruppe in Verhandlungen mit der Stadt über eine Zwischennutzung des ehemaligen MFG5 Geländes. 
„Aber, dass die Grünen den Antrag gestellt haben, dass wir auf das MFG5 Gelände ziehen dürfen, haben die nicht einfach so gemacht. Wir haben ein Jahr vorher angefangen, auf deren Mitglieder*innen-Versammlungen aufzutauchen, Flyer zu verteilen und Druck zu machen“, wird mir stolz berichtet. Aber auch, dass sich die aktuellen Verhandlungen sehr frustrierend anfühlen. Ein großer Diskussionspunkt ist die Nutzungsdauer, die dem Wagenplatz zugesprochen wird. „Da kämpfen wir gerade mit der Stadt. Wir haben fünf Jahre gefordert, beziehungsweise bis zum tatsächlichen Baubeginn. Aktuell ist aber der Stand, dass die Verwaltung uns nur zwei Jahre geben möchte und dann wieder neu schauen will. Zwei Jahre, um anzukommen und etwas Neues aufzubauen, in Begegnung mit anderen Menschen zu kommen, eine Infrastruktur einzurichten, ist sehr wenig“.  

„Mir fehlt hier nichts” 

Nichtsdestotrotz winkt eine baldige Legalität, die viele neue Interessierte anlockt. Doch wer in einen Wagen ziehen und sich dem Wohnprojekt anschließen möchte, braucht das Okay aller. Denn das Zusammenleben wird basisdemokratisch und hierarchiefrei gestaltet. Jede Person darf mitreden und wird von der Gruppe als wertvolles Mitglied gesehen. „Für mich war ein Beweggrund hierher zu ziehen, das Miteinander und Zusammenleben kollektiv zu bestreiten, gemeinsam zu gucken, welche Bedürfnisse da sind und wie diese gemeinsam erfüllt werden können“, teilt ein*e Bewohner*in mit. Das zu organisieren, sei aber auch mit viel Arbeit und Kommunikation verbunden. 

„Ich finde auch, dass das gemeinschaftliche Leben hier super wichtig und spannend und total anders ist, als es sonst zu finden ist. Man ist füreinander da, gestaltet den Alltag solidarisch miteinander. Ich bin während der Corona-Zeit hergezogen, da habe ich das echt gemerkt und genossen: Das Gefühl von ‚wir sind eine Gemeinschaft’ und mir fehlt hier nichts“, schließt sich eine weitere Person bei der Frage an, was das Leben auf dem Wagenplatz ausmacht. 

Autor*in

Franzi studiert Deutsch und Soziologie und schreibt seit Beginn des Wintersemesters 22/23 für den ALBRECHT.

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